Zwischen Zwiebelduft und Zigarettenrauch: Bogdan Georgescus “Rumänien! Küss mich” betört vor allem sinnlich.

Raus aus dem rumänischen Zug. Foto: Lena Obst
Frau Renata (Georgeta Burdujan), Herrn Neagoe (Teodor Corban) und die Studentin Vasile (Andreea Boboc) verbindet nur wenig, höchstens ihre Abscheu vor Rumänien. Die Rentnerin Renata und Vasile wollen so schnell wie möglich aus Rumänien raus, sei es zur deutschen Nichte, sei es mit einem Stipendium in die USA. Neagoe hingegen muss vor allem möglichst schnell Geld verdienen, auch wenn dies eine Reise in die Türkei und einen verdächtigen Aktenkoffer nötig macht. In einem Zugabteil begegnen sie sich zufällig und unterstützen einander unfreiwillig, das Leben des anderen zur Hölle zu machen.
Ist Bogdan Georgescus Stück also eine „Geschlossene Gesellschaft“-Variation aus dem jenseitigen Osteuropa, eine etwas altbackene Typentragödie? Mitnichten, wenn auch Georgescu und Regisseur David Schwartz mit dieser Einschätzung spielen: Begleitet wird die Odyssee der drei unglücklichen Rumänen von einem chorgleichen “Orchester”: Fünf in schwarze Overalls gekleidete Gestalten, die, wie uns der Text mitteilt, den Soundtrack und den “olfaktorischen Rahmen” generieren, und ganz nebenbei episierend die Handlung kommentieren. Die Musik speist sich aus Konsum- und Industriemüll: Plastikflaschen, leere Kanister, Tassen, Küchenreiben und mehr werden zu Rhythmusinstrumenten. Klirrende wie dumpfe Töne strukturieren das Stück, und inmitten des lärmenden Orchesters agieren die drei verlorenen, verwaisten Gestalten auf rollbaren Brettern.
Das inszenierte Geruchsensemble ist nicht nur Rahmen, sondern allzu bestimmendes Element: Da werden Zwiebeln geschnitten, Knoblauch gestampft, Kippen geraucht, Speck geschnitten und Rum versprüht, und als sei das alles noch nicht genug, platziert man gerne all die duften Zutaten auf einem Brettchen und einen Ventilator dahinter, auf dass auch die letzte Nase beglückt werde.
Sinn des Ganzen ist, so Georgescu, eine atmosphärisch möglichst dichte, möglichst sinnliche Wiedergabe des rumänischen Alltags zu schaffen. Was ihm auch gelingt, allerdings auf Kosten der Handlung. Den Zuschauer erwartet das schnell geschnittene, rasante Panorama einer Gesellschaft im Umbruch, eingehüllt und eingelullt in Zigaretten- und Zwiebelduft. Tragikomisch thematisiert der Autor die Hoffnung, Ängste und den Selbsthass seiner Landsleute. Lärm und Rauch, Geräusche und Gerüche bilden eine Art Gesamtkunstwerk, dem man nur noch mit der vielzitierten gleichschwebenden Aufmerksamkeit begegnen kann. Existentielle Fragen lassen sich nun einmal schlecht mit beißenden Augen und Übelkeit verhandeln, und dass die drei Protagonisten am Ende scheitern, wird bei der Aussicht auf Frischluft nebensächlich.

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[...] bei Regisseuren, die glauben, ihr Publikum auch olfaktorisch beglücken zu müssen, siehe auch “Rumänien! Küss mich”, [...]