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Das estnische Theater ist 100!


Vor Jahren wurde ich zu einem Filmfestival nach Bangladesh eingeladen. Um ehrlich zu sein, ich hatte keine große Lust zu fahren. Es kam mir irgendwie zu weit weg und bedrohlich vor. Was zum Kuckuck, dachte ich, habe ich da zu suchen. Andererseits ist Bangladesh das Land der Bengalen, und unter den Bengalen gibt es große Dichter. Zum Beispiel Tagore. Dann bekam ich noch heraus, dass Bangla Desh auf  Bengalisch Land der Bengalen heißt. Und die Hauptstadt dieses Landes ist Dhaka. Nach einigem Zögern bin ich dann doch gefahren.

Obwohl ich in der Sowjetunion geboren bin und so manches gesehen habe, stellte das, was ich in Bangladesh sah, alles in den Schatten. In Bangladesh leben 150 Millionen Menschen auf einer Fläche, die sechsmal größer ist als Estland – wir auf unserer Fläche sind nur 1,5 Millionen – , davon ist der größte Teil Lehmboden, also untauglich. Die Mehrheit der Bengalen hat sich auf die riesigen Städte am Brahmaputra konzentriert. Die genaue Einwohnerzahl dieser Städte kennt keiner. Aber wenn du jemanden fragst, behauptet der, dass in Mongla doch 20 Millionen und in Khulna, nun ja, auch sehr viele leben. Vielleicht sind es auch da 20 Millionen. Die Bengalen zu zählen, ist nicht möglich, aber sicher ist, dass jedes Jahr ungefähr fünf Millionen hinzugeboren werden. Bald müssen sie im Doppelpack auftreten, um überhaupt noch in ihr Land zu passen.

Die hauptsächlichen Begleiter dieser Menschen sind Hunger, unvorstellbare Armut, Analphabetentum, Krankheiten und der Islam, der stellenweise extreme Formen annimmt. Etwa zehn Millionen religiöse Fanatiker stellen ein paarmal pro Jahr das Leben in Dhaka auf den Kopf. Man lässt das Leben Leben sein, auf den Straßen kommen Hunderte von Menschen um. Alte Männer mit Bärten verlangen im Namen Allahs die verschiedensten Sachen. Die gewöhnlichen Muslime, die einfachen Bengalen, verkriechen sich dann in ihren Hütten und warten ab. Bis die Laune der Bärtigen wieder hergestellt ist.

In Dhaka kam es mir so vor, als versuche sich die Mehrheit der Bengalen von Rikschafahren zu ernähren. Rikschas gibt es in Dhaka dreihunderttausend. Die Rikschafahrer sind klein und sehen müde aus, karren aber zwei Touristen von hundertfünfzig Kilo ohne mit der Wimper zu zucken ans andere Ende der Stadt. Denn man braucht ja was zu essen. Take a seat, sir!

Wer sich keine Rikscha kaufen kann, muss betteln. Oder auf Raubzug gehen oder in den Fluss springen – der Brahmaputra fließt durch Dhaka -, da hinein mündet aller Abschaum. Einmal pro Jahr überschwemmen die Flüsse das gesamte Land, und ungefähr eine Million Menschen ertrinkt. Gleichzeitig sind die Flüsse die einzige Möglichkeit, sich fortzubewegen, denn Straßen gibt es meistens nicht. In einen durchschnittlichen Flussdampfer passen fünfhundert Menschen: vierhundert in die dritte Klasse, in die zweite Klasse hundert, und in die erste Klasse zwanzig. Vom Platz her aber sind alle Klassen gleich.

Der gelbe „Rocket Steamer“, Baujahr 1928, mit dem ich von Dhaka in das ozeannahe Khulna fuhr, hielt sich glücklicherweise über Wasser. Doch jedes Jahr gehen mehrere Schiffe mitsamt ihren Klassen unter. Khulna stinkt genauso wie Dhaka, ist aber noch ärmer. Auf dem Weg ins Hotel zeigte mir der Guide das Bordell von Khulna, wo die Seeleute für fünf Dollar vögeln und erzählte vom Krieg zwischen Pakistan und Bangladesh, wo so ganz nebenbei sieben Millionen Bengalen getötet wurden. Ich kam ins Hotel, machte den Fernseher an und …

… sah die wunderschöne Geschichte von einer Braut und einem Bräutigam und einer großen, glücklich endenden Liebe (in Bangladesh wählt die Mutter die Frau für ihren Sohn aus. Liebe ist verboten!). Es gab tolle Schlitten und eine indische Disko, Elefanten und reiche Prinzen, schöne Menschen, Tanz und Gesang und … Da begriff ich, warum der Bengale, und sei er noch so arm, sich unbedingt einen Fernseher kauft. Weil nur da das Leben spielt!

Aber was wollte ich sagen? In Estland passiert auch so allerhand. Die Gefängnisse sind voll, ständig kommen neue hinzu. Drogensüchtige und Alkoholiker gibt es allerorten. Die Esten und die Russen streiten sich, die Arbeitslosigkeit bringt die Leute zur Strecke, der Staat windet sich in der Krise, aber die Staatsdiener verdienen Millionen oder klauen, so dass man sie in den Knast stecken sollte, ehe sie überhaupt ihren Dienst antreten. Die Dörfer sterben aus. Der weiße Mann ist König, bei uns wie in Bangladesh, der Farbige wird angepöbelt und verdroschen. Ich mache den Fernseher an und …

… unser Theater spielt wahrhaftig wieder „Onkel Wanja“. Schon hundert Jahre lang, ohne sich vom Leben beirren zu lassen.

Aus dem Estnischen von Irja Grönholm

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