Die Biographie einer Künstlerin in märchenhaft-grotesken Szenen: Die Biennale 2010 startet mit einem Milena Marković-Gastspiel aus Serbien im Malersaal des Staatstheaters Wiesbaden.

Eine kleine Zärtlichkeit von oben: Jasna Đuričić in "Das Puppenschiff" von Milena Marković. Foto: Lena Obst
Märchen sind Horrorgeschichten zum Lächeln. Sie erzählen Kindern, ohne dass sie es merken, von Grausamkeiten, die ihnen noch bevorstehen. Milena Marković, begehrte serbische Jungdramatikerin, nutzt in ihrem Stück “Brod za lutke” (“Das Puppenschiff”) die Reise durch den düsteren Märchenwald als roten Faden: Im Personenregister stoßen wir auf Alice im Wunderland, Schneewittchen, Hänsel und Gretel. Die Inhalte der einzelnen Szenen hingegen offenbaren eher eine brutal moderne Entschlüsselung der von Grimm und Co. symbolisch verklärten Wirklichkeiten: Voyeurismus, Kinderwunsch und -hass, Liebe, Gewalt und die Unbarmherzigkeit von Schwiegereltern sind die Themen, die hier in kaum nachvollziehbarer Abfolge verhandelt werden. Das Ganze ist durchsetzt von knappen Liedtexten, die allerdings kaum über das Fehlen jener Befriedigung hinwegtrösten, auf die wir uns bei den Märchen, wie wir sie kennen, ansonsten verlassen können.
Die Biennale zeigt nun als Eröffnungspremiere eine der neuesten Umsetzungen des 2006 uraufgeführten Stücks. Ana Tomovićs Inszenierung vom Serbischen Nationaltheater Novi Sad stammt aus dem Jahr 2008. Im Umgang mit Markovićs mysteriösen Texten, so die Regisseurin, sei die “Neigung, alles rational zu betrachten”, tödlich. Sie habe es daher gar nicht versucht, sondern entschieden, “das Rätsel an die Zuschauer weiterzugeben”.
Kann sein, dass sie es auf diese Weise für uns gelöst hat. Tomović dreht den Märchenspieß ganz einfach um. Kurz bevor die Schauspielerin Jasna Đuričić sich für den ersten Auftritt als Mädchen, das sich im Bett vor bösen Schatten und den Sexstorys der großen Schwester fürchtet, an der Rampe auf Position legt, raucht sie noch ihre Zigarette fertig und lächelt verschwörerisch: Passt auf, alles nur Scharade! Erst dann geht der Vorhang auf und enthüllt einen versifften Fundus an Kostümen und Bühnenteilen, die ihre besten Zeiten hinter sich haben, und an denen sich die sechs Darsteller wie zufällig bedienen, um ihr Scheitern versuchsweise in eine Märchenfiktion zu zwängen.
Beim Lesen von “Das Puppenschiff” entsteht der Eindruck, Milena Marković sei sich selbst im Weg gestanden, indem sie ihre Geschichten zwanghaft mit mystischen Figuren übermalte. Die Inszenierung befreit sich von diesen Hokuspokusgestalten. Die Schauspieler agieren zu Beginn der Szenen mit Masken, nehmen sie allerdings ab und wirken wie erleichtert, Menschen sein zu dürfen. Wie nach einer Enthauptungsorgie kullern bald Riesenköpfe von Bären, Gartenzwergen und Fröschen über die Bühne.
Ein fünfköpfiges Orchester spielt die Songs geradlinig runter, die Übergänge sind flott und verbinden das Fragmentarische des Textes. Der wahre rote Faden des Stückes erschließt sich spät, aber gerade noch rechtzeitig: Die grandiose Jasna Đuričić spielte unter anderem Goldlöckchen und Däumeline, war aber immer ein und dieselbe Figur und erzählte die tragische Biographie einer zunehmend verbrauchten Künstlerin. Ihre kraftvolle Darstellung fesselt, berührt und rettet den Text heldenhaft auf einer der letzten Lichtungen aus dem Märchenwald heraus. Nach 75 Minuten liegt Đuričić wieder auf Position, alt und erfroren. Ansonsten ist bei ihr alles wie zu Beginn. Wir können befriedigt einschlafen, die Albträume bleiben uns sowieso nicht erspart.

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[...] dieses Jahr die Tendenz zum Strukturieren von Stücken mit Hilfe von Liedtexten. Milena Markovićs “Puppenschiff” behilft sich mit sehr kurzen, aber launigen Songs zwischen den Szenen, vielleicht, um das allzu [...]