Filme basieren auf Büchern, Theaterstücke basieren auf Filmen – wo gibt es noch originelle Stücke? In Wiesbaden, hoffe ich. Übrigens mag ich eigentlich das kommerzielle Theater nicht so sehr, das es weltweit immer mehr gibt. Und wenn ich z. B. eine üppig ausgestattete Oper sehe, frage ich mich manchmal, wie viele junge Schauspieler mit diesem Geld einfache und kreative Stücke machen könnten. Puritanismus, vielleicht, aber eine große Liebe zur Phantasie. Und Phantasie, glaube ich, gedeiht am besten, wenn Zuschauer (oder Leser) selbst möglichst viel auszufüllen haben.
Meine eigenen Stücke haben sehr gelitten unter ausführlichen Dekorationen. Das letzte Mal, bei „Vielleicht Reisen“ in Den Haag, war am Schrecklichsten. Das Schönste war für mich in letzter Zeit die „Nichtsfabrik“ in Portugal, bei Artistas Unidos. Als ich vorher gespannt den Regisseur Jorge Silva Melo fragte, wie das Bühnenbild denn aussehen würde, sagte er: „Wieso, es handelt sich doch um eine Nichtsfabrik.“ Es gab tatsächlich nur viele einfache Stühle. Also hier und da gibt es Ausnahmen. Ich würde an dieser Stelle auch noch gerne erinnern an Eberhard Kürn, der vor drei Jahren sehr jung gestorben ist. Er hat in das kleine TamS-Theater in München so wunderbare dichterische, malerische und sehr einfallsreiche Bühnenbilder gezaubert, dass man vergaß, dass die Bühne nur 10 Meter breit und 6 Meter tief war. Ich bin noch traurig, dass man in Bonn oder Wiesbaden nie etwas von ihm gesehen hat. Und dann erinnere ich mich auch noch so gerne an die wunderbare Inszenierung von Lievi aus dem Jahr 1996 (Zwischen den unendlichen Punkten eines Segments), wo das Stück und das Bühnenbild verschmolzen schienen.
Meine Bewunderung gilt hier in den Niederlanden auch Jan Joris Lamers. Gestern habe ich gerade eine Inszenierung von seiner Gruppe Discordia gesehen und das „einfache“ aber sehr erfinderische Bühnenbild genossen, das zusammen mit der raffinierten Beleuchtung ästhetischen Zauber erreicht. Er hat übrigens 2009 den Wijnberg Szenografiepreis für sein ganzes Oeuvre bekommen.
Judith Herzberg, 11.2.2010

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