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Briefe an den Minsker Freund


Vor kurzem ereignete sich in Weißrussland eine, für unser politisches System, seltene öffentliche Diskussion in Form einer Liveübertragung des Staatssenders ONT. Regie und Dramatik, die in Weißrussland zwei unvereinbare Naturgewalten sind, stießen aufeinander. Es war eine Schlacht… Als Ergebnis dieser Debatte veröffentlichte ich einen offenen Brief an die einflussreichste Person im Kulturbereich Weißrusslands, dem ersten stellvertretendem Kulturminister Vladimir Petrovitsch Rylatko.

Die im Brief von mir angesprochenen Fragen betrafen unmittelbar sowohl das Leben der Dramaturgen als auch aller, die nicht gerade ein gleichgültiges Verhältnis zur weißrussischen Kultur pflegen…

Warum ein Brief an Rylatko? Weil, wenn unser Staat ein „Gesicht“ der Kultur- und Kunstsphäre hätte, dann kann es kein geringeres sein als das Vladimir Petrovic Rylatkos. Allein während meines im Ganzen nicht langen professionellen Werdeganges „saß“ er fünf Kulturminister aus… Er kam noch lange vor Lukaschenko und leitet faktisch seit zwei Jahrzehnten die weißrussische Kultur. Rylatko ist nicht einfach ein sehr einflussreicher Stellvertreter, Rylatko ist ein Symbol und wie man weiß, besteht ein Symbol ewig. Somit ist dieser Brief an die Ewigkeit bestimmt oder auch in die Ewigkeit geschickt…

Also, woran entzündete sich im Wesentlichen die Debatte der Livesendung? Die vier Künstlerischen Leiter unserer Theater – Nikolaj Pinigin (Kupalovskij Teatr), Sergej Koval’tschik (Teatr imeni Gor‘kogo), Modest Abramov (Molodjoschnyj Teatr) und Natal’ja Bascheva (TJuZ) – lobten, jeder in seiner eigenen Manier, die Situation ihrer Häuser. Das Publikum besuche sie regelmäßig, die Inszenierungen wären nicht gerade langweilig und die Krise hätte keine Auswirkung auf den jeweiligen Betrieb. Aber die wichtigste Erkenntnis war, dass in Weißrussland eine Übermacht einheimischer Dramatik vorherrsche, wobei sie ganze, bis dato nie dagewesene fünfundzwanzig Prozent aller Spielplantitel ausmache.

Wir, die weißrussischen Autoren, lebende und tote (denn in dieses Ghetto wurden sowohl Gegenwartsautoren als auch Klassiker zusammengepfercht), „jauchzten“ in diesem Augenblick auf! Zugegeben, ein wenig beengend… Irgendwie unangenehm, sich auf einem Fleck zusammengedrängt zu fühlen… Gusovskij, Kupala, Kolas, Dunin-Marcinkevitsch, Dudarev, Makaenok, Krapiva, Delendik, Kovalev, Popova, Martschuk, Rudkovskij, Karelin, Prjaschko, Steschik, Rusakevitsch, Schtschutskij, Schurpin, Chalezin, Balyko, Prosaiker wie Bykov, Korotkevitsch, Tschornyj und selbst Kureitschik – und diese zusammen machen 25 Prozent aus! Welch eine unwahrscheinliche, welch überwältigende Großzügigkeit! Welch unwahrscheinliche Liebe zur nationalen Literatur! Nur haben Dramatiker in irgendeinem Land der Dritten Welt so etwas offenbar nicht einmal, nicht wahr?

Nicht alle Dramatiker sind aber an solch eine Enge und an solch eine „spartanische“ Umgebung gewöhnt. So haben viele ihrem Beruf den Rücken gekehrt: die meisten gingen zum Kino, und natürlich zum russischen Film, weitere sind in die Lehre gegangen, die dritten in die Politik, die vierten arbeiten als Nachtwächter oder Handelsvertreter und die fünften leiden in gottverlassenen Käffern und Provinznestern ganz einfach Hunger. Dass sie hungern, sage ich nicht des poetischen Ausdruckes halber, nicht aus einer „dostojewskijhaften“ Pose heraus, sondern ausschließlich um der Wahrhaftigkeit willen. Sie hungern! Denn ungeachtet dieser ganzen 25 Prozent, worauf Ihr mit Recht stolz sein könnt, steht in Weißrussland die Existenz des eigentlichen Berufs des „Theaterdramatikers“ unter einem Fragezeichen. Dramatiker zählen nicht zu den offiziellen Berufen und sie bekommen weder Lohn noch Rente. Unter Stalin hatten selbst Bauern mehr Anspruch auf Sozialleistungen als Weißrusslands Dramatiker des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Die „Weißrussische Gilde der Dramatiker“, die wir, die weißrussischen Autoren, einige Male versuchten zu initiieren, um unsere Rechte zu schützen, wurde nicht genehmigt.

Ist denn mein Hauptgedanke nicht verständlich genug formuliert: zählt denn nur das nationale Wort auf der nationalen Bühne als indigene weißrussische Kultur? Ist denn nur die nationale Literatur das wahrhaftige Spiegelbild, die Seele und das Gewissen der Gesellschaft, das ein ausländisches Stück nicht ersetzen kann? Aber unser Gewissen ist so wie es ist. Wie die Gesellschaft, so auch ihr Gewissen. Sich über dieses zu beschweren heißt, alles auf den Spiegel zu schieben.

(Lesen Sie hier das russische Original in ungekürzter Form.)

Aus dem Russischen Edwin Warkentin

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