Unruhe und Ordnung in Budapest « newplays-Blog

Unruhe und Ordnung in Budapest


Steig hinab in die Unterführungen, übernachteauf den Bahnhöfen, leg dich an inden Ghettos der Vorstadt, höre, wie die Stadt atmet, wie sie sich voller Schuld im Bett windet, im Schlaf ächzt und schreit.Heirate Prostituierte, schließe Pakte der Brüderlichkeit mit Taschendieben, lass dir von den schönsten Transvestiten den Kopfverdrehen, sei charakterlos, ich befreiedich von deinen Hemmungen. Verfluche das Gesetz, verprügle Polizisten, verjagedie Obdachlosen aus ihren Pappkartonwelten, stoße die Schalen der Bettler um, verkaufe Drogen, verkaufe unreine Drogen, begreife jenen noch finstereren Schlag deines Herzens, gib dein Leben preis für die nächstbeste Nichtigkeit, sei taktvoll wie ein Kirchendiener, wenn er trunkenen Priesternbegegnet, bettle um die Liebe der Elenden, schreibe neue Gesetze für sie und brich sie umgehend, nimm wahr, wie Venus aus dem Schlamm der Stadt geboren wird, und die schönsten Töchter der Königin von Saba im Smog vor dir treiben, orientiere dich auf der Landkarte der Wandkritzeleien, bemerke die märchenhafte Ordnung, die die Stadtregiert. Warum sollte Budapest nicht an dieser unruhigen Ordnung festhalten, an dem an die Mauern gepinselten Hass, sie sind doch seine Wegweiser, Leitlinien im Fegefeuer, das seine Ehre heikel hütet; an den Wechselkursen der Gauner, die seinen Blutkreislauf bilden; an den aufgesammelten Pflastersteinen, da sie doch die Denkmälerseines Alltags sind, wie die angezündeten Autos seine Feiern, zu deren Flammen die Stadt tanzt. Seine Mauern sind rußig vom Hauch des Herrn, seine Ordnung – ein stahlblauerVogel mit Myrthezweig im Schnabel. Diese Ordnung schrieben eines Juni morgens singende Mädchen in den Staub, siehe da: die Ordnung der Stadt. Vielleicht, wenn sie all das aufgäbe, dann würden ihre Umrisse verschwimmen, trüb werden wie ein altes Bild, kraftlos, schwarz-weiß, sie wäre nicht mehr wirklich.Ihre Grenzen würden verfließen, und sie erhöbesich in die Luft.

Aus der Zeitschrift „Es“,Budapest 2009. Aus dem Ungarischen von Szilvia Petkov

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