Die rumänische Theaterszene befindet sich im Aufbruch. Junge Autoren, Regisseure, Schauspieler drängen auf die Bühne, wollen das Theater und das ganze Land gleich mit revolutionieren. Nach Jahrzehnten der Diktatur und Orientierungslosigkeit ist ein Neubeginn möglich.
Unter dem Regime von Nicolae Ceauşescu sind die Theatersäle in Rumänien jeden Abend ausverkauft: Das Theater trotzt dem Denk- und Redeverbot durch eine vieldeutige Sprache und Metaphorik, das Publikum ist geübt, zwischen den Zeilen Systemkritik zu erkennen. Dann, nach dem Sturz des Diktatoren im Winter 1989, ist das rumänische Theater paralysiert. Die Komplizenschaft zwischen Publikum und Künstlern gegen das Regime ist aufgehoben, die Säle bleiben leer. Das Theater reagiert jedoch nur sehr langsam, zu eingefahren ist es in seiner schier hermeneutischen Inszenierungspraxis. Die Theater lassen die Chance einer Erneuerung durch zeitgemäße Theater- und Ausdrucksformen aus und verpassen, auch in Abgrenzung und Konkurrenz zum Fernsehen, den Kampf um das Publikum.
Mit der Rückkehr emigrierter Schriftsteller und Regisseure wie Alexander Hausvater und Andrei Şerban beginnt die künstlerische Aufarbeitung der Diktatur. Hausvaters legendäre Inszenierung von Fernando Arrabals “Und sie legten den Blumen Handschellen an” im Bukarester Odeon Theater wird heute als revolutionär für das rumänische Theater angesehen. Zum ersten Mal ist es möglich, politische Themen anzusprechen, ohne sie bis zur Unkenntlichkeit zu kryptisieren – in brutalen Bildern wird in dieser Inszenierung das menschliche Leiden in autoritären Systemen gezeigt und mit traumwandlerischer lyrischer Sprache verbunden, es ist ein Aufschrei für die Freiheit und gegen die Unterdrückung. Viele Gegenwartsdramatiker bezeichnen diese Inszenierung als ihr theatrales Initiationsereignis. Während das institutionelle Theater die Gegenwartsdramatik weiterhin fast ganz ausblendet und aus Bequemlichkeit auf alten Mustern beharrt, gründen unter anderem Alina Nelega und Radu Macrini Mitte der 1990er Jahre erste freie Theatergruppen, Workshops und Festivals der jungen Dramatik. Matei Vişniec ist einer der ersten Dramatiker, der aktuelle Themen wie Entfremdung oder Globalisierung behandelt und dessen Stücke an größeren Theatern gezeigt werden. Heute ist er der meistgespielte zeitgenössische Autor in Rumänien.
Es muss entrümpelt werden
Aber erst mit Gründung von dramAcum beginnt die wirkliche Renaissance des rumänischen Theaters. An der staatlichen Universität für Regie und Schauspiel in Bukarest findet sich 2002 eine Gruppe von Studenten zusammen, die es sich zur Aufgabe macht, junge Gegenwartsdramatik auf die Spielpläne zu bringen. DramAcum, was soviel heißt wie “Drama jetzt!”, entwickelt ein Theater, das nicht mehr durch die bloße Ausrichtung auf die Politik überlebt, sondern Realität abbilden will. Sie entrümpeln die überbordende Metaphorik des Theaters während der Diktatur, experimentelle Formen halten Einzug, das rumänische Theater schließt sich mit der europäischen Gegenwartsdramatik kurz. Es wird gegenwärtig.
Ein sehr erfolgreicher Wettbewerb für junge Dramatiker wird ausgeschrieben, andere Bukarester übernehmen die Gewinnertexte in den Spielplan, immer mehr Theater im ganzen Land interessieren sich plötzlich für Gegenwartsdramatik. Zu den Gewinnern des Wettbewerbs zählt auch Bogdan Georgescu, dessen Stück “Romania! Kiss me!” bei der diesjährigen Biennale gezeigt wird. DramaAcum verfolgt die Wiederentdeckung des Dramatikers auf eine weitere Weise: Der Dramatiker ist direkt in den Probenprozess eingebunden, versteht sich als Teil des Teams, das zusammen an einer Vision vom realistischen Sozialtheater arbeitet.
Gleichzeitig greifen die Stücke das Alltägliche und die großen Problemen der rumänischen Gesellschaft auf und problematisieren anhand von Einzelschicksalen die grassierende Arbeitslosigkeit oder die Ziellosigkeit der Großstadtjugend. Die Sprache darf ihre Zugehörigkeit zur Gegenwart zeigen, was teilweise auch in Hyperrealismus im Umgang mit Jugendsprache umschlägt. Mit TangaProject entsteht 2005 ein mit dramAcum assoziiertes Projekt, das aktuelle Probleme aufgreift und in kommunitären, kollektiv erarbeiteten Projektstücken performativ verhandelt. Es will die rumänische Realität dokumentieren und als Theater der Unmittelbarkeit mit den Akteuren und Menschen vor Ort eine gesellschaftliche Änderung bewirken.
Freie Theaterszene wächst
Eine Besonderheit der rumänischen Theaterszene ist die Vielsprachigkeit, die die Multikulturalität des Landes widerspiegelt. In Timişoara etwa gibt es drei Theater in drei verschiedenen Sprachen. Die Aufführungen werden per Kopfhörer übersetzt, so dass sich das Theater nicht nur an eine Bevölkerungsgruppe, sondern an alle Bürger richtet. Man integriert statt auszugrenzen. Heute besteht die Theaterlandschaft in Rumänien aus ungefähr vierzig staatlichen Theatern, zahlreichen freien Theatergruppen aber nur einem freien Theater, dem Teatrul Act. Dem Mangel an freien Spielorten trotzen die Theatermachern mit neuen Konzepten: In ein paar Cafés und Kneipen in Bukarest gibt es einmal pro Woche Theater – aus der Platznot wird die Tugend alternativer Raumkonzepte, die ein neues, junges Publikum erschließen. Dieses stetige Wachsen der freien Szene macht Hoffnung auf eine Modernisierung auch des staatlichen Theaterbetriebs, der noch als Relikt kommunistischer Verwaltung und Gleichschaltung gelten kann.
Hassliebe zum eigenen Land
Bogdan Georgescus Stück „Romania! Kiss me!“ kann als exemplarisch für die rumänische Gegenwartsdramatik angesehen werden: In Alltagssprache zeigt es auf wunderbare Weise die Schicksale und Konflikte dreier sehr unterschiedlicher Rumänen verschiedener Generationen, deren Hassliebe zu einem Land, das zwar eine Diktatur überlebt hat, aber bis heute dem Traum von einem besseren Leben hinterher rennt. Miss Renata, eine ältliche Katzennärrin, findet Worte, in der sich die Sehnsüchte all dieser Generationen und des Theaters vereinen: „Ich haue ab. Gehe ins Ausland. Das ist jetzt schon sechste Mal dieses Jahr und jedes Mal, bevor ich abhauen will, passiert mir diese ganze Scheiße. Aber ich will nicht wiederkommen. Die schicken mich zurück nach einem Monat. Dann komme ich wieder, bleibe hier für ein paar Wochen, dann überrasche ich sie und gehe zurück. Zu meinen Nichten in Deutschland. Aber dieses Mal wird es was, ich komme nicht wieder!“

RSS Feed
Facebook
Thumbs up!!!
Beeindruckend!