Der zeitgenossische Künstler versteht, dass er zu einem Menschen spricht, der eine riesige Menge an Informationen im Kopf hat. Es gibt keinen „reinen“ Schriftsteller mehr, weil es keinen „reinen“ Leser mehr gibt. Es ist kaum vorstellbar, dass Dein Leser zusammen mit dem Schulwissen nicht zugleich auch alle gängigen Klischees übernommen, nicht ein einziges Mal fern gesehen und keine einzige Zeitung gelesen hat und trotzdem noch intellektuell ist. Ihr seid beide langst der Banalität erlegen, das sollte man nicht verhehlen, sondern besser aus dieser Banalität eine Tugend machen. Wenn man Prosa schreibt, kann man die Leser ignorieren. Aber die Zuschauer im Theater zu ignorieren, ist unvorstellbar; man kann sie nur manipulieren.
Aus diesem Grund setzt sich der Stil meiner Stucke aus diesen Komponenten zusammen: Ich, plus die litauische Theatertradition, plus das litauische Publikum. Das Theater prägt das Publikum und dann prägt dasselbe Publikum mich. Dann komme ich und versuche, beide zu beeinflussen. Also erschafft ein zeitgenossischer Schriftsteller seine Kunst im Kopf des zeitgenossischen Lesers (Zuschauers). „Ich weis, dass Du weist, dass ich weis“, sagt der Schriftsteller zu seinem Leser. Ich kenne Deine Stereotypen, weil es auch meine sind. Wenn diese Mitwisserschaft einmal hergestellt ist, ist auch das Gefühl „ich bin du“ vermittelt. Wenn dies erreicht ist, kann der Autor weiter in das Bewusstsein des Lesers eindringen wie ein Computervirus und seine Stereotypen, seine Weltanschauung und sein Schönheitsideal zerstören. Das auf diese Weise eingedrungene Virus schlagt auch zuvor in das Bewusstsein eingedrungene Viren, es schlagt die Autoren der Schulbucher und Klassiker und weis, dass es selbst später von den Jüngeren geschlagen werden wird. Denn die Kunst hat neben der ästhetischen noch eine weitere Funktion: Die Rekonstruktion von Werten. Sie frischt sie auf und verleiht alten, abgedroschenen Wahrheiten eine neue Gestalt.
Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig

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