Hintergrundgespräch des FORUM JUNGER THEATERKRITIKER mit dem Intendanten Manfred Beilharz im Foyer des Staatstheaters Wiesbaden: Er ist schon da, führt uns zum Konferenztisch und nimmt Platz, die Arme links und rechts auf den Stuhllehnen, und erinnert sich:

Keks-Selektion: Manfred Beilharz, der 1992 zusammen mit Tankred Dorst die Biennale ins Leben rief, im Gespräch mit dem Forum Junger Theaterkritiker. Foto: Nikola Richter
1992. Euphorie nach der deutschen Wiedervereinigung. Wie geht es weiter mit Europa? “Ich war damals zu einem großen Hearing eingeladen, auf dem die Frage diskutiert wurde, was die EU mit Kulturförderung zu tun hat”, erzählt Manfred Beilharz, der in seiner Zeit als Bonner Intendant zusammen mit Tankred Dorst die Biennale gegründet hat. Man habe die Einführung eines europaweiten Theatergesetzes diskutiert. “Dann habe ich die gefragt: Habt ihr irgendeine Ahnung, was in euren Nachbarländern passiert?” Um diese Wissenslücke zu schließen, habe er das Festival erfunden, das Europa in seiner Unterschiedlichkeit und Ähnlichkeit zeige. 2002, bei seinem Wechsel nach Wiesbaden, nahm er es gleich mit.
Alle zwei Jahre gastieren nun Produktionen aus ganz Europa in der Landeshauptstadt. Doch wie kommen sie nach Deutschland? Beilharz hatte die Idee: Durch Paten, die selbst Dramatiker sind, und Inszenierungen zeitgenössischer Stücke aus ihrem Land vorschlagen. “Das Stück ist nicht unabhängig von seiner Aufführungsqualität. Gute Stücke, die durch die Inszenierung versemmelt wurden, laden wir nicht ein. Schade für den Autor.”
Oh, Monfräd
Bekannt gemacht habe er schon einige Autoren, zum Beispiel Joël Pommerat. Der musste ihm sogar vor zwei Jahren für NEUE STÜCKE AUS EUROPA absagen, so gefragt ist er jetzt. “Oh, Monfräd, isch würde gern, aberr Avignon ruft …,” macht Beilharz den Franzosen. Er nimmt sich einen Keks, zögert kurz: “Ich nehme mir jetzt einen Keks, mit eurer Erlaubnis. Aber ich weiß nicht, wer den bezahlt hat. Die Biennale? Wenn das so ist, esse ich mit eurer Zustimmung meinen Keks.” Beilharz verschluckt sich und löst den Krümel mit einem Schlag auf den Hinterkopf.
In Bäumen singen
Apropos Hinterkopf. Wie war das noch mal mit dem Geld? 620.000 Euro gibt das Land Hessen, 200.000 das Land Rheinland-Pfalz und 150.000 die Stadt Wiesbaden. Die Bundesmittel, die zwischen 150.000 zwischen 250.000 schwankten, fielen dieses Jahr zum ersten Mal weg. Daraufhin sendete Beilharz einen Notruf an Kulturstaatsminister Bernd Neumann und der spendierte 50.000 Euro aus seinem Budget. Das war schon mal was und ganz im Sinne der europäischen Völkerverständigung, für die die Biennale steht, seit Tankred Dorst und Manfred Beilharz vor 18 Jahren beschlossen haben, einen Gegenpol zum körperbetonten, improvisierten Theater der 1970er Jahre zu etablieren. Seither geht es um junge europäische Autoren und die Völkerverständigung – wie damals ganz am Anfang, als Finnen besoffen in Bäumen hingen. Für Beilharz ist das eines der Bilder, das hängen blieb. “Und dann stimmten die auch noch ein achtstimmiges Madrigal an. Vom Gesang begleitet, liebte sich ein frisches finnisch-portugiesisches Pärchen bei Sonnenaufgang auf der Kreuzung, während die Bonner Diplomaten zur Arbeit fuhren.”

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