Von Molière bis Racine zu Yasmina Reza und Eric-Emmanuel Schmitt: Das französische Theater huldigt eher einem klassischen Dramabegriff. Aber auch neue Formen sind zu entdecken.
Wer in der Stadt der Liebe gen Himmel schaut, wird auf sich selbst zurückgeworfen. Nie, zu keiner Tages- und Nachtzeit kann man Sterne dort oben am Firmament sehen, nie finden ihre Strahlen den Weg durch den Smog der Stadt. Wer Sterne will, der muss sie sich schon selbst vom Himmel holen. Und so steht es auch um die Theaterszene in Paris. Vieles wird da geboten, jeden Abend freie Auswahl, von überhall her funkelt es. Der Versuch, einen Überblick über das Ganze zu bekommen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Doch köcheln auch im Theatersud von Paris Aufführungen vor sich hin, die bestenfalls als mittelmäßig einzustufen sind. Im Théâtre de la Huchette zum Beispiel, in dem seit 60 Jahren die Stücke von Eugène Ionesco aufgeführt werden, hat sich seit 60 Jahren nicht viel geändert: Das Theater, das sich inmitten der Touri-Flaniermeile befindet, stellt die Frage “Und was hat das heute mit uns zu tun?” erst gar nicht, ist zu einem Apparat innerhalb der Unterhaltungsmaschinerie der Reisendenbespaßung verkommen. Fragen zu stellen, hat man nicht nötig. Denn eine Bühne in Paris zu sein, bedeutet: Man hat es geschafft. Ein bisschen snobby sind sie schließlich alle, die Theater in Paris.
Einen gefürchteten Gegenspieler gibt es dann aber doch: Die altehrwürdige Académie Française. Bereits 1635 unter Ludwig XIII. gegründet, wacht sie auch heute noch darüber, was sich in Frankreich Kunst nennen darf und was nicht. Ihre Mitglieder werden die “immortels” genannt, die Unsterblichen. Sie sind noch immer die leuchtenden Sterne am Intellektuellen-Firmament in Frankreich. Da müssen sich auch Film-Sternchen wie Audrey Tautou in Acht nehmen, die aus ihrer fabelhaften Welt der Amélie sterntalerstracks in Ibsens “Nora oder ein Puppenheim” gefallen sind und deren Ruhm dort asteroidengleich verglimmt.
33 nationale Theaterzentren im ganzen Land
Einer hat es jedoch gewagt, das französische Theater dem Gravitationsfeld der Hauptstadt zu entreißen: 1972 gründete Kulturminister Jack Lang im Rahmen der “décentralisation dramatique”, einer Dezentralisierung des Theaters, die “centres dramatiques nationaux”, nationale Theaterzentren also. 33 gibt es heute davon über das ganze Land verteilt, und oftmals bilden sie eine Art Gegenpol zu den sechs Nationaltheatern, von den sich ohnehin nur eines außerhalb von Paris befindet.
Nach wie vor gilt für die Theaterszene in Frankreich: Molière, Racine und Corneille sind nicht irgendwer. Die Überreste der Supernova des französischen Theaters, der Klassik, sind auch heute noch – Jahre nach der Explosion – weithin sichtbar. Vor allem in dem traditionsreichsten, wohl aber auch elitärsten Nationaltheater, der Comédie Française, sind sie zu sehen. Doch auch Formen des existenzialistischen Theaters eines Albert Camus oder eines Jean Paul Sartre strahlen nach. Was aber ließe sich über neue Strömungen in der Theaterszene Frankreich sagen? Vielleicht, dass es eine Tendenz zur Innerlichkeit gibt, so wie etwa bei Inszenierungen des Star-Regisseurs Patrice Chéreau? Eine Tendenz zur Innerlichkeit, die versucht auszuloten, was zwischen Menschen passieren kann? Ein gewisser Hang zum Minimalismus?
Schmitt und Reza
Für eine solche These spräche zum Beispiel auch Yasmina Rezas “Le dieu du carnage”. Wenn der französische Titel vielleicht nicht unbedingt geläufig ist, so leuchteten die Übersetzungen wie beispielsweise “Der Gott des Gemetzels” am internationalen Theaterfirmament sehr wohl hell auf. In dem Stück fallen die Masken zweier gutbürgerlicher Elternpaare, die sich eigentlich nur treffen, um über einen Konflikt zwischen ihren Kindern ins Reine zu kommen. Nach und nach werden ihre innerlichen Abgründe aufgedeckt. Unbestrittener Polarstern der letzten Jahre ist allerdings Eric-Emmanuel Schmitt. Sein Stern strahlt heller als der aller anderen. Wenn seine dramatischen Schnuppen vom Himmel fallen, darf sich jeder Intendant etwas wünschen, denn seine Stücke werden garantiert zum Erfolg. Die “Petits crimes conjugaux”, die “kleinen Eheverbechen”, in denen die Ehefrau versucht, das amnästische Gedächtnis ihres Ehemannes auf den Stand ihrer Wunschvorstellungen zu bringen, zum Beispiel, hatten galaktischen Erfolg.
Doch solchen Inszenierungen der ausgestülpten und klar verständlichen Innerlichkeit stehen Stücke wie die von Joël Pommerat entgegen, die sich an der Grenze des Versteh- und Sagbaren bewegen und sich trotzdem wild in die Tiefen des “Nein, diese Welt ist nicht in Ordnung!” hinab begeben. Denn verrückt und surrealistisch kann französisches Theater auch sein. Oder wenn sich Olivier Cadiot auf immer wieder neue Art und Weise der Figur des Robinson annähert, ihn im Alltag aufstöbert und neue Konturen zeichnet, so weiß man nicht mehr, wo man hinschauen soll. Solche Autoren machen schwindelig, doch wenn man auch verstört Sternchen um sich tanzen sieht, so weiß man nicht, obs Sterne waren. Cadiot ist dieses Jahr auf dem wichtigsten Theaterfestival des Landes in Avignon vertreten. Dort fragt man sich jedes Jahr aufs Neue: Weißt du, wie viel Sternlein stehen?

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