Luter: Aschenkinder [Kopciuch] hast du 1979 geschrieben, als du nach England und von dort dann in die Staaten gegangen bist. Wurde Aschenkinder schon in Polen gespielt?
J. G.: Ja, wir bekamen sehr schlechte Rezensionen.
Luter: Vielleicht, weil das Stück als eine Metapher auf das totalitäre System interpretiert wurde.
J. G.: Ach woher denn. Niemand hat das bemerkt, man hielt es einfach für ein schlecht geschriebenes Stück. Ich habe daraufhin beschlossen, keine Stücke mehr zu schreiben.
Luter: Aber ein Kritiker schrieb auch, das Stück sei eine polnische Version von Einer flog über das Kuckucksnest. Und in London hatte das Stück Erfolg.
J. G.: Dann ging ich nach New York. Auch dort lief es ausgezeichnet. Vor ein paar Jahren führten Mädchen aus dem Heim für schwer erziehbare Jugendliche, in dem Aschenkinder spielt, das Stück auf. Im Publikum saßen ihre Heimmitbewohnerinnen. Die Reaktion der Zuschauerinnen war unglaublich. Manchmal hat man den Eindruck, Schreiben macht Sinn.
Luter: Anschließend kam Jagd auf Kakerlaken [Polowanie na karaluchy], ein Stück über die Emigration. Du hast geschrieben: „Der Emigrant ist jemand, der alles verloren hat, nur nicht seinen Akzent.“
J. G.: Ein Stück über Schlaflosigkeit, über die Verlorenheit.
Luter: Der Pole Floh, der russische Jude Sascha und Anita aus Puerto Rico.
J. G.: Da sind wir schon bei Antigone. Sicherlich mein bitterstes Stück. Irgendwo habe ich geschrieben, es sei eine Komödie über die Verzweiflung.
Luter: Oder mit Beckett gesprochen, nichts ist lustiger als das Unglück.
J. G.: Ich bin immer auf der Seite der Verlierer. Das Aschenputtel hat den Mut, NEIN zu sagen, lässt sich nicht provozieren oder manipulieren, und verliert. Die Drei in Antigone gehören auch zu den Verlierern, bewahren sich aber einen Rest von Hoffnung. Und Anita ist die Liebe selbst. Auch sie ist eine Verliererin, glaubt aber fest daran, dass jedem Menschen zumindest ein eigenes Grab zusteht.
Luter: Du lässt deinen Helden ihren Glauben und die Hoffnung. Hat dir mal jemand gesagt, dass deine Stücke zutiefst christlich sind?
J. G.: Das nun eher nicht.
Luter: Dann sage ich es dir jetzt.
J. G.: Heißt das, dass ich in den Himmel komme?
Luter: Du hast jedenfalls gute Chancen. Jan Kott hat geschrieben, Antigone sei eins der drei besten Stücke, die nach dem Krieg in Polen geschrieben wurden. Der polnische Literaturkritiker Henryk Bereza bemerkte, das Perfide an dieser Tragikomödie bestehe darin, dass die Gogol’sche Frage „Worüber lacht ihr?“ besser verdeckt werde, als es gewöhlich der Fall sei.
J. G.: Kott war beim Lesen gerührt, ich beim Schreiben. Ich dachte mir, ob es nun einen Gott gibt oder nicht, diese Menschen haben es einfach verdient.
Luter: Fortinbras betrank sich [Fortynbras się upił]. Ein Drama über Macht, aber auch darüber, dass der Mensch ein unbedeutendes Pünktchen im Weltall ist. Du versuchst das Drama eines einzelnen Menschen zu schildern.
J. G.: Das ist das erste Stück, das ich in der Emigration geschrieben habe. 1983. Ich fühlte mich elend wegen des Kriegszustandes und schrieb einen Hamlet aus norwegischer Sicht. Norwegen ist bei mir eine Supermacht, in der eine Leiche auf dem Thron sitzt, eine Art Breschnew, und die Geheimdienste regieren. Während Dänemark so ein Kleinstaat wie Polen ist, dem eine Invasion droht. Die norwegischen Geheimdienste liquidieren das ganze Herrschergeschlecht. Um zu überleben, gibt Fortinbras vor, ein Alkoholiker zu sein. Aber lange kann man keinen Alkoholiker spielen.
Luter: Du fragst dich, warum Fortinsbras Dänemark preisgibt.
J. G.: Genau. Der Fortinbras in meinem Stück will mit Hamlet die Rollen tauschen. Aber Hamlet will nicht. Es ist ihm alles egal. Er ist der Ansicht, dass die Welt nichts Besseres verdient hat, als in Schutt und Asche gelegt zu werden. „Du redest wie ein Terrorist“, antwortet Fortinbras. Bergman hat in seinem Hamlet aus Fortinbras einen gnadenlosen Diktator gemacht. Er beginnt mit Horatios Erschießung, denn er will jegliche Erinnerung an Dänemark tilgen. Weißt du, sie haben meinen Fortinbras in Sarajevo während der Belagerung als antiserbisches Stück gespielt. Milošević war die Königsleiche. In Los Angeles war Reagan der König und Nicaragua Dänemark.
Luter: Kanntest du Arthur Miller gut?
J. G.: Was man so gut nennt. Ihm gefiel mein Ledermantel sowie Aschenkinder und Die vierte Schwester [Czwarta siostra]. Am meisten aber Antigone, denn er suchte nach Möglichkeiten, eine moderne Tragödie zu schreiben. Ich besuchte Miller auf dem Land in Connecticut. Er nahm mein Stück mit nach oben in sein Arbeitzimmer und kürzte.
Luter: Miller weigerte sich, vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe auszusagen. Der McCarthyismus, der u. a. von einem Misstrauen gegenüber den Eliten gekennzeichnet war, zerstörte seine Freundschaft zu Elia Kazan.
J. G.: Wäre nicht Marilyn Monroe gewesen, hätte es für ihn schlecht ausgesehen. Millers Hexen von Salem versetzten McCarthy in Rage. Er war ein kluger und mutiger Mensch. In Zeiten der Verdummung und Tabloidisierung fehlt er sehr.
Luter: In deinem literarischen Schaffen gelangst du vom Absurden zur Wahrheit.
J. G.: Oder von der Wahrheit zum Absurden. Die Helden sitzen auf einer Parkbank und geben sich ihren Sehnsüchten hin.
Luter: Der Sehnsucht wonach?
J. G.: Nach der Liebe, nach einem Bett, nach dem Sinn. Puschkins Stück Mozart und Salieri beginnt mit dem Satz: „Man sagt, Gerechtigkeit gibt’s nicht auf Erden.
Sie findet sich desgleichen höher nicht.“ Nur dass Puschkin an anderer Stelle schreibt: „Wenn die Sterne leuchten, heißt das, dass jemand es bedarf“. In meinem Stück über Anita, Floh, Sascha und den Polizisten ist der Himmel über der Stadt so verhangen, dass man Gott nicht sieht, und das Menschenrecht durch eine Ordnung ersetzt worden, die vom Polizisten überwacht wird. Und dennoch hat sich Anita den geheimnisvollen moralischen Instinkt erhalten.
Luter: Also das Geheimnis. Wir sind etwas, aber sind nicht alles, was uns insbesondere im Hinblick auf den Tod und die Unendlichkeit klar wird.
J. G.: Dem kann ich nur zustimmen.
Aus einem Gespräch mit dem katholischen Priester und Hochschullehrer Andrzej Luter, der während des Kriegsrechts in Polen im studentischen Untergrund arbeitete.
Aus dem Polnischen von Andreas Volk

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