Was Sie schon immer über die belgische Theaterszene wissen wollten: ein Kurz-Lexikon von B bis W.
Belgien: Zeichnet sich sprachlich wie kulturell durch seine Heterogenität aus. Es gibt drei Kulturgemeinschaften. Die Flamen mit 6 Millionen Einwohnern, die Wallonen mit 4,5 Millionen Einwohnern und die deutschsprachige Gemeinschaft mit 70.000 Einwohnern. Seit 1975 entscheiden die drei Kulturgemeinschaften eigenständig über ihre Fördermittel. Allgemeine Aussagen über die Theaterlandschaft Belgien sind also nicht möglich, man sollte vielmehr die einzelnen Gemeinschaften gesondert betrachten.
Brüssel: Eine Ausnahme bildet die Hauptstadt, in der unterschiedlichste Künstler aufeinander treffen und miteinander arbeiten. Da mehr als die Hälfte der Einwohner im Ausland geboren wurden, ist Brüssel von seiner kulturellen Vielfalt her vergleichbar mit Berlin.
Flandern: Im nördlichen Teil Belgiens beurteilen Fachkommissionen die Pläne der Künstler und Einrichtungen. Sie geben ihre Empfehlungen an die Minister weiter, welche die Höhe der Zuschüsse je nach Projekt für zwei oder vier Jahre festlegen. Die Mittel für Kultur sind in Flandern seit 1999 verdoppelt worden, was unter anderem damit zusammenhängt, dass die “von unten” kommende flämische Bevölkerung inzwischen reicher ist als die wallonische, die früher die belgische Oberschicht bildete.
Grenzüberschreitung: Typisch für die belgische Kunst ist, dass die Grenzen zwischen Theater, Tanz, Musik und bildender Kunst fließend sind. Auch Mode wird als ernstzunehmende Kunstform angesehen, weswegen beispielsweise Walter van Beirendonck aus der belgischen Designergruppe “Antwerp six” auch Theaterkostüme entwirft
Inspiration, für Deutschland: Deutschland hat im Gegensatz zu Belgien eine lange Dramentradition. Der Kampf der im europäischen Kontext vergleichsweise jungen belgischen Theaterszene gegen traditionelle, repräsentative Hochkultur der europäischen Nachbarn hat dazu geführt, dass die belgischen Theatermacher besonders offen für neue Sichtweisen auf das Theater waren. Erprobt wurde ein neuer Umgang mit dem Körper und neuen Medien sowie die Öffnung zu sämtlichen Kunstformen hin. So konnte beispielsweise in den 1990er Jahren im avantgardistischen Frankfurter “Theater am Turm” (TAT) unter der Intendanz von Tom Stromberg der flämische Künstler Jan Fabre zum Vorbild für junge deutsche Theatermacher werden, die sich nicht in künstlerische Schubladen stecken lassen wollten. Dass der belgische Regisseur Johan Simons ab 2010 Intendant der Münchner Kammerspiele wird, zeigt den Einfluss der belgischen Theaterszene auf die deutsche ebenso wie die vielen erfolgreichen Inszenierungen Luk Percevals in Deutschland.
Koproduktionen: Internationale Koproduktionen wie “Kasimir und Karoline” des NT Gent mit dem Schauspiel Köln sind in Belgien gang und gäbe. Auch die drei großen Städtischen Bühnen in Brüssel, Antwerpen und Gent bieten offene Kooperationsformen. Da es in Belgien keine Stadttheaterkultur gibt, macht es auch wenig Sinn, in Abgrenzung dazu von einer freien Szene zu sprechen.
Kinder- und Jugendtheater: Gewinnt in Belgien an Bedeutung. Ein Beispiel für erfolgreiche Kinder- und Jugendarbeit ist das Theaterprojekt des englischen Künstlers Tim Etchells “That Night follows Day” in Zusammenarbeit mit dem Produktionszentrum Victoria.
Theaterlandschaft, französischsprachige: Da sich der südliche Teil Belgiens seit jeher an der “Grande Nation” orientiert hat, basiert die frankophone belgische Dramatik stärker auf Texten als die flämische. Um sich gegenüber den französischsprachigen Nachbarn zu behaupten und ihnen etwas eigenes entgegen zu setzen, ist im niederländischen Teil die stark auf den Körper bezogene Theaterarbeit entstanden.
Tanz, belgischer: Mit dieser Haltung einher geht die große Bedeutung von Tanz in Belgien, die namhafte Choreografen hervorgebracht hat: Anne Teresa de Keersmaeker/Rosas, die Needcompany/Jan Lauwers/Lot Lemm/Grace Ellen Barkey, Les Ballets C. de la B./Alain Platel
Theaterhandschrift, flämische: Charakteristisch für das flämische Theater ist seine Körperlichkeit, seine visuelle Poesie und sein Ringen um die Sprache. Alles darf zum Zeichen werden. Daher war das “postdramatische” Theater in Flandern schon Realität, bevor es seitens der Wissenschaft so bezeichnet wurde.
Veranstaltungsorte: Sind in drei Kategorien unterteilt. Erstens Produktionsstätten innovativer Kunst, zweitens Produktions- und Präsentationsstätten innovativer Kunst, drittens Präsentationsstätten für ein breites Publikum
Wallonien: Schließt ebenso wie Flandern zeitlich befristete Programmverträge mit Künstlern und Einrichtungen ab.

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