Der mährische Schriftsteller und Dramatiker des beginnenden 20. Jahrhunderts Jiří Mahen schrieb im Vorwort seines Buches Gans an der Leine: “Ein Mensch nahm eine Gans und band sie an eine Leine. Da trat die Gans vor und nahm den Menschen an die Leine. Los, komm!”.
Ich habe an Mahen und seinen anschaulichen Relativismus im Zusammenhang mit einem anderen Text denken müssen: Tankred Dorsts Vorwort zu seinem Buch Werkstattbericht:
” Der Autor sucht eine Geschichte – aber kann es nicht umgekehrt sein: dass eine Geschichte sich den Autor sucht?” Dorst spricht an dieser Stelle über das konfliktreiche Verhältnis der Geschichte zum Autor und des Autors zur Geschichte mit noch dramatischeren Worten: “Der Autor nun will beweisen, argumentieren, die Geschichte wehrt sich dagegen…. Er will die Geschichte erklären, will die leeren Stellen ausfüllen, das Ungeklärte klären: die Geschichte zieht sich zurück. – Oh weh, jammert die Geschichte, ich habe mir den falschen Autor gesucht. Er hat meine Härte nicht gesehen, er hat einen zu engen Blick auf meine Personen, er will zu viel erklären! Wie schwach ist er! Er ist psychologiegläubig, er ist ängstlich, er ist konformistisch, er will Erfolg haben, er will sich selbst immerfort herzeigen, indem er mich herzeigt, er ist parteilich, er ist zu jung, er ist zu alt, er ist sentimental, er ist zu grob, er ist zu zart, zu sensibel, er möchte nur immer die Pointe herausholen, er ist zu altmodisch, er ist zu modern – hätte ich nur einen anderen Autor gefunden, um mich ans Licht zu bringen!”
Tankred Dorst, fühlte sich als junger, beginnender Autor als Herr seiner Geschichten. Bei einem seiner Besuche in Bratislava erzählte er mir von einer Begegnung mit Peter Zadek, der 1962 eines von Dorsts Stücken in Berlin inszenierte: Das Treffen war eine große Enttäuschung. Als Zadek ihn vom Flughafen mit dem Auto ins Theater zur Probe fuhr, fragte der junge Autor den berühmten Regisseur, ob er irgendwelche Änderungen am Text vorgenommen habe. “Ja, mehrere”, antwortete Zadek, “vor allem habe ich Ihren langen Monolog zusammengestrichen.” – “Wie, gekürzt?…”, japste der Dramatiker. – “Ganz einfach, ich habe jeden fünften Satz rausgestrichen.” – “Ohne Hinblick auf Bedeutung, Länge, auf die Logik?” erwiderte der Autor schüchtern. – “Richtig, ganz mechanisch. Jeder fünfte Satz ist raus aus dem Monolog!” Dorst vergrub sich in seinen Autositz und schwieg. Er rechnete mit einer Katastrophe.
Wie groß war seine Überraschung, als er im Theater feststellte, dass der so “rein mechanisch” zusammengestrichene Monolog viel dramatischer war. Expressiver. Und überraschenderweise sogar wahrhaftiger. Das Fehlen von teilweise wichtigen, teilweise unwichtigeren Sätzen führte dazu, dass der Monolog nun widersprüchlicher war, dunkler, dass er Unausgesprochenes enthielt. Tankred Dorst konnte sich daran überzeugen, dass ein glatter, kultivierter Dialog im Theater nicht immer das Ideal sein muss. Fast könnte man sagen, das Gegenteil sei wahr. Eine Geschichte muss immer auch ein Geheimnis haben. Löcher. Sprünge. Ungesagtes. Sie muss einen Raum öffnen für die Fantasie der Zuschauer.
Ich freue mich auf Wiesbadener Geschichten aus dem Jahr 2010. Und auf Tankred und Ursula, bei denen es – genau wie bei Jiří Mahen – nie klar ist, wer von ihnen den anderen führt. Weswegen ihre Geschichte so wunderbar ist.
Aus dem Slowakischen von Katharina Schmitt

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