Zwischen verstörenden und tragikomischen Gänsehautmomenten: Emma Dante erzählt, zeigt und spielt ihre Operetta Amorale “Le Pulle”.

Haben sich schick gemacht: die fünf Nutten Stellina, Sara, Ata, Rosi und Moira in "Le Pulle" von Emma Dante. Foto: Martin Kaufhold
Sie ist Autorin, Regisseurin und Schauspielerin in Personalunion und kein unbekanntes Gesicht bei NEUE STÜCKE AUS EUROPA. Schon vor vier Jahren war die Sizilianerin bei der Biennale vertreten, erzählte mit “Vita Mia – Mein Leben” eine italienische Familiengeschichte. Auch in “Le Pulle” schwebt ein Hauch von Familie über dem Geschehen, mal als Sinnbild für ein normales Leben, mal für den Verrat. Stellina will heiraten, Fortunato versteckt sich vor ihrem Vater, der nicht wissen soll, dass sie transsexuell ist und eigentlich Ata heißen möchte. Und Moira wurde von ihrer Mutter an Männer verkauft. Sex ist in Dantes Nuttenwelt immer auch mit Gewalt verbunden. Gegen sich selbst gerichtete Gewalt wie bei der bulimiekranken Sara und Opfer gewalttätiger Akte wie im Fall von Rosi, die mitten auf der Straße geschlagen und vergewaltigt wird.
Die Nutten sind Transvestiten, Männerfrauen, aber obwohl äußere Geschlechtsmerkmale wie Brüste, Hintern und Pimmel sowohl sprachlich, als auch visuell auf der Bühne überpräsent sind, wirken Dantes Figuren asexuell. Geschlecht ist nichts als Performance, nichts als groteske Maske. Dieser Eindruck wird bestärkt durch drei Feen, marionettenartige und grausig märchenhafte Wesen, die die Nutten mit ihren Ängsten und Hoffnungen konfrontieren. Dabei hält Dante sich nicht an Erzählkonventionen, sondern reiht unverbundene Episoden als Varieté aneinander.
Lynchesker Traumraum
“Le Pulle” ist, anders als die früheren Stücke der Sizilianerin, unwirklicher. Die Grenzen zwischen Albtraum und Realität verschwimmen. Zwar sind die Geschichten der Nutten schnell erzählt, aber was damit auf der Bühne passiert, entzieht sich weitgehend dem rationalen Verständnis. Sprechen und Singen wechseln und in ihrem bordellartigen Nirgendwo lachen und streiten die Nuttentransvestiten. Dante inszeniert in einem Zwischenraum malträtierte Körper voller Ekel vor sich selbst und vor anderen. Ganz wie man es von den albtraumartigen Hollywoodwelten David Lynchs kennt, der es unter der Oberfläche seiner Kleinstadtwelten brodeln lässt, etwa in der Serie “Twin Peaks” aus den 1990ern. Wenn sie einmal aufreißt, brechen das Laster und die Bigotterie sich Bahn. Bei Emma Dante singt Ata: “In dieser Welt gilt als gesund, von Kopf bis Fuß, jeder Bucklige auf der Straße, der seinen eigenen Buckel nicht sieht.”
Gianluca Porcu, von dem die Originalmusik stammt, füllt Dantes Nirgendwo mit sphärischen Elektroklängen, akustischen Gitarrenfetzen und einer live auf der Bühne von einer der Feen gesungenen, gezirpten und geschrieenen Lautcollage. Das alles schafft einen befremdlichen Tonraum, aus dem es kein Entkommen gibt. Zu Beginn ist es noch leicht, Distanz zu den Nutten zu wahren. Es ist wie auf der Straße, wo man ihnen auch nur nahe käme, wenn man Absichten hätte. Aber irgendwann wird man in den Sog der Pirouetten und Tanzeinlagen gezogen, die die Schauspieler immer intensiver, immer schneller, immer eindringlicher und atemloser performen. Emma Dante hat eine Geschichte des menschlichen Makels erzählt. Das Happy End ist ausgeblieben.

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Ah, viel zu hoch für jeden weniger Interessierten, aber “bordellartiges Nirgendwo”, das ist schön, das würde schon reichen. Aber wo ist denn der Ur-Dante? Von seiner Hölle hat doch sogar Lynch abgeschrieben.
Schöner Titel!
Zu hoch? Woher denn, Herr Duck? Ein Bezugnehmen auf den Ur-Dante, das wäre zu hoch! Stattdessen haben wir hier wirklich eine Kritik vor uns, die Lust macht auf einen Theaterbesuch und gleichzeitig eine wahre Einsicht gibt in die Höhen und Tiefen einer Inszenierung!
Wenn die Autorin schon Dante heißt, dann muss man die Vorlage doch nutzen. Aber die Buz ist toll. Die ist sehr Judith.