Archive for December, 2009


In der langen Nacht, in der vieles verboten war, beherrschte das Vergangene die Bühne. Die glorreiche Geschichte und die alten Könige waren Mythen, um Bestehendes zu verherrlichen, aber auch Masken, um Gegenwärtiges durchscheinen zu lassen. Unter dem Gewand des Absurden wagte sich das Moderne heran, während das populäre Revuetheater vorsichtig das Blatt vom Mund nahm, um Kritisches zu äußern. Nach den Nelken in den Gewehren öffneten sich Grenzen und Schranken. Die Poesie war auf der Straße, wie es damals so schön hieß, und das Theater in Übersetzung, das in der langen Nacht erst nach langwierigen Verhandlungen manchmal erlaubt wurde, überflutete die Bühne und erregte die größte Neugier – bis heute. Das Gefühl, dass “draußen” (ein immer noch oft verwendetes Wort für das Ausland) sich das Beste und Aufregendste abspielt und die bizarren Ungereimtheiten “nur in diesem Land” am Rand von Europa stattfinden, lässt sich auch in der Zeit der weit und breit vernetzten Welt nicht so leicht austreiben. Der Stolz auf die großen Dichter und die beliebten Romanautoren verdeckt das Misstrauen gegen die vermeintliche Existenz einer portugiesischen dramatischen Ader und erklärt die Tendenz, Romane und Erzählungen für die Bühne zu bearbeiten und Collagen von Gedichten zu präsentieren. Aber die neue portugiesische Dramatik bewegt sich doch, obwohl sie meistens nur kurz und auf kleinen Bühnen für ein besonders interessiertes Theaterpublikum aufgeführt wird.

Die neuen portugiesischen Stücke, die für die vielen Wettbewerbe zur Belebung der portugiesischen Dramatik oder als Auftragswerke für die Theater geschrieben werden, unterscheiden sich in ihren Themen und Formen nicht sonderlich von anderen neuen europäischen Dramen: Familien, die auseinander brechen und aus deren Kokon oder Fängen man sich zu befreien versucht; Paare, die nicht kommunizieren können; junge Leute, die orientierungslos ihren Weg suchen; Konflikte in der multikulturellen Gesellschaft, in der Arbeit und Unterkunft nicht mehr so leicht zu finden sind; Reales, das sich in realistischer Sprache äußert und Surreales, das sich in verspielt poetischer Sprache darstellt. Eigenartig ist vielleicht der immer noch bestehende Hang zur Vergangenheit. Die alten Könige und die Geschichten aus alten Zeiten spuken auch in den neuen Dramen herum, aber ein neuer Blick ist an den Versuchen zu erkennen, die jüngste Geschichte, die noch nicht ganz verheilten Wunden des Kolonialkrieges, zu verarbeiten und im europäischen Konzert irgendetwas wie ein durch Ironie und Witz gebrochenes Vertrauen auf das Eigene und daher auch Besondere zu entwickeln.

Originalbeitrag für den Katalog der Biennale Neue Stücke aus Europa 2008.


Ein Titan. Trägt auf den Schultern das Himmelszelt, lebt für die Kunst. Das zeigt sich mitunter daran, dass er seinen Assistenten in den Wahnsinn treibt, die Entwürfe des Bühnenbildners täglich heulend zerreißt und darum bittet, man solle ihn nicht demütigen. Er quält die Schauspieler bei den Proben, indem er ihnen ein Loch in den Bauch redet, auf der Bühne um sie herumspringt und im Grunde genommen niemanden arbeiten lässt. Die Kritiker hasst er, mehr als sie nur die anderen jungen Regisseure. Zwar sieht er sich deren Arbeiten nie an, doch ist seine Meinung über die Kollegen summarisch und unabänderlich vernichtend (diese halten es ebenso). Er fühlt sich einsam, versteckt sich häufig nach den Premieren und weint, auf jeden Fall besäuft er sich gründlich. Seine Manie ist die Demut, die Demut vor der Kunst, die Demut vor der Arbeit, die Demut voreinander. Er ist ungeheuer stolz darauf, bescheiden zu sein. Er behauptet, keine Kritiken zu lesen, insgeheim liest er sie nicht nur, sondern lernt sie (im positiven Falle) auswendig. Gute Kritiken hängt er auch ans schwarze Brett oder lässt Fotokopien heimlich auf dem Tisch in der Kantine liegen. Später schiebt er das dem Assistenten in die Schuhe, dem er dafür in aller Öffentlichkeit den Kopf wäscht. An normalen Arbeitstagen sitzt er bis spät in den frühen Morgen in der Kantine, schüttet seinen Schauspielern sein Herz aus oder bläst alleine Trübsal. Mit der Zeit wird er ernsthafter, heiratet und bewirbt sich um die Stelle des Intendanten.

Originalbeitrag für den Katalog der Biennale Neue Stücke aus Europa 2008. Aus dem Ungarischen von Éva Zádor.


In der Symbolik wird er mit einer weißen Wodkaflasche vor silbernem Hintergrund dargestellt, keiner weiß warum. Stücke liest er nicht, eigentlich hat ihn noch nie jemand lesen sehen, seine Bekannten meinen, er kann es gar nicht. Den Text des gerade probenden Schauspielers spricht er weiter, doch währenddessen blickt er routiniert ins Nichts und denkt an seine Hypothek. Mit den Schauspielern spricht er ausschließlich schreiend, mit dem Inspizienten, dem Requisiteur sehr schreiend, mit dem Assistenten wie mit einem Hund, mit dem Bühnenbildner gar nicht, zu ihm schickt er den Assistenten. Zum Intendanten schickt er ebenfalls den Assistenten. Während der Probe tauscht er sich ausschließlich mit dem ersten Assistenten aus, doch da er schreiend flüstert, erfährt jeder alles. Die ersten zehn Minuten der Probe vergehen damit, dass er sich erklären lässt, wer auf der Bühne wer ist und warum er da ist. Wenn er das, was er sieht, für Blödsinn hält und seiner Meinung mit am Hals anschwellenden Adern Stimme verleiht, darf man ihm nie mitteilen, dass er am Vortag darum gebeten hat. Wenn er im dritten Akt brüllend fragt, warum der König nicht hereingekommen sei, flüstern wir ihm nur sehr leise zu, dass der König bereits im ersten Akt geköpft wurde. Wir glauben ihm schnell, dass er nur einen Spaß gemacht habe, und lachen laut mit.

Originalbeitrag für den Katalog der Biennale Neue Stücke aus Europa 2008. Aus dem Ungarischen von Éva Zádor.


Mir gefällt es, eine Muttersprache wie eine Fremdsprache zu sehen, eine Sprache, die man besucht, nicht als Tourist, sondern als Reisender. Ein Reisender ist immer schwach, da er von außen kommt, gleichzeitig ist er aber auch stark, da er unvorhersehbar sein kann: liebenswürdig oder unangenehm. Er ist frei und nicht verpflichtet, sich an die Konventionen und Codes zu halten. Und wenn er sie anwendet, dann nicht aus Verpflichtung, sondern, weil er Freude daran hat oder sie respektiert. Er kann diese “Fremdsprache” so interessiert wie auch unhöflich, brutal oder gewissenhaft besuchen. Er kann ihr ein anderes Ziel geben, sie verformen, sie verdunkeln, sie entgleisen lassen. Er kann sie ebenso ungeschickt wiedergeben, sie schreien lassen, delirieren oder Unsinn reden lassen. Durch diese Behandlung erhält die Sprache einen Status, eine Art, in Erscheinung zu treten, etwas Organisches, das dann letztendlich einen exotischen Geschmack bekommt.

Bleiben wir bei der Reise. In einer “globalisierten” Welt schreiben, ist so, als würde man in einem riesigen Netz mit Millionen von Knotenpunkten zum Reisenden werden, ein Netz, das sich nicht nur horizontal, sondern auch vertikal ausdehnt, eine Welt, in der die Realität schwer zu entziffern ist. Die Reise an sich wird das Ereignis und nicht der Zielort, denn es gibt keine Ziele mehr. Eine neue Dramaturgie der Reise entsteht: der Reisende wird zum Nomaden, er ist immer unterwegs. Seine Reise erhält nur durch das, was er entdeckt, einen Sinn, was er hier und da erntet, was er bewusst behält oder nicht. Der Text und seine Bedeutung bauen sich Schritt für Schritt nicht durch Zufall, sondern durch die Gleichzeitigkeit von gegenübergestellten Elementen auf. Es handelt sich also nicht mehr um eine Geschichte, sondern um den Bericht über eine endlose Strecke. Diese nomadische Dramaturgie wird vorgestellt und nicht dargestellt, wird mehr zum Prozess als zum Ergebnis.

Die nomadische Dramaturgie könnte als ein Versuch wahrgenommen werden, sich einen Weg durch die Komplexität der heutigen Welt zu bahnen, eine Komplexität, die oft eine Rechtfertigung dafür ist, nicht mehr zu verstehen, egal, was es ist, die Unfähigkeit scheint eine Mode zu sein. Es handelt sich weder darum, “seinen Weg zu finden”, noch eine Route zu planen, der man folgt, um eine weitere Bedeutung zu finden, vielmehr darum, Bedeutungen zu schaffen, die vollständig vom Ort abhängen, an dem man sich ab und an befindet.

Der Nomade/Schriftsteller kann verschiedene Haltungen beim Durchreisen dieses “globalisierten” Netzes haben. Er kann Asylbewerber sein, ohne Papiere, jemand, der mittellos und marginalisiert ist. Er kann genauso vorgeben, eine Wirklichkeit zu jagen. Es geht also nicht mehr darum, die Schönheit einer Wirklichkeit zu beschreiben, oder zu versuchen, die eine oder andere Wahrheit zu finden; Schreiben wird nur die Beziehung zu einer Wirklichkeit ausdrücken, eine ungreifbare Wirklichkeit, doppeldeutig, schwierig zu benennen und zu dekodieren.

Die Sprache wird Schritt für Schritt zu einer Art Erscheinung, eine naive und verletzliche Einheit, ein unvollständiges Duplikat einer “globalisierten” Welt, die vielleicht nicht einmal existiert. Die nomadische Dramaturgie scheint die Dramaturgie des Verschwindens zu sein. Die Struktur und die Personen scheinen in diesem Netz zu ertrinken, sie wehren sich aber gegen ihr Verschwinden.

Es hält sich eine fast rührende Lust am Leben – sie gibt den Texten melancholische und nostalgische Akzente.

Originalbeitrag für den Katalog der Biennale Neue Stücke aus Europa 2008. Aus dem Französischen von Sabine Hartmann.


The Aristotelian approach consists of deriving a general model from a stage play in order to be able to analyze it and codify the dramaturgical system contain therein – a kind of template, which an author may use for future texts. Yet there are also other ways to devise a dramaturgical system that are not based on analysis of texts and their functionality, but rather on analysis of the author‘s surroundings: of reality, and the author‘s perception of it. In the 21st century, our perception of reality has been strongly influenced by the increasing significance of mass media, the internet and its impact on us. This medial reality virtually outwits our previous reality, which had become more and more incoherent ever since the invention of the quantum theory.

Translated into English by Lynnette Polcyn


Your selfless dedication to our festival has continued to astound me for 18 years. I look forward to seeing you in June 2010 in Wiesbaden and Mainz – and to hearing the polyphony of European voices and exciting debates! Yours, Manfred Beilharz

Cela fait maintenant 18 ans que j’admire votre travail tant altruiste pour notre festival. Je me réjouis de vous retrouver tous en juin 2010 à Wiesbaden et à Mayence – et de retrouver aussi l’ensemble de voix européennes et des discussions passionnantes! A très bientôt, Manfred Beilharz

Seit 18 Jahren stehe ich staunend vor euerer selbstlosen Mitarbeit an unserem Festival. Ich freue mich auf Euch im Juni 2010 in Wiesbaden und Mainz – und auf das europäische Stimmengewirr und spannende Debatten! Euer Manfred Beilharz


December 1, 2009 9:00 amtoDecember 2, 2009 2:00 am

Der newplays-Blog ist online und wartet auf spannende Diskussionen der Paten der Biennale Neue Stücke aus Europa.