Als Autorin verstehe ich den Übersetzungsprozess am besten, wenn ich ihn mir in Verwandtschaft zum Verhältnis von Instrument, Komposition und Musikaufführung vorstelle. Die Autorin „spielt“ ihre Komposition auf ihrem Instrument, sagen wir, auf der Geige. Der Übersetzer kommt mit seinem Instrument, sagen wir, einer Flöte, und beginnt, dasselbe Musikstuck zu ertasten. Er kann ein Genie sein mit absolutem Gehör und mit Hilfe seiner Silberflöte erstaunliche Schönheit oder etwas völlig anderes hervorzaubern. Das Ergebnis hangt von der Qualität der Instrumente und der Komposition ab, von der Sensibilität des Übersetzerohrs fur die konkrete Begegnung der Instrumente sowie vom Verständnis fur offenbare und verborgene Tendenzen der Komposition.
Der Vergleich hilft mir, nicht nur die Qualitätsunterschiede des Resultats zu verstehen, sondern auch die Legitimation verschiedener Interpretationen. Betrachtet man Übersetzen in Parallele zur Interpretation von Musik, mit all ihren möglichen Variationen, kann man die verschiedensten Losungen als professionelle Deutungen ein und desselben Werks respektieren. Die Geige kann durch eine Posaune ersetzt werden, kein Instrument ist das einzig mögliche, das endgültig richtige. Als Übersetzer betrachtet, erinnert mich das Übersetzen eines Dramas an die Arbeit des Dramaturgen an der Buhnenfassung eines Romans. Einerseits muss man ständig bedacht sein, den spezifischen Charakter. des Werks zu erfassen und zu wahren, in der Treue zu den Ideen, zum Stil, zu den ästhetischen Entscheidungen, zum Klang und zum Rhythmus des Originals. Andererseits muss man auf die Freiheit achten, auf das Recht und die Pflicht, den Ausgangstext kurzzeitig total zu vergessen, damit etwas Echtes, Lebendiges, Funktionierendes mit Eigenwert entstehen kann. Man muss fähig sein, sich gleichzeitig in den Text zu versenken und ihn aus der Ferne zu betrachten, mit Anmasung, ohne sich um Einzelheiten zu scheren
Aus einem 2010 erscheinenden Essay. Aus dem Finnischen von Stefan Moster

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