Archive for February, 2010


Vor mehr als hundert Jahren berichtete Oscar Wilde mit offensichtlicher Erheiterung – und seiner wie üblich kalkulierten Provokation – über die Arbeitsweise des Romanciers Émile Zola. Der große Naturalist verbrachte, wie Wilde festgestellt hatte, Monate beim Recherchieren für jeden neuen Roman. Wenn Zola über die Slums von Paris schreiben wollte, machte er sich auf, um dort zu wohnen! Wilde selbst dagegen behauptete, ein Künstler von ganz anderer Art zu sein. Selbst wenn er nur einen Vormittag beim Lesen über ein bestimmtes Thema in der British Library verbracht habe, würde das sein Interesse töten, und er könne nicht mehr darüber schreiben.

Ich bin ein großer Verehrer von Zolas Werk. Wilde bietet eine verständnislose Reduktion der Arbeitsweise des französischen Meisters. Zola hat tatsächlich beim Schreiben eines neuen Romans bis zu einem Jahr damit verbracht, Notizbücher mit Statistiken und Beobachtungen zu füllen. Aber wenn er einmal angefangen hatte, benutzte Zola sehr wohl seine Vorstellungskraft und seine Gefühle, um Werke zu schaffen, in denen dichte und oftmals sinnliche Bilder über kruden Naturalismus weit hinausgehen.

Hinsichtlich meiner Arbeit neige ich mehr zu Oscars als zu Émile Zolas Lager. Ich recherchiere sehr wenig. Das ist wahrscheinlich eine Schwäche der heutigen britischen Schriftsteller-Landschaft, in der Romanautoren und Dramatiker sich darin überbieten, die reale Welt eingehend zu untersuchen, bevor sie zu schreiben anfangen. Ich muss, ähnlich wie Wilde einräumen, dass es für mich ein starkes Hindernis beim Schreiben eines Stückes darstellt, wenn ich zuvor zu viel oder überhaupt etwas über ein Thema weiß. Meine Stücke entstehen fast ausschließlich am Schreibtisch. Hier bemühe ich mich, Wort und Handlung in eine Form zu bringen. Diese Form erlaubt mir, und ich hoffe, dem Publikum auch, – gute Schauspieler vorausgesetzt – hinaus in die Welt zu gehen und ein paar neue Fragen über sie zu stellen.

Wenn er eine seiner gefeierten Lacanschen Filmkritiken schreibt, dann, so der große slowenische Philosoph Slavoj Žižek, versucht er, den Film vorher nicht zu sehen. Es würde die Schönheit seines Schreibens verderben, und es wäre erhellender, den Film nach seiner Analyse zu sehen. Ich kann das ein wenig nachvollziehen. Ich versuche, das Gleiche in meinen Stücken zu tun. Sie sind kein Versuch, die Welt zu verstehen, festzunageln und den Zuschauern als Paket zu überreichen. Sie sind eher eine Vermutung, eine Annäherung an das, was vielleicht da draußen passiert, und eine Aufforderung an die Zuschauer, hinauszugehen, die Welt und unseren Ort in ihr zu befragen. Wenn meine Stücke – bei allen ihren Schwächen – dies irgendwie bewirken können, so schätze ich mich glücklich. Viel Vergnügen.

Originalbeitrag für den Katalog der Biennale Neue Stücke aus Europa 2008. Aus dem Englischen von Robert Stokes.


The four artistic directors of our theatres commended the fact that Belarus had become dominated by native drama as it came to comprise 25% of all playlists – an amount never before thought possible.

We, the Belarusian authors, living and dead (for in this ghetto, contemporary authors were grouped together with the classics), “rejoiced” in this moment!

This 25 percent notwithstanding, the existence of our vocation in Belarus is still threatened. Being a playwright is not considered an official occupation, and we receive neither wages nor pensions. Under Stalin, even farmers were entitled to more social benefits than Belarusian authors in the 21st century. The “Belarusian Dramatists Guild” that we tried to initiate many times to protect our rights was not authorized.


Vor kurzem ereignete sich in Weißrussland eine, für unser politisches System, seltene öffentliche Diskussion in Form einer Liveübertragung des Staatssenders ONT. Regie und Dramatik, die in Weißrussland zwei unvereinbare Naturgewalten sind, stießen aufeinander. Es war eine Schlacht… Als Ergebnis dieser Debatte veröffentlichte ich einen offenen Brief an die einflussreichste Person im Kulturbereich Weißrusslands, dem ersten stellvertretendem Kulturminister Vladimir Petrovitsch Rylatko.

Die im Brief von mir angesprochenen Fragen betrafen unmittelbar sowohl das Leben der Dramaturgen als auch aller, die nicht gerade ein gleichgültiges Verhältnis zur weißrussischen Kultur pflegen…

Warum ein Brief an Rylatko? Weil, wenn unser Staat ein „Gesicht“ der Kultur- und Kunstsphäre hätte, dann kann es kein geringeres sein als das Vladimir Petrovic Rylatkos. Allein während meines im Ganzen nicht langen professionellen Werdeganges „saß“ er fünf Kulturminister aus… Er kam noch lange vor Lukaschenko und leitet faktisch seit zwei Jahrzehnten die weißrussische Kultur. Rylatko ist nicht einfach ein sehr einflussreicher Stellvertreter, Rylatko ist ein Symbol und wie man weiß, besteht ein Symbol ewig. Somit ist dieser Brief an die Ewigkeit bestimmt oder auch in die Ewigkeit geschickt…

Also, woran entzündete sich im Wesentlichen die Debatte der Livesendung? Die vier Künstlerischen Leiter unserer Theater – Nikolaj Pinigin (Kupalovskij Teatr), Sergej Koval’tschik (Teatr imeni Gor‘kogo), Modest Abramov (Molodjoschnyj Teatr) und Natal’ja Bascheva (TJuZ) – lobten, jeder in seiner eigenen Manier, die Situation ihrer Häuser. Das Publikum besuche sie regelmäßig, die Inszenierungen wären nicht gerade langweilig und die Krise hätte keine Auswirkung auf den jeweiligen Betrieb. Aber die wichtigste Erkenntnis war, dass in Weißrussland eine Übermacht einheimischer Dramatik vorherrsche, wobei sie ganze, bis dato nie dagewesene fünfundzwanzig Prozent aller Spielplantitel ausmache.

Wir, die weißrussischen Autoren, lebende und tote (denn in dieses Ghetto wurden sowohl Gegenwartsautoren als auch Klassiker zusammengepfercht), „jauchzten“ in diesem Augenblick auf! Zugegeben, ein wenig beengend… Irgendwie unangenehm, sich auf einem Fleck zusammengedrängt zu fühlen… Gusovskij, Kupala, Kolas, Dunin-Marcinkevitsch, Dudarev, Makaenok, Krapiva, Delendik, Kovalev, Popova, Martschuk, Rudkovskij, Karelin, Prjaschko, Steschik, Rusakevitsch, Schtschutskij, Schurpin, Chalezin, Balyko, Prosaiker wie Bykov, Korotkevitsch, Tschornyj und selbst Kureitschik – und diese zusammen machen 25 Prozent aus! Welch eine unwahrscheinliche, welch überwältigende Großzügigkeit! Welch unwahrscheinliche Liebe zur nationalen Literatur! Nur haben Dramatiker in irgendeinem Land der Dritten Welt so etwas offenbar nicht einmal, nicht wahr?

Nicht alle Dramatiker sind aber an solch eine Enge und an solch eine „spartanische“ Umgebung gewöhnt. So haben viele ihrem Beruf den Rücken gekehrt: die meisten gingen zum Kino, und natürlich zum russischen Film, weitere sind in die Lehre gegangen, die dritten in die Politik, die vierten arbeiten als Nachtwächter oder Handelsvertreter und die fünften leiden in gottverlassenen Käffern und Provinznestern ganz einfach Hunger. Dass sie hungern, sage ich nicht des poetischen Ausdruckes halber, nicht aus einer „dostojewskijhaften“ Pose heraus, sondern ausschließlich um der Wahrhaftigkeit willen. Sie hungern! Denn ungeachtet dieser ganzen 25 Prozent, worauf Ihr mit Recht stolz sein könnt, steht in Weißrussland die Existenz des eigentlichen Berufs des „Theaterdramatikers“ unter einem Fragezeichen. Dramatiker zählen nicht zu den offiziellen Berufen und sie bekommen weder Lohn noch Rente. Unter Stalin hatten selbst Bauern mehr Anspruch auf Sozialleistungen als Weißrusslands Dramatiker des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Die „Weißrussische Gilde der Dramatiker“, die wir, die weißrussischen Autoren, einige Male versuchten zu initiieren, um unsere Rechte zu schützen, wurde nicht genehmigt.

Ist denn mein Hauptgedanke nicht verständlich genug formuliert: zählt denn nur das nationale Wort auf der nationalen Bühne als indigene weißrussische Kultur? Ist denn nur die nationale Literatur das wahrhaftige Spiegelbild, die Seele und das Gewissen der Gesellschaft, das ein ausländisches Stück nicht ersetzen kann? Aber unser Gewissen ist so wie es ist. Wie die Gesellschaft, so auch ihr Gewissen. Sich über dieses zu beschweren heißt, alles auf den Spiegel zu schieben.

(Lesen Sie hier das russische Original in ungekürzter Form.)

Aus dem Russischen Edwin Warkentin


Недавно в Беларуси случилась редкая для нашей политической системы публичная дискуссия в прямом эфире главного белорусского канала ОНТ. Сошлись две непримиримые в Беларуси стихии – режиссерская и драматургическая. Была битва… По результатам этой дискуссии я опубликовал открытое письмо самому влиятельному в сфере культуры в Беларуси человеку — первому заместителю министра культуры Владимиру Петровичу Рылатко.

Вопросы, которые я поднял в этом письме, напрямую касаются и жизни драматургов, да и всех неравнодушных к белорусскому искусству людей…

Почему к Рылатко? Потому что, если уж и есть у нашего государства «лицо» в сфере культуры и искусства, то это ни кто иной как Владимир Петрович Рылатко. Только на моем, недолгом, в общем-то, профессиональном пути он «пересидел» пятерых министров культуры… Он пришел еще задолго до Лукашенко и до сих пор фактически два десятилетия руководит белорусской культурой. Рылатко – это не просто очень влиятельный первый замминистра, Рылатко – это символ, а символ, как известно, вечен. Так что это письмо – письмо к вечности или в вечность…

Итак, о чем же, собственно, случился спор в прямом эфире? Четверо главных режиссеров наших театров: Николай Пинигин (Купаловский театр), Сергей Ковальчик (Театр им Горького), Модест Абрамов (Молодежный театр) и Наталья Башева (ТЮЗ), на разные лады расхваливали ситуацию в своих театрах: и публика туда ходит, и постановки нескучные и кризис на театрах не сказался. Но самое главное, в Беларуси, оказывается, засилье  отечественной драматургии – целых, невиданных доселе 25 процентов от всех названий в репертуарах!

Мы, белорусские авторы, живые и мертвые (ведь в это гетто бросили как современных авторов, так и классиков), в этот момент просто «возликовали»!  Конечно, несколько тесновато… Как-то неприятно, толпиться на таком пяточке… Гусовский, Купала, Колас, Дунин-Марцинкевич, Дударев, Макаенок, Крапива, Делендик, Ковалев, Попова, Марчук, Рудковский, Карелин, Пряжко, Стешик, Русакевич, Щутский, Шурпин, Халезин, Балыко, прозаики Быков, Короткевич, Чорный и даже Курейчик – и на всех целых 25 процентов! Какая невероятная, какая потрясающая щедрость! Какая невероятная любовь к национальной литературе! Но ведь где-нибудь в Африке, наверное, у драматургов и этого нет, правильно?

Но не все драматурги привыкли к такой тесноте, к «спартанской» обстановке, и многие из профессии ушли: большинство в кино, российское, конечно, другие в преподавание, третьи в политику, четвертые в сторожи да провизоры, а пятые просто голодают по глухим деревням и городишкам… Голодают – это я не ради красного словца, не ради «достоевщинки», а исключительно по правде жизни. Голодают! Ведь, не смотря на  целых 25 процентов, которыми Вы по праву можете гордиться, самое существование такой профессии как «театральный драматург» в Беларуси находится под вопросом. Работниками они не считаются, зарплаты им не платят, пенсии – тоже. Крестьяне при Сталине имели больше социальных благ, чем драматурги в Беларуси 21 века. «Белорусскую Гильдию Драматургов», которую мы, белорусские авторы, несколько раз пытались учредить, чтобы защитить свои права, не разрешили.

Неужто непонятна главная моя мысль: только национальное Слово на национальной сцене является истинно белорусской культурой?  Только национальная литература является истинным отражением, душой, совестью общества, и никакая иностранная пьеса эту совесть не заменит? А совесть у нас такая, какая есть.  Какое общество, такая и совесть. Пенять на нее, значит – пенять на зеркало.

http://naviny.by/rubrics/opinion/2009/10/24/ic_articles_410_165115/


Interview mit Manfred Beilharz auf Hr2-Kultur, MIKADO am 9. Februar 2010.


I do not believe that it is the duty of theatre to give Europe an identity such as the one that led to the formation of the modern state in the late 19th and early 20th centuries. I also do not think that theatre should have a restoring function or give battle instructions on how to fight against fear, disorientation or our lack of viewpoints. Certainly, today’s world is complex. Theatre – or contemporary drama, as far as I am concerned – enables us to question this world. We have been nurtured by a tradition of absolute values, and only recently have we explored how to promote an upbringing that will create a culture of insecurity and diversity. This new culture gives theatre new forms and a contemporary meaning, not a collective will to create a common identity and find a solution.


Meine Beziehung zur Biennale begann im Jahr 2000. Im Rahmen des Forums junger Autoren Europas gab es eine kleine Lesung aus meinem Stück „Suite“.  Es war ein absolut geheimnisvolles Stück, das mit den Mechanismen der Ambiguität zwischen Wirklichkeit und Fiktion spielte. Verschiedene Bühnenräume überlagerten sich auf einer einzelnen Bühne, welche die Widersprüche der Perspektive in der Erzählung verstärkten und die Erfahrungen aus der Vergangenheit der Personen neu erschafften (und sie damit gleichzeitig relativierten) und so weiter.

Damals war ich vollkommen überzeugt davon, dass die Universalität – das Europäische, wenn Ihnen das lieber ist – der zeitgenössischen Theaterstücke fundamental auf den dramatischen Ausdrucksformen der Perplexität beruht und nicht auf den thematischen oder ideologischen Fragen. Auch heute noch vertrete ich die Grundlagen dieser Idee: Das, was unsere Texte am meisten verbindet und sie wahrscheinlich europäisch macht, ist eine formelle gemeinsame Suche durch das Bilden einer relativen oder mehrheitlichen oder vielflächigen oder widersprüchlichen Meinung. Oder dies alles zur gleichen Zeit.  

Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe des Theaters ist, Europa eine Identität zu geben, wie jene, die Ende des 19., Anfang des 20.  Jahrhunderts zum modernen Staat führte. Ich glaube weiterhin auch nicht, dass das Theater eine restaurierende Funktion haben sollte oder Kampfanweisungen gegen die Angst, die Desorientierung oder den Verlust an Anhaltspunkten geben sollte. Ich bin davon überzeugt, dass man sich durch Arglosigkeit, Mangel an Perspektiven oder Messianismus schuldig machen würde, wenn das Theater diese Funktion bekäme. Sicher, die heutige Welt ist komplex. Das Theater – das zeitgenössische Drama, was mich betrifft – ermöglicht es uns, diese Welt zu befragen. Wir wurden von einer Tradition der absoluten, nicht verhandelbaren Werte genährt, und die Erziehung zu einer Kultur der Unsicherheit und der Vielfalt gibt es noch nicht lange. Diese neue Kultur gibt dem Theater sein Erscheinungsbild und seinen zeitgenössischen Sinn, nicht der gemeinsame Wille, eine Identität zu schaffen und Lösungen zu finden. Diese Erfahrung, finde ich, macht man heute durch die Möglichkeit, die Wirklichkeit durch neues Fokussieren zu erfassen, indem man auf die Gewissheiten verzichtet, die die Schlagzeilen machen, indem man die Gewohnheiten und Werte infrage stellt, indem man das Publikum mit nie dagewesenen Wahrnehmungen und Möglichkeiten konfrontiert.

Aber das sind keine Lösungen – darauf bestehe ich –, nur neue Fragen, neue Sichtweisen. Vielleicht ist es genau diese fragende – und nicht affirmative – Art,  die die Verbindung herstellt, die es erlaubt, die zeitgenössische europäische Dramaturgie zu definieren. Als Mitglied des Auswahlkomitees zweier Theater[1] und als Professor hatte ich in den letzten Jahren das Glück, Zugang zu einer Fülle verschiedener Texte aus verschiedenen Ländern zu haben. Sie haben es mir erlaubt, eine Idee zu überprüfen: Viele zeitgenössische europäische Autoren gestalten ihre Stücke mit der Idee des Perspektivenspiels, einer multiplen Fokussierung.

Ihre Vorgehensweisen dienen dazu, Zweifel, Fragen und Widersprüche zu formulieren – zu formalisieren – entweder, um sie zu vertreiben oder sie mithilfe des künstlerischen Schaffens zu reinigen. Sie sind das Symptom des Zustandes der Perplexität und gleichzeitig ein rührender Versuch – da er zum Scheitern verurteilt ist – der Heilung oder der Reinigung. Aber – und ich betone es noch einmal – ich bin fest davon überzeugt, dass die zeitgenössische Dramaturgie, wenn sie sich dieser Verfahren bedient, nicht versucht, gegen ein Gespenst zu kämpfen, gegen ein unbehagliches Mysterium. Sollte ein solches existieren sollte, denke ich nicht, dass es die vorrangige Aufgabe der zeitgenössische Theaterstücke sein sollte, es zu denunzieren. Die formelle Suche nach einer Perspektive im zeitgenössischen Drama ist ein Kind seiner Zeit, sie stellt eine Anstrengung dar, um eine angemessene Dialektik zwischen den historischen Inhalten unserer Gegenwart und einer Form, die sie ausdrückt, die sie übersetzt, die sie verdichtet, zu finden.


[1] Das Théâtre National de Catalogne und die Sala Beckett in Barcelona


Ma relation avec la Biennale date de l’année 2000. Il y a eu une petite lecture d’une partie de ma pièce Suite dans le contexte des ateliers organisés pour les jeunes auteurs européens. C’était une pièce absolument énigmatique, qui jouait de mécanismes d’ambiguïté entre réalité et fiction, superposait des espaces dramatiques divers dans un seul espace scénique, renforçait les contradictions de perspective dans le récit, recréait (et dans le même geste relativisait) l’expérience passée des personnages, etc. À cette époque là, j’étais totalement convaincu que l’universalité – l’européanité, si vous préférez – des pièces contemporaines résidait fondamentalement dans les formes d’expression dramatique de la perplexité et non dans les questions thématiques ou idéologiques. Je reste attaché aujourd’hui aux fondements de cette idée : ce qui unit le plus nos textes et les rend probablement européens est une recherche formelle commune qui passe par un travail de construction d’un point de vue relatif, ou pluriel, ou polyédrique, ou contradictoire. Ou tout cela à la fois.

Je ne crois pas que le théâtre doive être convoqué pour apporter à l’Europe une identité à l’instar de celle qui, fin XIXe - début XXe, déboucha sur les Etats modernes. Je ne crois pas non plus qu’il doive avoir une fonction restauratrice ou donner des consignes de combat contre la peur, la désorientation ou la perte des références. Attribuer cette fonction au théâtre, j’en suis convaincu, revient à pécher par ingénuité, par manque de perspective, ou par messianisme. Le monde actuel est certes complexe. Le théâtre – le drame contemporain, en ce qui me concerne –apporte des modes d’interrogation face à ce monde. Nous avons été nourris d’une tradition de valeurs absolues, non négociables; notre éducation à une culture de l’incertitude et de la multiplicité est toute récente. C’est cette culture qui donne au théâtre son apparence et son sens contemporains, et non une volonté commune de construire une identité et de trouver des solutions. Cette expérience, à mon sens, passe aujourd’hui par la possibilité de saisir la réalité au travers de nouvelles focalisations, en renonçant aux certitudes affichées par les titres des journaux, en questionnant les habitudes et les valeurs, en confrontant le public à des perceptions et des possibilités inédites. Mais ce ne sont pas des solutions – j’insiste –, seulement de nouvelles questions, de nouveaux regards. Peut-être ce caractère interrogateur – et non affirmatif – est-il précisément ce qui établit le lien permettant de définir la dramaturgie européenne contemporaine. J’ai eu la chance, ces dernières années, en tant que membre du comité de lecture de deux théâtres[1] et professeur, d’avoir accès à une profusion de textes d’auteurs de divers pays ; ils m’ont permis de vérifier une idée: beaucoup d’auteurs européens contemporains façonnent leurs drames avec l’idée du jeu de perspectives, d’une focalisation multiple.

Leurs procédés servent à formuler – à formaliser – des doutes, des interrogations et des contradictions, soit pour les exorciser soit pour les dépurer au moyen de la construction artistique. Ils sont le symptôme d’un état de perplexité et en même temps un essai pathétique – car voué à l’échec – de guérison ou de purification. Mais – j’insiste encore une fois – je suis fermement convaincu que l’écriture dramatique contemporaine, en utilisant ces procédés, ne se propose pas de lutter contre un fantôme, contre un mystère inquiétant, et si celui-ci existe, je ne pense pas que la priorité de l’écriture dramatique contemporaine soit de le dénoncer. La recherche formelle sur la perspective dans le drame contemporain est la fille d’une époque ; elle représente un effort pour trouver une dialectique adéquate entre les contenus historiques de notre présent et une forme qui les exprime, qui les traduise, qui les condense.


[1] Le Théâtre National de Catalogne et la Sala Beckett de Barcelone.


For the 10th anniversary of the Biennale “New Plays from Europe,” we would like to incorporate you into the program planning process a little earlier than usual. I founded this festival 20 years ago in Bonn – and I was able to win over Tankred Dorst for the idea. The first edition subsequently came out in 1992 – that’s 18 years ago now. Back then, Rainer Mennicken was also on board.

“New Plays from Europe” is the world’s largest international festival – or, to be a little more modest: the only large international festival that solely features the works of new authors. Nowadays, there are many festivals out there: for singing, music, the best production, the best performance – but to this day, there have been few international initiatives dedicated exclusively to living authors.

We limit ourselves to authors from Europe – not out of Eurocentrism, but because it would be nearly impossible to conduct serious research otherwise.

This festival is for authors by authors. We make our selection with the help of our so-called “patrons” – renowned playwrights from diverse European countries; we currently have a total of 41 patrons, who assist us by recommending the best, most exciting and most unusual works by their national colleagues.

We then put together our program based on these recommendations.

The festival’s team of artistic directors consists of Manfred Beilharz, Tankred Dorst/Ursula Ehler and, for the first time, Yvonne Büdenhölzer, who previously headed the Stückemarkt at Berlin’s famous Theatertreffen festival. Marie Rötzer is aiding our research efforts from Mainz. And Maya Schöffel has once again assumed a very important position, in which she takes responsibility for research coordination and calling the shots.

Throughout the past few months, the team of artistic directors has traveled approx. 60,000 kilometers across the European continent.

In its 10 editions, the festival has presented about 250 plays by nearly as many European authors; everything was shown in the original language with a simultaneous translation into German. An unimaginable treasure – completely documented in our extensive catalogues.

As for the authors, this festival has been a deciding factor in the making of quite a few international careers: these include Vassily Sigarev, Dejan Dukovski, Jon Fosse, Enda Walsh, Yevgeni Grishkovetz, Werner Schwab, Yasmina Reza, the two recipients of the Premio Europa 2007 Biljana Srbljanovic and Alvis Hermanis, and many more.

Following my move from Bonn to the Staatstheater Wiesbaden, we succeeded in bringing this festival with us to Hessen in 2004. The 2004 edition was held together with the Schauspiel Frankfurt. In 2006, we hosted it alone in Wiesbaden. Just as in 2008, the coming 2010 edition of the festival (from 17-27 June 2010) will take place in cooperation with the Staatstheater Mainz. I am absolutely thrilled that I was able to convince Matthias Fontheim and the state of Rheinland-Pfalz to get involved in this venture.

I sincerely hope that the 2010 edition of the festival turns out to be just as exciting as in the past 10 years. Come be a part of it!

Dr. Manfred Beilharz
Artistic Director of the Theatre-Biennale – New Plays from Europe
Artistic Director of the Hessisches Staatstheater Wiesbaden


Wir wollen Sie beim 10. Jubiläum der Biennale „Neue Stücke aus Europa“ etwas früher als sonst in einen Teil unserer Programmüberlegungen mit einbeziehen. Das Festival wurde vor 20 Jahren in Bonn von mir gegründet – es gelang Tankred Dorst für diese Idee zu begeistern. Die erste Ausgabe fand dann 1992 statt – vor nunmehr 18 Jahren. Damals war Rainer Mennicken mit von der Partie.

„Neue Stücke aus Europa“ ist das weltweit größte internationale Festival – oder, sagen wir es bescheidener: das einzige große internationale Festival, das ausschließlich neue Autoren zeigt. Es gibt inzwischen viele Festivals: für den Gesang, die Musik, die beste Inszenierung, der beste Interpret – aber damals wie heute wenige internationale Initiativen, die sich ausschließlich dem lebenden Autor widmen.
Wir beschränken uns auf Autoren aus Europa – nicht aus Eurozentrismus, sondern weil sonst die Recherche nicht mehr seriös durchgeführt werden kann.
Das Festival ist ein Festival für Autoren von Autoren. Bei der Auswahl bedienen wir uns der Hilfe von sogenannten „Patinnen“ und „Paten“ – selbst renommierte Dramatiker aus den verschiedenen europäischen Ländern, im Augenblick 41 an der Zahl, die uns von den Arbeiten ihrer nationalen Kollegen die jeweils aufregendsten, ausgefallensten, besten empfehlen.
Aus deren Vorschlägen wird von uns dann das Programm zusammengestellt.
Die künstlerische Leitung besteht aus Tankred Dorst/Ursula Ehler, Manfred Beilharz und zum ersten Mal Yvonne Büdenhölzer, bisher Leiterin des Stückemarkts beim Berliner Theatertreffen. Für Mainz recherchiert Marie Rötzer. Eine ganz wichtige Funktion hat Maya Schöffel, die nicht zum ersten Mal die Recherche leitet und die Fäden in der Hand hält.
Die künstlerische Leitung ist in den vergangenen Monaten ca. 60.000 Kilometer durch diesen Kontinent gereist.

In seinen 10 Ausgaben hat das Festival etwa 250 Stücke von fast ebenso vielen europäischen Autoren gezeigt; alles in Originalsprache, mit deutschen Übersetzungen. Ein unvorstellbarer Reichtum – alles dokumentiert in den aufwändig gemachten Katalogen.

Nicht wenige internationale Dramatiker-Karrieren sind von diesem Festival ausgegangen: Hierzu gehören Wassiliy Sigarew, Dejan Dukovski, Jon Fosse, Enda Walsh, Jewgeni Grischkowjez, Werner Schwab, Yasmina Reza, die beiden Träger der Premio Europa 2007 Biljana Srbljanovic und Alvis Hermanis u.v.a.

Es ist uns gelungen, nach meinem Umzug von Bonn ans Staatstheater Wiesbaden dieses Festival 2004 nach Hessen mitzunehmen. 2004 gab es eine Ausgabe zusammen mit Schauspiel Frankfurt, 2006 haben wir es in Wiesbaden alleine gemacht, das Festival 2008 und das kommende 2010 ( vom 17. bis 27. Juni 2010) machen wir jetzt zusammen mit dem Staatstheater Mainz. Ich freue mich über alle Maßen, dass ich Matthias Fontheim begeistern konnte, hier mitzumachen, und dass auch das Land Rheinland-Pfalz mit einsteigt.

Ich hoffe sehr, dass wir 2010 wieder ein so aufregendes Festival wie in den vergangenen 10 Ausgaben zustande bringen. Seien Sie mit dabei!

Dr. Manfred Beilharz
Künstlerische Leitung Theaterbiennale – Neue Stücke aus Europa
Intendant Hessisches Staatstheater Wiesbaden


Filme basieren auf Büchern, Theaterstücke basieren auf Filmen – wo gibt es noch originelle Stücke? In Wiesbaden, hoffe ich. Übrigens mag ich eigentlich das kommerzielle Theater nicht so sehr, das es weltweit immer mehr gibt. Und wenn ich z. B. eine üppig ausgestattete Oper sehe, frage ich mich manchmal, wie viele junge Schauspieler mit diesem Geld einfache und kreative Stücke machen könnten. Puritanismus, vielleicht, aber eine große Liebe zur Phantasie. Und Phantasie, glaube ich, gedeiht am besten, wenn Zuschauer (oder Leser) selbst möglichst viel auszufüllen haben.

Meine eigenen Stücke haben sehr gelitten unter ausführlichen Dekorationen. Das letzte Mal, bei „Vielleicht Reisen“ in Den Haag, war am Schrecklichsten. Das Schönste war für mich in letzter Zeit die „Nichtsfabrik“ in Portugal, bei Artistas Unidos. Als ich vorher gespannt den Regisseur Jorge Silva Melo fragte, wie das Bühnenbild denn aussehen würde, sagte er: „Wieso, es handelt sich doch um eine Nichtsfabrik.“ Es gab tatsächlich nur viele einfache Stühle. Also hier und da gibt es Ausnahmen. Ich würde an dieser Stelle auch noch gerne erinnern an Eberhard Kürn, der vor drei Jahren sehr jung gestorben ist. Er hat in das kleine TamS-Theater in München so wunderbare dichterische, malerische und sehr einfallsreiche Bühnenbilder gezaubert, dass man vergaß, dass die Bühne nur 10 Meter breit und 6 Meter tief war. Ich bin noch traurig, dass man in Bonn oder Wiesbaden nie etwas von ihm gesehen hat. Und dann erinnere ich mich auch noch so gerne an die wunderbare Inszenierung von Lievi aus dem Jahr 1996 (Zwischen den unendlichen Punkten eines Segments), wo das Stück und das Bühnenbild verschmolzen schienen.

Meine Bewunderung gilt hier in den Niederlanden auch Jan Joris Lamers. Gestern habe ich gerade eine Inszenierung von seiner Gruppe Discordia gesehen und das „einfache“ aber sehr erfinderische Bühnenbild genossen, das zusammen mit der raffinierten Beleuchtung ästhetischen Zauber erreicht. Er hat übrigens 2009 den Wijnberg Szenografiepreis für sein ganzes Oeuvre bekommen.

Judith Herzberg, 11.2.2010


My own plays have suffered immensely from too elaborate ornamentation in production. The last time, for “Travel Perhaps” in The Hague, was the worst. The best was at Artistas Unidos for “The Nothing Factory” in Portugal. When I asked the director, Jorge Silva Melo, beforehand what the set would look, he said: “Why, this play is about a nothing factory.” And, sure enough, they only used a bunch of plain chairs. Of course, there are always exceptions here and there. At this point I would like to mention Eberhard Kurn, who died three years ago at a young age. In the small TamS-Theater in Munich, he was able to conjure up such wonderfully poetic, picturesque and imaginative sets that made you forget the stage was only 10 meters wide and 6 meters deep.

Translated into English by Lynnette Polcyn


April 23, 2010

From the beginning of advance sales on April 23rd , tickets  can be booked online and will also be available at ticket offices in Wiesbaden and Mainz.


All living creatures are born with a survival instinct. In order to survive spiders spin webs. In order to survive humans spin stories – about who they are, where they come from and where they are going. For us there is nothing more important than these stories. They are the essence of our life, the backbone of our identity.

Identity is a story about who we are and what we want. In order to survive in the harsh world our stories must be true and have deep insight. A false story can lead us to delusion and a dead-end, even death. As our landscape is ever-changing, our stories are in constant process of readjustment. The story is a map. If it does not correspond to the landscape, we are lost, as in a jungle.

From early childhood we are hungry for stories. Through stories we study life, we prepare for it. We learn about contrasts, contradictions, conflicts – we learn the drama of our lives: Little Red Riding Hood against the wolf, good against evil, love against hate, truth against lies, “what is” against “what seems”, Hamlet against Elsinor.

We have a heartfelt need to understand our story, to see our reflection, to recognise our face, to take courage. We yearn to compare our story with other stories, to examine where they are the same, where similar and where totally different. We crave a master storyteller who will read the runes for us, take off the masks, connect causes and consequences, offer us signposts.

The story is sometimes an unarticulated shriek, sometimes a harmonic melody; sometimes dark and opaque like an ex-ray image, sometimes colourful and merry like a fairytale, sometimes funny or terrible, or indeed sometimes both. But one thing is clear: no culture can survive without a true, powerful and authentic story! Indeed culture IS a true, powerful and authentic story.

Theatre is a mighty workshop and an engine for storytelling. In the theatre the story is not only TOLD, but also SHOWN. It happens here and now, in front of us – it is within our reach. Theatre is a battlefield on which we sharpen the tools of our story, we weave its tapestry, we flex the muscle of our consciousness and our conscientiousness, we adjust the sights of our action, we study life.

Goran Stefanovski


Ich sehe einen sehr deutlichen Zusammenhang zwischen den berüchtigten Mohammed-Zeichnungen aus meinem Land und der europäischen Krise in der Behandlung des Politischen in der Kunst – auch im Theater.

Lassen Sie mich es kurz vertiefen: Die schrecklichen Mohammed-Zeichnungen decken den Selbstbetrug einer Reihe von Gesellschaften auf, die die Fähigkeit zum politischen Denken und Handeln einer heißblütigen, aber erfolglosen Debatte über kulturelle Freiheit UND kulturelle Identität opfern, – und der Skandal passt genau in die implizite und potentiell kriminelle Absprache zwischen Kunst und Staat seit dem 2. Weltkrieg: Die Überführung des Politischen und Staatlichen in den kulturellen Bereich, wo alle Leute verstehen und am Diskurs teilnehmen können, aber wo niemand Recht hat, weil emotionale und kulturelle Werte auf dem Spiel stehen und nicht politische, auf Vernunft basierte Handlungen und Ideen.

Das ist eine Strategie, die jede eigentliche Kritik z. B. an der dänischen Regierung auf Abstand hält, während die Debatte über das Recht auf freie Meinungsäußerung tobt, leider in einem Raum, in dem es nichts Politisches gibt und in dem die Regierung keine Verpflichtung hat.

Das Problem ist hier ja, dass die kulturelle Macht die zentrale Macht in der modernen westlichen Gesellschaft ist, hierzu zählen Kunst, Sport, ja Werte und kulturelle Identität. Aber eins ist sehr schwierig in diesem Machtgefüge zu diskutieren, und das ist das Politische, weil Kunst und Politik Gegensätze sind, Kinder des Religiösen bzw. des Philosophischen.

Hier kommen wir an den Kern der Sache: Der Grund dafür, dass die Sache mit den Mohammed-Zeichnungen unmöglich zu lösen ist und nur noch mehr Zerstörung vor sich hat, ist die Tatsache, dass die Zeichnungen eine politische Antwort auf eine (abgestumpfte) künstlerische Aussage fordern, und eine solche Antwort lässt sich nicht geben. Aber nochmal, wir haben uns daran gewöhnt, vergebens zu warten, denn wir haben uns daran gewöhnt, künstlerische Aussagen über etwas zu hören, was eigentlich eine politische Depression ist, und diese Antwort kommt auch nie. Das heißt, sie kommt unaufhörlich und ununterbrochen von Millionen europäischer Künstler, aber die Antwort hat nichts mit dem eigentlichen Leiden zu tun: Dass die westliche historische Entwicklung stehen geblieben ist und wie in einem Isolationsgefängnis die Zukunft der Gegenwart gleicht: die erste Ursache für Wahnsinn.

Die Sache mit diesen hässlichen und diffamierenden Zeichnungen zeigt mir, dass der moderne Künstler, hoch oder niedrig, vor einem unlösbaren Paradox steht. Er hat über das Politische gesiegt, aber seine Macht lähmt sein Tun. Er hat zwei Wahlmöglichkeiten: Er kann sich der Staatsmacht anschließen und Oden an die jeweilige Regierung verfassen. Er kann sich der Staatsmacht auf einer geheimen Lohnliste anschließen und eine hohle und künstliche Dissidentenkunst vorbringen.

Oder er kann die Augen zumachen und so tun, als sei alles wie immer: Der Staat und die Macht sind nach wie vor eine autonome Größe, in der eine kafkaeske Machtfülle herrscht. Die Bevölkerung hat keinen Einfluss, Kunst und Kultur sind ein Volkshochschulprojekt, das absehbar eine bessere und gesündere Demokratie schafft.

Aber nichts ist, wie es mal war. Alles hat sich geändert. Die handlungsgelähmte, auf Werte basierte Gesellschaft, vom modernen Künstler geboren, ist auf dem Weg in den Abgrund. Wie können wir nun unsere eigene destruktive politische Allmacht als Theaterkünstler abbauen?

Die Antwort ist kurz: Stellen wir das Ästhetische wieder her, wählen wir das Ethische ab. Kunst und Theater haben keine Verpflichtungen was Werte, Gesellschaft, Staat oder Religion betrifft. Theater hat nur eine Verpflichtung: Theater.

Aus dem Dänischen von Bitten J. Stuhlmann-Laeisz


Jeg ser en meget tydelig forbindelse mellem mit lands berygtede Muhammed-tegninger og så den europæiske krise i kunstens- herunder teatrets- behandling af det politiske.

Lag mig kort uddybe: De skrækkelige Muhammed-tegninger afslører selvbedraget i en række samfund, som ofrer evnen til politisk tænkning og handlen til fordel for en varmblodig men resultatløs debat om kulturel frihed OG kulturel identitet, og skandalen passer så fint ind i den implicitte og potentielt kriminelle aftale der er indgået mellem kunst og stat siden 2. verdenskrig: At overføre det politiske og det statslige til det kulturelle domæne hvor alle forstår og kan deltage i diskursen men hvor ingen har ret, idet det er emotionelle og kulturelle værdier der er på spil og ikke politiske fornuftsbaserede handlinger og idéer.

Det er en strategi der holder enhver egentlig kritik af f. eks. den danske regering fra døren, altimens ytringsfriheds-debatten raser, desværre i et rum hvor det politiske ikke findes og hvor regeringen ikke er forpligtet.

Problemet her er jo, at den kulturelle magt er den centrale magt i det moderne vestlige samfund, herunder kunst, sport, ja, værdier og kulturel identitet. Men der er én ting der er meget svært at diskutere i denne magtsøjle, og det er det politiske. Idet kunst og politik er hinandens modsætninger, børn af henholdsvis det religiøse og det filosofiske.

Her når vi frem til sagens kerne: Grunden til at sagen om Muhammed-tegningerne er umulig at løse og kun har mere ødelæggelse foran sig, er at tegningerne afkræver et politisk svar på et (afstumpet) kunstnerisk udsagn, og dette svar kan ikke gives. Men igen, vi er blevet vant til at vente forgæves, for vi er blevet vant til at høre et kunstnerisk udsagn på hvad der egentlig er en politisk depression, og dette svar kommer heller aldrig. Det vil sige, det kommer ustandseligt og uabrudt fra millioner af europæiske kunstnere, men svaret har intet at gøre med sygdommen: At den vestlige historiske udvikling er gået i stå, og som i et isolationsfængsel ligner fremtiden nutiden, førsteårsagen til sindssyge.

Sagen om disse hæslige og nedgørende tegninger viser mig, at den moderne kunstner, høj som lav, står foran et uløseligt paradoks. Han har sejret over det politiske men hans magt lammer hans virke. Han har to valg: Han kan tilslutte sig statsmagten og forfatte oder til hvilken som helst siddende regering. Han kan tilslutte sig statsmagten på en hemmelig lønningsliste og lave hul og kunstig dissident kunst.

Eller han kan lukke sine øjne og lade som om, alt er som det plejer at være: Staten og magten er fortsat en autonom størrelse i hvilken et kafkask magtvælde forløber. Befolkning er udenfor indflydelse, kunst og kultur er et folkeligt oplysningsprojekt der på sigt vil skabe et bedre og sundere demokrati.

Men intet er som det var. Alt er forandret. Det handlingslammede, værdibaserede samfund født af den moderne kunstner er på vej mod afgrunden. Hvorledes nedbryder vi da vores egen destruktive politiske almagt som teaterkunstnere?

Svaret er kort: Genopret det æstetiske, fravælg det etiske. Kunst og teater har ingen forpligtelser mht. værdier, samfund, stat eller religion. Teater har kun en forpligtelse: Teater.


I see a correlation between the notorious Danish Mohammed caricatures and the European crisis in the way in which art deals with politics – even in theatre.

The problem: Cultural power is the central power in modern Western society. It is very difficult to discuss political matters in this structure; art and politics are opposites, the children of religion and philosophy.

Borne of modern artists, we have become a society that is incapable of action and based on values. This society is collapsing. How can we as theatre professionals abolish the destructive, almighty political force we’ve created?

The short answer: We need to reestablish the aesthetic and abandon the ethical. Art and theatre are not obligated to honor the values of society, nations or religion. Theater only has one obligation: theatre.


Wieso finden wir, die wir beispielsweise einer künstlerisch und intellektuell anregenden Arbeit nachgehen, uns eigentlich damit ab, dass in entscheidenden Gesellschaftsbereichen die Definitionsmacht Menschen überlassen wird, die immer wieder zeigen, dass sie von dem, was sie tun, keine Ahnung haben? Trauen wir uns nicht? Kann man seinen Job überhaupt noch schlechter machen, als es die Ökonomen fertig gebracht haben?

Im letzten Herbst spuckte die amerikanische Zentralbank für den AIG-Konzern einen Notfallkredit in Höhe von 85 Milliarden Dollar aus, inzwischen sind weitere 85 Milliarden hinzugekommen. Am folgenden Tag schrieb die New York Times: “The problem is people are operating in a world in which nobody knows what the hell is going on.” Aber es kann doch nicht wahr sein, dass keiner irgendetwas kommen sah? War es nicht eher so, dass von allen, die diese Rechnerei ein wenig mitverfolgten, nur die Ökonomen nicht sahen, wohin das führte? Wo doch der Wert der zusammengesetzten Finanzierungsinstrumente, die allein in den USA umgesetzt wurden, doppelt so hoch war wie das gesamte Bruttonationaleinkommen der USA? Das alles war im wesentlichen kreditfinanziert, wer also konnte allen Ernstes glauben, dass die Werte nicht schnell sinken würden? Die Ökonomen, ja – aber wir anderen?

Was macht den einen “too big to fail” und den anderen nicht? Das muss etwas mit der Gesetzgebung zu tun haben, oder? Wenn der Chef des UN-Drogenprogramms vor einigen Wochen sagte, dass praktisch das gesamte Investment-Kapital, das dem Markt im vierten Quartal 2008 zufloss, aus illegalem Drogenhandel stammte – heißt das nicht, dass die Banken den Drogenbanden dankbar sein müssen? Und dass es unmöglich sein wird, auf diesem Gebiet eine vernünftige Reformpolitik durchzusetzen, weil das illegale Verteilernetz “too big to fail” ist? Kann es etwas anderes bedeuten?

Was ist eigentlich Geld? Warum gibt es keine klare und umfassende Definition davon, was Geld ist? Könnte der Grund dafür sein, dass die Finanzakteure immer neue Geldformen erfinden, die sie somit selbst produzieren können?

(Ausschnitt eines am 11. Februar 2009 in Oslo gehaltenen Vortrags. Veröffentlicht in Poesi og lærepenger, Essays, Lectures and Articles. Kolon Forlag, Oslo 2009.)

Aus dem Norwegischen übersetzt von Ebba D. Drolshagen


Hvordan kan vi som jobber med for eksempel kunstneriske og intellektuelt stimulerende oppgaver, finne oss i at definisjonsmakta på det mest sentrale samfunnsfeltet overlates til noen som igjen og igjen viser at de ikke eier begreper om hva de holder på med? Tør vi ikke? Er det mulig å prestere noe dårligere enn det økonomene har klart?

Som det sto i New York Times i fjor høst, dagen etter at den amerikanske sentralbanken hadde spadd opp 500 milliarder kroner[1] i et akuttlån, som nå er blitt 500 milliarder til: “The problem is people are operating in a world in which nobody knows what the hell is going on.” Men det kan da ikke være sant, at ingen skjønte noe som helst? Det var vel heller sånn, at av alle som fulgte litt med på regnestykkene, var det bare økonomene som ikke skjønte hvor det bar? Når det i USA alene ble omsatt sammensatte finansielle instrumenter verdt dobbelt så mye som hele USAs brutto nasjonalprodukt? Når alt dette vesentlig var lånefinansiert, hvem kunne innbille seg at verdiene ikke raskt ville tape seg? Økonomene, ja, men vi andre?

Hva er det som gjør at noen er “too big to fail” og andre ikke? Det har selvfølgelig med lovverket å gjøre? Når sjefen for FNs narkotikaprogram påsto for noen uker sida, at så å si all den friske kapitalen som tilfløt markedet i siste kvartal 2008 kom fra illegal narkotikahandel, betyr ikke det at bankverdenen burde takke narkotikabandene? Og at det vil bli umulig å få gjennom noen fornuftig reformpolitikk på dét området, fordi det illegale distribusjonsnettverket er “too big to fail”? Det kan vel ikke bety noe annet?

Hva er egentlig penger? Hvorfor fins det ingen klar og dekkende definisjon på hva penger er? Er det ikke fordi de finansielle aktørene stadig finner opp nye pengeformer, som de dermed kan produsere sjøl?

(From a lecture held in Oslo, February 11th 2009. Printed in Poesi og lærepenger, Essays, Lectures and Articles, Kolon Forlag, Oslo 2009.)


[1] $ 85 billion – to AIG.


Last autumn the US Federal Reserve coughed up a total of 85 billion dollars in emergency aid for AIG, meanwhile that amount has increased to 180 billion. The ‘New York Times’ commented: “The problem is people are operating in a world in which nobody knows what the hell is going on.” But can you honestly tell me that no one saw something like this coming? Wasn’t it more like: Of everyone who followed these calculations in the slightest, the economists were the only ones who didn’t see where things were heading? Even though the total value of all the financing instruments implemented in the USA was twice as high as the country’s total gross national income? That was primarily credit-based, so who could honestly have believed that these values were not going to plummet one day? The economists, sure – but what about the rest of us?


Italy seems to be in a state of sleepwalking. Overrun by – untypical – xenophobia, it follows a whacked out billionaire, who gloats about his roguery and has turned lying into a common political convention. What at first appeared to be a historical accident has become 15 years of mortifying reality. It seems to have spawned a concept that can be summed up like this: Democracy is superfluous, not compatible with modern times and business, and he who has the power over communication is best-suited to assume political power. To escape this nightmare, one only has to turn off the television. But no one does; everyone continues to sit glued to the screen, mesmerized by a Pied Piper with a facelift who always has a dirty joke at the ready.


Non è un momento felice per il mio Paese. Ancora una volta nella sua storia, l’Italia sembra sonnambula. Attraversata da un’ondata di xenofobia che non le appartiene, corre dietro a un miliardario delirante, che fa della canagliaggine un vanto e della bugia una pratica politica quotidiana.

Poteva essere un incidente della Storia, invece da quindici anni è un’umiliante realtà. E’ come se dal Laboratorio Italia stesse uscendo un’altra idea, nefasta come quella fascista, che più o meno è questa: la democrazia è di troppo, non più al passo coi tempi e con gli affari, e chi ha il potere sulla comunicazione deve prendere in prima persona il potere politico, creando la figura nuova del Sommo Controllore. Basterebbe un gesto semplice per scacciare quest’incubo: staccare la spina del televisore. Invece no, nessuno lo fa, si resta collegati, accesi, incantati da un pifferaio con la faccia tirata dal lifting, e la barzelletta sconcia sempre pronta. Noi italiani ci aggiriamo nelle nostre magnifiche città, piene di opere d’arte, senza più vederle, senza più capirle.

Isolati non solo dal Presente, ma anche dalla Storia, incapaci di ritrovare un filo col passato. Perciò tutte le mattine, quando mi siedo al tavolo per lavorare, cerco di ripescare questo filo perduto che mi collega a una grande tradizione teatrale e musicale. E raccolgo le forze per alzare il mio lavoro all’eccellenza. Perché in questo panorama desolante, è l’eccellenza l’unico vero antidoto alla degradazione.

E di eccellenze qui insperatamente si continua a trovarne, nei più svariati campi di attività, anche nel Teatro: questa è l’altra faccia del Laboratorio Italia. Quando le trovo io non so capire da dove siano venute, come abbiano fatto a svilupparsi. E sento un brivido, come se il fiume sotterraneo della Storia, attraverso infinitesimali appunti sul codice genetico, riaffiorasse per portare con sé il senso del bello, del vero, del necessario e del giusto.


Es ist kein glücklicher Moment für mein Land. Wie schon öfter in der Geschichte, scheint sich Italien wieder einmal in einem Zustand der Schlafwandelei zu befinden. Überrollt von einer – eigentlich untypischen – Welle der Fremdenfeindlichkeit, läuft es einem ausgeflippten Milliardär hinterher, der sich mit seinen Schurkereien brüstet und die Lüge zur alltäglichen politischen Praxis gemacht hat.

Was zunächst wie ein Unfall der Geschichte aussah, ist inzwischen seit fünfzehn Jahren demütigende Realität. So als würde das “Laboratorium Italien” eine Idee hervorbringen,  unheilvoll wie der Faschismus, die man mehr oder weniger so zusammenfassen kann: die Demokratie ist überflüssig, nicht mehr auf der Höhe der Zeit und der Geschäfte, und wer die Macht über die Kommunikation hat, sollte am besten auch persönlich die politische Macht übernehmen und damit die neue Figur des Sommo Controllore – des Obersten Kontrolleurs[1] etablieren.

Eine einfache Geste würde ausreichen, um diesen Alptraum zu verjagen: man bräuchte nur den Stecker des Fernsehgeräts herauszuziehen. Das tut aber niemand, der Fernseher bleibt an, wie gebannt sitzen alle vor dem Schirm, begeistert von einem Rattenfänger mit Lifting-gestrafftem Gesicht, der stets einem schmutzigen Witz auf Lager hat. Wir Italiener laufen in unseren schönen Städten mit all ihren Kunstwerken herum, ohne sie überhaupt noch zu sehen, geschweige denn zu verstehen. Abgeschottet nicht nur von der Gegenwart, sondern auch von der Geschichte, unfähig, die Verbindung zur Vergangenheit wiederzufinden.

Deshalb versuche ich jeden Morgen, wenn ich mich an den Schreibtisch setze, an diesen verlorengegangenen Faden zu unserer großen Theater- und Musiktradition wieder anzuknüpfen. Und ich versuche mit allen Kräften, Qualität zu produzieren. Weil Qualität in diesem desolaten Panorama das einzige Heilmittel gegen die Verwahrlosung ist. Und Qualität kann man in Italien nach wie vor in unerwartetem Ausmaß finden, auf den verschiedensten Gebieten, auch im Theater: das ist die andere Seite des “Laboratoriums Italien”. Wenn ich darauf stoße, begreife ich zwar nicht immer, woher sie kommt, wie sie sich hat entwickeln können. Ich verspüre aber einen Schauder, als ob der unterirdische Strom der Geschichte durch unendlich winzige Einträge auf dem genetischen Code wieder hochkäme und den Sinn des Schönen, Wahren, Guten und Richtigen mit sich brächte.


[1] Sommo Pontefice (lat. Summus Pontifex) ist eine Bezeichnung für den Papst.

Aus dem Italienischen Sabine Heymann


Theatre functions like a mirror, says Hamlet. A mirror able to look into the past and dream of the future. And while we have been holding this mirror up to the world for centuries – we who hold it and, at the same time, see ourselves reflected in it, and you who only see your own reflection – we often wonder what the reflection means. What are we trying to find out with the mirror today, what did we find out yesterday? Is there anything new in this world? The same faces have wandered past the mirror for so long; swollen with grandeur, ready to murder, to die a martyr’s death, to die an ordinary death, to offer up God as a sacrifice, for an idea, love or everyday life. Does anyone step in front of this mirror and return to the world cleansed and purified after encountering themselves? And that is why we should shout at the mirror, curse it, sing to it, cry with it, laugh at it.


Das Theater hält den Spiegel, sagt Hamlet. Einen machtvollen Spiegel, der in die Vergangenheit sieht und die Zukunft träumt. Einen Spiegel, der sich einbildet, niemals zu lügen, niemals zu trügen, und der, wenn er trügt, die Wahrheit sagen will. Und während wir seit Jahrhunderten der Welt den Spiegel vors Gesicht halten, wir, die wir ihn halten und uns zugleich in ihm besehen, und ihr, die ihr euch nur beseht, wir fragen uns oft nach dem Sinn dieses Besehens.

Als was treten wir vor den Spiegel und als was wenden wir uns wieder zurück? Was suchen wir mit dem Spiegel, heute, was haben wir gestern gefunden? Gibt es etwas Neues auf dieser Welt, damit wir den Spiegel dieser Herrlichkeit oder diesem Grauen oder einer Sache zukehren, die weder das eine noch das andere ist, sondern einfach ungesehen?

Denn seit Tausenden von Jahren gehen dieselben Gesichter an diesem Spiegel vorüber; aufgebläht vor Größe, bereit zu Mord, zu Märtyrertod, zu ganz gewöhnlichem Tod, aber doch exklusiv in gleich welchem Sinne, Gott als Opfer dargebracht, einer Idee, einer Liebe oder dem Alltag, und wir können uns ihrer hartnäckigen Unveränderlichkeit nicht satt wundern.

Wir besehen sie von allen Seiten, wir zertrümmern das Glas und werfen es ihnen vor die Füße, sie springen aus der Rüstung in den Anzug, aus der Kutsche ins Automobil, statt mit Schwertern fuchteln sie mit Handys, und bleiben in ihrem Wesen dieselben. Sie können sich dem Spiegel nicht stellen. Sie können aus der Begegnung mit dem Spiegel nichts lernen. Und wenn sie sich wiedererkennen, erinnern sie sich, dass unser Spiegel Lüge ist, ihnen ist alles Hekuba, an Traumgesichte vergossene Tränen.

Manchmal erscheinen mir die Gestalten des Theaters, unser Hamlet, unsere Medea, unser Agamemnon, wirklicher als wirkliche Menschen. Jedenfalls sind sie für mich glaubhafter. Ich verstehe ihre Ursprünge des Guten und des Bösen. Das wirkliche Böse ist für mich unwirklich, unbegreiflich. Vor ihm zerspringt der Spiegel. Warum ihn dann weiter in der Hand halten? Die Finsternis erkennt sich im Spiegel nicht. Sollen wir den Spiegel nur dem Guten vorhalten? Auch das Gute kann besser sein.

Gibt es einen Menschen, ob gut oder böse, oder weder gut noch böse, sondern ein Mensch, der vor diesen Spiegel tritt und sich, gereinigt und geläutert in der Begegnung mit sich selbst, wieder der Welt zukehrt? Ich weiß es nicht, aber in einer Welt, die kopflos davonstürmt, ist das Theater Teil jener Kraft, die stets das Gute schafft. Es ruft auf zur Toleranz, bietet den Blick auf den anderen, zu einem anderen, ruft auf zum Atemholen im allgemeinen Davonstürmen. Es fordert auf, in den Spiegel zu schauen. Und deshalb muss jemand diesen Spiegel halten. Denn in seiner Selbstliebe ist der Mensch bereit, alles zu zerstören.

Um seines Dünkels willen ist er bereit, ein Loch in die Kugel zu bohren, auf der wir uns drehen. Und deshalb muss jemand ständig mit diesem Spiegel winken. Mit dem Spiegel rufen, fluchen, singen, weinen, lachen, mit dem Spiegel. Vielleicht wird, vor dem Spiegel, auch die Finsternis, für einen Augenblick, erzittern.


Kazalište drži ogledalo, kaže Hamlet. Moćno ogledalo koje zaviruje u prošlost i sanja budućnost. Ogledalo koje sebi umišlja da nikada ne laže, nikada ne vara, pa i kada vara ono to radi samo da bi reklo istinu. I dok guramo već stoljećima to ogledalo u lice svijeta, mi što ga držimo, i ogledamo se istovremeno, i vi što se samo ogledate, pitamo se često o smislu tog ogledanja.

Kakvi dolazimo i kakvi odlazimo od ogledala? Što tražimo ogledalom, danas, što smo našli jučer?  Ima li išta novo na ovom svijetu da ogledalo okrenemo prema toj divoti ili tom užasu ili nekoj stvari koja nije ni jedno ni drugo nego je naprosto još neviđana? Jer evo već tisućama godina prolaze pred tim ogledalom ista lica; napuhana od veličine, spremna na ubojstvo, na mučeničku smrt, na sasvim običnu smrt, ali ipak ekskluzivnu u bilo kom smislu, žrtvovana Bogu, ideji, ljubavi ili svakodnevici i ne možemo se načuditi njihovoj tvrdokornoj nepromjenjivosti.

Ogledamo ih sa svih strana, mrvimo staklo i bacamo im ga pod noge, oni uskaču iz oklopa u odijela, iz kočija u automobile, umjesto mačevima mašu mobitelima i u suštini ostaju isti. Oni se ne znaju susresti s ogledalom. Oni iz susreta s ogledalom ne znaju naučiti ništa. I kada se prepoznaju onda se sjete da je naše ogledalo laž, da je sve to Hekuba, suze prolivene za snoviđenje. Ponekad mi se čini kako su kazališni likovi; naši Hamleti, Medeje, Agamemnoni, stvarniji od stvarnih ljudi. U svakom slučaju, u njih mi je lakše povjerovati. Razumijem izvore i njihova dobra i njihova zla. Ovo stvarno zlo meni je nestvarno, neshvatljivo. Pred njim ogledalo puca. Zašto ga onda dalje držati u ruci? Mrak se u ogledalu ne prepoznaje. Treba li ogledalo držati okrenuto samo prema dobru?  I dobro može biti bolje.

Postoji li čovjek, dobar ili zao, ili ni dobar ni zao već čovjek, koji bi stao pred to ogledalo i okrenuo se natrag prema svijetu umiven i opran u susretu sa samim sobom? Ne znam, ali u svijetu koji bezglavo juri negdje, nečemu, kazalište je dio one snage koja radi na dobru. Ono poziva na toleranciju, nudi pogled u drugog, k drugom, poziva na predah od sveopće jurnjave. Poziva na pogled u ogledalo. I zato netko mora držati to ogledalo.

Jer, u svom samoljublju, čovjek je spreman razoriti sve. Za volju svoje taštine spreman je probušiti loptu na kojoj se vrtimo. I zato netko mora stalno mahati tim ogledalom. Vikati ogledalom, psovati, pjevati, plakati, smijati se, ogledalom. Možda, pred ogledalom, i mrak, na trenutak, zadrhti.


When it comes to the program of the Biennale, the festival’s parents have always known how to provide the best conditions for making an aesthetic impact and an attack on intellect: Each play poses a creative conflict with the next. Thus, the festival is not only entertainment, but also education. Each year, the festival organizers visit the fields of Europe and collect the most fragrant and brightest bouquets of flowers. Everything heaped together, plenty of each sort. Apropos, isn’t that the prevalent formula of postmodernism nowadays? In actuality, it is vanishing little by little. There are no tricks anymore, just a carpet and two actors. A tame and comprehensible text. But we have not yet achieved this kind of risky avant-garde.


Als ich Anfang der 90er Jahre erfahren hatte, dass in Deutschland ein Festival der modernen Dramatik initiiert wurde, dachte ich sofort „Rechtzeitig!“. Das Theater tat sich damals schwer. Es zeichnete sich eine Krise ab, keine Krise des Theaters an sich, sondern eine der frischen szenischen Schöpfungen, Erfindungen, die die neue europäische Dramatik anbieten könnte. Zu diesem Zeitpunkt waren alle Inszenierungsideen des 20. Jahrhunderts durchgekaut und abgewetzt. Sowohl das realistische als auch das symbolistische, das absurde und das groteske Theater, das naturalistische und das Theater der Grausamkeit, das konzeptionelle… Wie soll es weitergehen? Bis jetzt nur Stille. Nach wie vor wird nichts Neues erfunden…

In der Erwartung einer neuen Explosion beginnt das Theater, bereits Erfundenes in wunderlichen Konstellationen neu zusammenzusetzen und hofft dabei, dass an der Nahtstelle eine neue Bühnenrealität aufblitzt, um im Zuschauerraum frische Emotionen zu entfachen. Das gibt es nicht nur in der Kunst. Die Wissenschaft agiert seit langem in Grenzzonen. Auch die Gesellschaft mischt unterschiedliche politische Konzeptionen, mal versucht sie den Sozialismus mit dem Kapitalismus zu paaren, mal träumt sie von einem Zar unter demokratischen Verhältnissen oder sie rutscht in einen Kommuno-Faschismus[1]… Alles auf einmal und von allem jede Menge. Bei der zweiten Bonner Biennale spielte eine deutsche Truppe den Untergang der Titanic im Freien nach. Ein „Feuer- und Wasserspektakel“ hieß es im Programmheft. Es war nicht das herausragendste Stück des Festivals, mehr noch, die Mehrzahl der Besucher nahm es nicht ernst – ein Zirkus mit Wasser. Mir erschien es plötzlich, als plansche in diesem Wasser das Theater des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts in quälender Suche nach sich selbst.

Als Beispiel wählte ich mit Bedacht ein Stück, dessen Grundlage kein dramatischer Text, sondern das Gefühl war, dass es auch anders gehen kann. Bei der Zusammenstellung des Programms verstanden es die Väter der Biennale von Anfang an, Bedingungen für einen ästhetischen Schlag und eine Attacke auf den Verstand zu schaffen. Das gelang ihnen, indem das darauffolgende Stück immer in einem schöpferischen Konflikt zum vorhergehenden stand. In diesem Fall wird ein Festival nicht nur zum Vergnügen, sondern auch zur Schule. Und das gelang. Jedes Mal sammeln die Veranstalter nach allen Regeln des Theater-Ikebana auf europäischen Feldern duftende und bunte Blumensträuße. Ich wiederhole: Alles zusammen, und davon jede Menge. Apropos, ist das nicht die Formel der Postmoderne, die als Geisteshaltung heute in der Kunst vorherrscht? In Wirklichkeit tritt diese allmählich zurück. Tritt weiter und weiter zurück. Und so will man auch keine Tricksereien mehr, sondern nur noch einen Teppich und zwei Schauspieler. Einen sachten und verständlichen Text. Nur bei dieser riskanten Avantgarde sind wir noch nicht angekommen.

[1] Der Autor meint etwa das: Karjakin, Jurij: Ein neues «Welträtsel»? Kommuno-Faschismus in Russland. In: Theater der Zeit, 49(2), 1994, p. 73-76. Anm.: Übersetzer.

Aus dem Russischen: E. Warkentin


Когда в начале девяностых годов прошлого века я узнал, что в Германии задуман театральный фестиваль, посвященный именно пьесе, я сразу подумал — «Вовремя!»

Театру тогда было трудно.  Наметился кризис, не театра как такового, а свежих сценических находок, новшеств, изобретений, которые предложила бы новая европейская драма. К тому моменту были прокручены, проверчены и, я бы даже сказал, промотаны все сценические идеи ХХ века. И реалистический театр, и символический, и театр абсурда, и гротесковый, и натуралистический, и театр жестокости, и концептуальный… Что дальше? Пока тишина. Пока ничего нового не изобретается…

И тогда театр в ожидании очередного взрыва начинает соединять ранее найденное в причудливых сочетаниях — авось на стыке жанров и стилей сверкнет новая реальность на сцене, а в зрительном зале полыхнет свежая эмоция. И это не только в искусстве. Наука уже давно работает в пограничных зонах. Общество тоже судорожно тасует политические концепции: то пытается случить социализм с капитализмом, то мечтает о царе при всей остальной полной демократии, то скатывается к коммуно-фашизму… Всё вместе и всего много. На втором Боннском Биеннале немецкая труппа показывала представление на открытом воздухе, разыгрывалась гибель «Титаника». «Спектакль воды и огня» значилось в программке. Это был не самый заметный спектакль на фестивале, более того, многие вообще не принимали его всерьез — так, цирк с водой… Но мне вдруг показалось, что в этой воде барахтается в мучительных поисках себя театр конца прошлого века.

Я намеренно взял в качестве примера  спектакль, в основе которого лежала не пьеса, а ощущение, что можно и так… Отцы Biennale с самого начала понимали, что,  формируя репертуар, должны создать на фестивале условия для эстетического удара, мозговой атаки, чтобы следующий спектакль был бы в творчески конфликтном взаимоотношении с предыдущим. Тогда фестиваль будет не только удовольствием, но и школой. И это удалось. Каждый раз на полях Европы устроители фестиваля любовно и по всем правилам театральной икебаны собирают душистый и разнообразный букет спектаклей. Повторю: всё — вместе, и этого всего — много. Кстати, не такова ли формула постмодернизма, который считается сегодня преобладающим направлением в искусстве? Правда, и тот начинает отходить. Отходит, отходит… И вот уже не хочется никаких ухищрений — коврик и два актёра. И неторопливый внятный текст. Но пока, до такого рискованного авангардизма мы не дошли …


Theatre must legitimize its existence, get involved in society and be committed to reaching out to people. There are many ways to do this, and such involvement can lead to the most diverse of theatrical approaches. However, I also see the danger that theatre’s dedication to things such as education, social welfare, state aid and other socially relevant topics could have a deteriorating effect on its creative environment. In actuality, the true impulses are fear, dread, a thirst for revenge, ambition, rage, delusions of grandeur, narrow-mindedness, sentimentality, self-pity, hate, lust, sorrow, shock, desperation. No one is interesting in financing these types of impulses. Yet we should still be mindful of them, as they are the concepts that people will have to face and share in the future.