Archive for February, 2010


Filme basieren auf Büchern, Theaterstücke basieren auf Filmen – wo gibt es noch originelle Stücke? In Wiesbaden, hoffe ich. Übrigens mag ich eigentlich das kommerzielle Theater nicht so sehr, das es weltweit immer mehr gibt. Und wenn ich z. B. eine üppig ausgestattete Oper sehe, frage ich mich manchmal, wie viele junge Schauspieler mit diesem Geld einfache und kreative Stücke machen könnten. Puritanismus, vielleicht, aber eine große Liebe zur Phantasie. Und Phantasie, glaube ich, gedeiht am besten, wenn Zuschauer (oder Leser) selbst möglichst viel auszufüllen haben.

Meine eigenen Stücke haben sehr gelitten unter ausführlichen Dekorationen. Das letzte Mal, bei „Vielleicht Reisen“ in Den Haag, war am Schrecklichsten. Das Schönste war für mich in letzter Zeit die „Nichtsfabrik“ in Portugal, bei Artistas Unidos. Als ich vorher gespannt den Regisseur Jorge Silva Melo fragte, wie das Bühnenbild denn aussehen würde, sagte er: „Wieso, es handelt sich doch um eine Nichtsfabrik.“ Es gab tatsächlich nur viele einfache Stühle. Also hier und da gibt es Ausnahmen. Ich würde an dieser Stelle auch noch gerne erinnern an Eberhard Kürn, der vor drei Jahren sehr jung gestorben ist. Er hat in das kleine TamS-Theater in München so wunderbare dichterische, malerische und sehr einfallsreiche Bühnenbilder gezaubert, dass man vergaß, dass die Bühne nur 10 Meter breit und 6 Meter tief war. Ich bin noch traurig, dass man in Bonn oder Wiesbaden nie etwas von ihm gesehen hat. Und dann erinnere ich mich auch noch so gerne an die wunderbare Inszenierung von Lievi aus dem Jahr 1996 (Zwischen den unendlichen Punkten eines Segments), wo das Stück und das Bühnenbild verschmolzen schienen.

Meine Bewunderung gilt hier in den Niederlanden auch Jan Joris Lamers. Gestern habe ich gerade eine Inszenierung von seiner Gruppe Discordia gesehen und das „einfache“ aber sehr erfinderische Bühnenbild genossen, das zusammen mit der raffinierten Beleuchtung ästhetischen Zauber erreicht. Er hat übrigens 2009 den Wijnberg Szenografiepreis für sein ganzes Oeuvre bekommen.

Judith Herzberg, 11.2.2010


My own plays have suffered immensely from too elaborate ornamentation in production. The last time, for “Travel Perhaps” in The Hague, was the worst. The best was at Artistas Unidos for “The Nothing Factory” in Portugal. When I asked the director, Jorge Silva Melo, beforehand what the set would look, he said: “Why, this play is about a nothing factory.” And, sure enough, they only used a bunch of plain chairs. Of course, there are always exceptions here and there. At this point I would like to mention Eberhard Kurn, who died three years ago at a young age. In the small TamS-Theater in Munich, he was able to conjure up such wonderfully poetic, picturesque and imaginative sets that made you forget the stage was only 10 meters wide and 6 meters deep.

Translated into English by Lynnette Polcyn


23/04/2010

From the beginning of advance sales on April 23rd , tickets  can be booked online and will also be available at ticket offices in Wiesbaden and Mainz.


All living creatures are born with a survival instinct. In order to survive spiders spin webs. In order to survive humans spin stories – about who they are, where they come from and where they are going. For us there is nothing more important than these stories. They are the essence of our life, the backbone of our identity.

Identity is a story about who we are and what we want. In order to survive in the harsh world our stories must be true and have deep insight. A false story can lead us to delusion and a dead-end, even death. As our landscape is ever-changing, our stories are in constant process of readjustment. The story is a map. If it does not correspond to the landscape, we are lost, as in a jungle.

From early childhood we are hungry for stories. Through stories we study life, we prepare for it. We learn about contrasts, contradictions, conflicts – we learn the drama of our lives: Little Red Riding Hood against the wolf, good against evil, love against hate, truth against lies, “what is” against “what seems”, Hamlet against Elsinor.

We have a heartfelt need to understand our story, to see our reflection, to recognise our face, to take courage. We yearn to compare our story with other stories, to examine where they are the same, where similar and where totally different. We crave a master storyteller who will read the runes for us, take off the masks, connect causes and consequences, offer us signposts.

The story is sometimes an unarticulated shriek, sometimes a harmonic melody; sometimes dark and opaque like an ex-ray image, sometimes colourful and merry like a fairytale, sometimes funny or terrible, or indeed sometimes both. But one thing is clear: no culture can survive without a true, powerful and authentic story! Indeed culture IS a true, powerful and authentic story.

Theatre is a mighty workshop and an engine for storytelling. In the theatre the story is not only TOLD, but also SHOWN. It happens here and now, in front of us – it is within our reach. Theatre is a battlefield on which we sharpen the tools of our story, we weave its tapestry, we flex the muscle of our consciousness and our conscientiousness, we adjust the sights of our action, we study life.

Goran Stefanovski


Ich sehe einen sehr deutlichen Zusammenhang zwischen den berüchtigten Mohammed-Zeichnungen aus meinem Land und der europäischen Krise in der Behandlung des Politischen in der Kunst – auch im Theater.

Lassen Sie mich es kurz vertiefen: Die schrecklichen Mohammed-Zeichnungen decken den Selbstbetrug einer Reihe von Gesellschaften auf, die die Fähigkeit zum politischen Denken und Handeln einer heißblütigen, aber erfolglosen Debatte über kulturelle Freiheit UND kulturelle Identität opfern, – und der Skandal passt genau in die implizite und potentiell kriminelle Absprache zwischen Kunst und Staat seit dem 2. Weltkrieg: Die Überführung des Politischen und Staatlichen in den kulturellen Bereich, wo alle Leute verstehen und am Diskurs teilnehmen können, aber wo niemand Recht hat, weil emotionale und kulturelle Werte auf dem Spiel stehen und nicht politische, auf Vernunft basierte Handlungen und Ideen.

Das ist eine Strategie, die jede eigentliche Kritik z. B. an der dänischen Regierung auf Abstand hält, während die Debatte über das Recht auf freie Meinungsäußerung tobt, leider in einem Raum, in dem es nichts Politisches gibt und in dem die Regierung keine Verpflichtung hat.

Das Problem ist hier ja, dass die kulturelle Macht die zentrale Macht in der modernen westlichen Gesellschaft ist, hierzu zählen Kunst, Sport, ja Werte und kulturelle Identität. Aber eins ist sehr schwierig in diesem Machtgefüge zu diskutieren, und das ist das Politische, weil Kunst und Politik Gegensätze sind, Kinder des Religiösen bzw. des Philosophischen.

Hier kommen wir an den Kern der Sache: Der Grund dafür, dass die Sache mit den Mohammed-Zeichnungen unmöglich zu lösen ist und nur noch mehr Zerstörung vor sich hat, ist die Tatsache, dass die Zeichnungen eine politische Antwort auf eine (abgestumpfte) künstlerische Aussage fordern, und eine solche Antwort lässt sich nicht geben. Aber nochmal, wir haben uns daran gewöhnt, vergebens zu warten, denn wir haben uns daran gewöhnt, künstlerische Aussagen über etwas zu hören, was eigentlich eine politische Depression ist, und diese Antwort kommt auch nie. Das heißt, sie kommt unaufhörlich und ununterbrochen von Millionen europäischer Künstler, aber die Antwort hat nichts mit dem eigentlichen Leiden zu tun: Dass die westliche historische Entwicklung stehen geblieben ist und wie in einem Isolationsgefängnis die Zukunft der Gegenwart gleicht: die erste Ursache für Wahnsinn.

Die Sache mit diesen hässlichen und diffamierenden Zeichnungen zeigt mir, dass der moderne Künstler, hoch oder niedrig, vor einem unlösbaren Paradox steht. Er hat über das Politische gesiegt, aber seine Macht lähmt sein Tun. Er hat zwei Wahlmöglichkeiten: Er kann sich der Staatsmacht anschließen und Oden an die jeweilige Regierung verfassen. Er kann sich der Staatsmacht auf einer geheimen Lohnliste anschließen und eine hohle und künstliche Dissidentenkunst vorbringen.

Oder er kann die Augen zumachen und so tun, als sei alles wie immer: Der Staat und die Macht sind nach wie vor eine autonome Größe, in der eine kafkaeske Machtfülle herrscht. Die Bevölkerung hat keinen Einfluss, Kunst und Kultur sind ein Volkshochschulprojekt, das absehbar eine bessere und gesündere Demokratie schafft.

Aber nichts ist, wie es mal war. Alles hat sich geändert. Die handlungsgelähmte, auf Werte basierte Gesellschaft, vom modernen Künstler geboren, ist auf dem Weg in den Abgrund. Wie können wir nun unsere eigene destruktive politische Allmacht als Theaterkünstler abbauen?

Die Antwort ist kurz: Stellen wir das Ästhetische wieder her, wählen wir das Ethische ab. Kunst und Theater haben keine Verpflichtungen was Werte, Gesellschaft, Staat oder Religion betrifft. Theater hat nur eine Verpflichtung: Theater.

Aus dem Dänischen von Bitten J. Stuhlmann-Laeisz


Jeg ser en meget tydelig forbindelse mellem mit lands berygtede Muhammed-tegninger og så den europæiske krise i kunstens- herunder teatrets- behandling af det politiske.

Lag mig kort uddybe: De skrækkelige Muhammed-tegninger afslører selvbedraget i en række samfund, som ofrer evnen til politisk tænkning og handlen til fordel for en varmblodig men resultatløs debat om kulturel frihed OG kulturel identitet, og skandalen passer så fint ind i den implicitte og potentielt kriminelle aftale der er indgået mellem kunst og stat siden 2. verdenskrig: At overføre det politiske og det statslige til det kulturelle domæne hvor alle forstår og kan deltage i diskursen men hvor ingen har ret, idet det er emotionelle og kulturelle værdier der er på spil og ikke politiske fornuftsbaserede handlinger og idéer.

Det er en strategi der holder enhver egentlig kritik af f. eks. den danske regering fra døren, altimens ytringsfriheds-debatten raser, desværre i et rum hvor det politiske ikke findes og hvor regeringen ikke er forpligtet.

Problemet her er jo, at den kulturelle magt er den centrale magt i det moderne vestlige samfund, herunder kunst, sport, ja, værdier og kulturel identitet. Men der er én ting der er meget svært at diskutere i denne magtsøjle, og det er det politiske. Idet kunst og politik er hinandens modsætninger, børn af henholdsvis det religiøse og det filosofiske.

Her når vi frem til sagens kerne: Grunden til at sagen om Muhammed-tegningerne er umulig at løse og kun har mere ødelæggelse foran sig, er at tegningerne afkræver et politisk svar på et (afstumpet) kunstnerisk udsagn, og dette svar kan ikke gives. Men igen, vi er blevet vant til at vente forgæves, for vi er blevet vant til at høre et kunstnerisk udsagn på hvad der egentlig er en politisk depression, og dette svar kommer heller aldrig. Det vil sige, det kommer ustandseligt og uabrudt fra millioner af europæiske kunstnere, men svaret har intet at gøre med sygdommen: At den vestlige historiske udvikling er gået i stå, og som i et isolationsfængsel ligner fremtiden nutiden, førsteårsagen til sindssyge.

Sagen om disse hæslige og nedgørende tegninger viser mig, at den moderne kunstner, høj som lav, står foran et uløseligt paradoks. Han har sejret over det politiske men hans magt lammer hans virke. Han har to valg: Han kan tilslutte sig statsmagten og forfatte oder til hvilken som helst siddende regering. Han kan tilslutte sig statsmagten på en hemmelig lønningsliste og lave hul og kunstig dissident kunst.

Eller han kan lukke sine øjne og lade som om, alt er som det plejer at være: Staten og magten er fortsat en autonom størrelse i hvilken et kafkask magtvælde forløber. Befolkning er udenfor indflydelse, kunst og kultur er et folkeligt oplysningsprojekt der på sigt vil skabe et bedre og sundere demokrati.

Men intet er som det var. Alt er forandret. Det handlingslammede, værdibaserede samfund født af den moderne kunstner er på vej mod afgrunden. Hvorledes nedbryder vi da vores egen destruktive politiske almagt som teaterkunstnere?

Svaret er kort: Genopret det æstetiske, fravælg det etiske. Kunst og teater har ingen forpligtelser mht. værdier, samfund, stat eller religion. Teater har kun en forpligtelse: Teater.


I see a correlation between the notorious Danish Mohammed caricatures and the European crisis in the way in which art deals with politics – even in theatre.

The problem: Cultural power is the central power in modern Western society. It is very difficult to discuss political matters in this structure; art and politics are opposites, the children of religion and philosophy.

Borne of modern artists, we have become a society that is incapable of action and based on values. This society is collapsing. How can we as theatre professionals abolish the destructive, almighty political force we’ve created?

The short answer: We need to reestablish the aesthetic and abandon the ethical. Art and theatre are not obligated to honor the values of society, nations or religion. Theater only has one obligation: theatre.


Wieso finden wir, die wir beispielsweise einer künstlerisch und intellektuell anregenden Arbeit nachgehen, uns eigentlich damit ab, dass in entscheidenden Gesellschaftsbereichen die Definitionsmacht Menschen überlassen wird, die immer wieder zeigen, dass sie von dem, was sie tun, keine Ahnung haben? Trauen wir uns nicht? Kann man seinen Job überhaupt noch schlechter machen, als es die Ökonomen fertig gebracht haben?

Im letzten Herbst spuckte die amerikanische Zentralbank für den AIG-Konzern einen Notfallkredit in Höhe von 85 Milliarden Dollar aus, inzwischen sind weitere 85 Milliarden hinzugekommen. Am folgenden Tag schrieb die New York Times: “The problem is people are operating in a world in which nobody knows what the hell is going on.” Aber es kann doch nicht wahr sein, dass keiner irgendetwas kommen sah? War es nicht eher so, dass von allen, die diese Rechnerei ein wenig mitverfolgten, nur die Ökonomen nicht sahen, wohin das führte? Wo doch der Wert der zusammengesetzten Finanzierungsinstrumente, die allein in den USA umgesetzt wurden, doppelt so hoch war wie das gesamte Bruttonationaleinkommen der USA? Das alles war im wesentlichen kreditfinanziert, wer also konnte allen Ernstes glauben, dass die Werte nicht schnell sinken würden? Die Ökonomen, ja – aber wir anderen?

Was macht den einen “too big to fail” und den anderen nicht? Das muss etwas mit der Gesetzgebung zu tun haben, oder? Wenn der Chef des UN-Drogenprogramms vor einigen Wochen sagte, dass praktisch das gesamte Investment-Kapital, das dem Markt im vierten Quartal 2008 zufloss, aus illegalem Drogenhandel stammte – heißt das nicht, dass die Banken den Drogenbanden dankbar sein müssen? Und dass es unmöglich sein wird, auf diesem Gebiet eine vernünftige Reformpolitik durchzusetzen, weil das illegale Verteilernetz “too big to fail” ist? Kann es etwas anderes bedeuten?

Was ist eigentlich Geld? Warum gibt es keine klare und umfassende Definition davon, was Geld ist? Könnte der Grund dafür sein, dass die Finanzakteure immer neue Geldformen erfinden, die sie somit selbst produzieren können?

(Ausschnitt eines am 11. Februar 2009 in Oslo gehaltenen Vortrags. Veröffentlicht in Poesi og lærepenger, Essays, Lectures and Articles. Kolon Forlag, Oslo 2009.)

Aus dem Norwegischen übersetzt von Ebba D. Drolshagen


Hvordan kan vi som jobber med for eksempel kunstneriske og intellektuelt stimulerende oppgaver, finne oss i at definisjonsmakta på det mest sentrale samfunnsfeltet overlates til noen som igjen og igjen viser at de ikke eier begreper om hva de holder på med? Tør vi ikke? Er det mulig å prestere noe dårligere enn det økonomene har klart?

Som det sto i New York Times i fjor høst, dagen etter at den amerikanske sentralbanken hadde spadd opp 500 milliarder kroner[1] i et akuttlån, som nå er blitt 500 milliarder til: “The problem is people are operating in a world in which nobody knows what the hell is going on.” Men det kan da ikke være sant, at ingen skjønte noe som helst? Det var vel heller sånn, at av alle som fulgte litt med på regnestykkene, var det bare økonomene som ikke skjønte hvor det bar? Når det i USA alene ble omsatt sammensatte finansielle instrumenter verdt dobbelt så mye som hele USAs brutto nasjonalprodukt? Når alt dette vesentlig var lånefinansiert, hvem kunne innbille seg at verdiene ikke raskt ville tape seg? Økonomene, ja, men vi andre?

Hva er det som gjør at noen er “too big to fail” og andre ikke? Det har selvfølgelig med lovverket å gjøre? Når sjefen for FNs narkotikaprogram påsto for noen uker sida, at så å si all den friske kapitalen som tilfløt markedet i siste kvartal 2008 kom fra illegal narkotikahandel, betyr ikke det at bankverdenen burde takke narkotikabandene? Og at det vil bli umulig å få gjennom noen fornuftig reformpolitikk på dét området, fordi det illegale distribusjonsnettverket er “too big to fail”? Det kan vel ikke bety noe annet?

Hva er egentlig penger? Hvorfor fins det ingen klar og dekkende definisjon på hva penger er? Er det ikke fordi de finansielle aktørene stadig finner opp nye pengeformer, som de dermed kan produsere sjøl?

(From a lecture held in Oslo, February 11th 2009. Printed in Poesi og lærepenger, Essays, Lectures and Articles, Kolon Forlag, Oslo 2009.)


[1] $ 85 billion – to AIG.


Last autumn the US Federal Reserve coughed up a total of 85 billion dollars in emergency aid for AIG, meanwhile that amount has increased to 180 billion. The ‘New York Times’ commented: “The problem is people are operating in a world in which nobody knows what the hell is going on.” But can you honestly tell me that no one saw something like this coming? Wasn’t it more like: Of everyone who followed these calculations in the slightest, the economists were the only ones who didn’t see where things were heading? Even though the total value of all the financing instruments implemented in the USA was twice as high as the country’s total gross national income? That was primarily credit-based, so who could honestly have believed that these values were not going to plummet one day? The economists, sure – but what about the rest of us?