In der langen Nacht, in der vieles verboten war, beherrschte das Vergangene die Bühne. Die glorreiche Geschichte und die alten Könige waren Mythen, um Bestehendes zu verherrlichen, aber auch Masken, um Gegenwärtiges durchscheinen zu lassen. Unter dem Gewand des Absurden wagte sich das Moderne heran, während das populäre Revuetheater vorsichtig das Blatt vom Mund nahm, um Kritisches zu äußern. Nach den Nelken in den Gewehren öffneten sich Grenzen und Schranken. Die Poesie war auf der Straße, wie es damals so schön hieß, und das Theater in Übersetzung, das in der langen Nacht erst nach langwierigen Verhandlungen manchmal erlaubt wurde, überflutete die Bühne und erregte die größte Neugier – bis heute. Das Gefühl, dass “draußen” (ein immer noch oft verwendetes Wort für das Ausland) sich das Beste und Aufregendste abspielt und die bizarren Ungereimtheiten “nur in diesem Land” am Rand von Europa stattfinden, lässt sich auch in der Zeit der weit und breit vernetzten Welt nicht so leicht austreiben. Der Stolz auf die großen Dichter und die beliebten Romanautoren verdeckt das Misstrauen gegen die vermeintliche Existenz einer portugiesischen dramatischen Ader und erklärt die Tendenz, Romane und Erzählungen für die Bühne zu bearbeiten und Collagen von Gedichten zu präsentieren. Aber die neue portugiesische Dramatik bewegt sich doch, obwohl sie meistens nur kurz und auf kleinen Bühnen für ein besonders interessiertes Theaterpublikum aufgeführt wird.
Die neuen portugiesischen Stücke, die für die vielen Wettbewerbe zur Belebung der portugiesischen Dramatik oder als Auftragswerke für die Theater geschrieben werden, unterscheiden sich in ihren Themen und Formen nicht sonderlich von anderen neuen europäischen Dramen: Familien, die auseinander brechen und aus deren Kokon oder Fängen man sich zu befreien versucht; Paare, die nicht kommunizieren können; junge Leute, die orientierungslos ihren Weg suchen; Konflikte in der multikulturellen Gesellschaft, in der Arbeit und Unterkunft nicht mehr so leicht zu finden sind; Reales, das sich in realistischer Sprache äußert und Surreales, das sich in verspielt poetischer Sprache darstellt. Eigenartig ist vielleicht der immer noch bestehende Hang zur Vergangenheit. Die alten Könige und die Geschichten aus alten Zeiten spuken auch in den neuen Dramen herum, aber ein neuer Blick ist an den Versuchen zu erkennen, die jüngste Geschichte, die noch nicht ganz verheilten Wunden des Kolonialkrieges, zu verarbeiten und im europäischen Konzert irgendetwas wie ein durch Ironie und Witz gebrochenes Vertrauen auf das Eigene und daher auch Besondere zu entwickeln.
Originalbeitrag für den Katalog der Biennale Neue Stücke aus Europa 2008.

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