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Kinder, Khemiri, Kulturpolitik


Schwedens Theater spielen vor allem aktuelle Dramatik und engagieren sich für Jugendstücke. Ein Überblick über die Kulturpolitik eines skandinavischen Vorzeigelandes.

Neben dem Film- und Theaterregisseur Ingmar Bergmann, dem Dramatiker Lars Norén und der Choreografin Birgit Cullberg war es lange Zeit vor allem August Strindberg, der über die skandinavischen Grenzen hinaus bekannt war und dessen Stücke auf europäischen Bühnen inszeniert wurden. In den letzten Jahren gibt es allerdings, besonders auch in Deutschland, ein wachsendes Interesse an neuer schwedischer Dramatik von Autoren wie Jonas Hassen Khemiri, der mit seinem Stück “Wir sind Hundert” bei der Biennale vertreten ist.

In Schweden ist aktuelle Dramatik die Basis der meisten Theaterproduktionen. Die wiederum werden von der schwedischen Regierung so großzügig bezuschusst, dass im Jahr 2007 Theater und Tanz mit umgerechnet mehr als 119 Millionen Euro subventioniert wurden. Theater spielt in der staatlichen und regionalen Kulturpolitik Schwedens eine wichtige Rolle: Entgegen der spärlichen Besiedlung des Landes, gibt es ein erstaunlich dichtes Netzwerk, das sich aus drei Nationaltheatern, 31 Stadt- und Regionaltheatern, 200 unabhängigen Theatergruppen sowie 50 Tanzcompagnien zusammensetzt. Die Investition lohnt sich insofern, als bei gerade mal neun Millionen Schweden jährlich sechs Millionen Vorstellungsbesuche zusammenkommen. Das bedeutet, dass durchschnittlich zwei Drittel der Schweden einmal im Jahr ins Theater gehen.

Dass das Medium Theater und damit auch seine Macher jedoch immer stärker um ihre Existenz kämpfen, sich immer häufiger legitimieren müssen, ist inzwischen auch in Schweden Fakt. “Für Dramatik und Theater interessieren sich immer weniger Leute, nicht wenige, aber weniger”, schreibt die schwedische Dramatikerin Sofia Fredén auf dem Newplays-Blog. Als Patin für ihr Heimatland diskutiert sie während der Biennale mit anderen Paten und Künstlern über die gegenwärtige Lage des europäischen Dramas. Das Theater müsse sich für die Gesellschaft und die Menschen engagieren, so die derzeitige Hausautorin des Stadttheaters Stockholm. Von Theatermachern wie Dramatikern fordert sie aber gleichermaßen, sich von vermeintlichen Beweggründen wie dem Engagement für “Schule, Pflege und Fürsorge” zu lösen und stattdessen “wahren Impulsen” wie Angst, Ehrgeiz, Wut, Kleinkariertheit, Sentimentalität, Hass oder Verzweiflung zu folgen. “Impulse sollten, denke ich, ‚niedrig‘, persönlich, ja sogar privat sein dürfen, sonst entwickeln sie sich zu Pflichtübungen, und das Geschriebene wird unpersönlich und unengagiert”, bloggt Fredén.

Gesellschaftlich engagiert: Das staatliche Riksteatern auf Tournee

Wie Theater sich gesellschaftlich engagieren kann, zeigt auf besondere Weise das schwedische Riksteatern. Als staatliches Tournee-Theater bringt es qualitative Produktionen auch in Regionen außerhalb der urbanen Zentren. Von 220 gemeinnützigen lokalen Theaterverbänden aus ganz Schweden getragen, geht es pro Jahr mit circa 60 Produktionen auf Tour, die in Theatern, Gemeinden, Schulen und auf Festivals gezeigt werden. Geleitet wurde es in den Jahren 1999 bis 2005 von Lars Norén, dessen Dramatik die deutsche Theaterszene nachhaltig beeinflusst hat. Norén ist einer der wichtigsten Autoren schwedischer Gegenwartsdramatik. In den letzten zehn Jahren wurden seine Stücke häufig an der Berliner Schaubühne und in der Regel von Intendant Thomas Ostermaier selbst inszeniert.

In Deutschland wie in Schweden, aber auch in anderen Ländern Europas, ist schwedische Gegenwartsdramatik vor allem bei einem jungen Publikum erfolgreich. Fünfzig Prozent aller Aufführungen in Schweden sind für Kinder und Jugendliche, ein beachtlicher Teil der freien Gruppen arbeitet sogar ausschließlich für diese Zielgruppe. Seit den späten 1960er Jahren verzeichnete Schweden eine explosionsartige Entwicklung in diesem Bereich – quantitativ sowie qualitativ. Neue schwedische Dramatik wird in großem Ausmaß übersetzt und weltweit aufgeführt, aber die für Kinder und Jugendliche hat besondere “Exportqualität”. Auch Stücke der Biennale-Patin Sofia Fredén werden ins Deutsche übersetzt und hierzulande gezeigt. So wurde ihr Kinderstück “Der Sonnenaffe” am Thalia Theater in Halle aufgeführt. 2005 gewann sie mit ihm den Preis Schwedischer Theaterkritiker für Kinder- und Jugendtheater.

Der schwedische Biennale-Gast Jonas Hassen Khemiri beschäftigt sich ebenfalls mit der Welt und den Problemen von Heranwachsenden. In seinem ersten Roman “Das Kamel ohne Höcker” sucht ein in Stockholm aufgewachsener palästinensischer Teenager nach seiner Identität. “Invasion!”, mit dem Khemiri 2006 als Dramatiker debütierte, handelt unter anderem von der kulturellen und sprachlichen Identität schwedischer Zuwandererkinder und wurde seit 2008 an diversen deutschen Bühnen inszeniert. Der 1978 in Stockholm geborene Sohn eines tunesischen Vaters und einer schwedischen Mutter vereint viel von dem, was die schwedische Theaterlandschaft momentan ausmacht: Junge, neue Dramatik, die schwedisch(sprachig), immer aber auch international ist und daher europaweit großen Anklang findet. In vielerlei Hinsicht bemerkenswert.

One Comment to “Kinder, Khemiri, Kulturpolitik”

  1. avatar Enrico Sonntag says:

    wow. :-)

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