Sie schreiben schon mal auf der Couch, kennen viele Hotels und gehören seit der ersten Stunde zur Biennale. Ein Rückblick mit Ursula Ehler und Tankred Dorst.

Gesammelte Europa-Erfahrung: Ursula Ehler und Tankred Dorst bei der diesjährigen Biennale. Foto: Jakob C. Heller
Wie ist die Idee zur Biennale eigentlich entstanden?
Tankred Dorst: Aus Neugier. Wir wussten, was es in Paris und London an neuen Stücken gibt, aber Europa ist ja groß, und niemand wusste zum Beispiel über Island Bescheid. Wir wollten wissen, was machen die da eigentlich. Und wir wollten kein Programm vorgeben, sondern nur die Wahrheit wissen.
Ursula Ehler: Zu der Zeit ging der Osten auf. Und in Deutschland waren alle nur auf spektakuläre Inszenierungen aus. Da haben wir gesagt, ein Autorenfestival muss her. Und wir wollten keine Sachverständigen- und Kritikerjury haben, sondern den subjektiven Blick befördern.
Dorst: Nicht sagen, so ist das in den Ländern, sondern präsentieren, was wir dort gefunden haben. Also sind wir überall und auch abgelegenen Gegenden in die letzten Winkel gekrochen.
Haben Sie spezielle Erinnerungen?
Ehler: Die kugelsichere Weste.
Dorst: In Bonn hing in der Dramaturgie die kugelsichere Weste für Kroatien. Ich habe sie aber nicht angehabt, blieb schutzlos. Der ganze Ostblock war ja eine unbekannte Welt, angefangen vom Hotel, das es nicht gab, bis hin zu den ganz alltäglichen Dingen.
Haben sich die Stücke im Lauf der Zeit verändert?
Ehler: Nein, es gab immer ganz verschiedene Stücke. Der Ehrgeiz war schon immer, eine Wundertüte zusammen zu stellen. Das umzusetzen ist allerdings schwerer geworden.
Dorst: Die Zeitungen, die Beurteiler suchen immer das Gemeinsame, aber der Autor sollte immer davon ausgehen, dass er der einzelne ist. Wenn alle das eine machen, muss der Autor doch sagen, ich mache das andere, nicht das Gleiche.
In der Eröffnung der diesjährigen Biennale sagten Sie, der Autor müsse immer seine eigenen Geschichten erzählen.
Dorst: Nicht direkt die eigene Geschichte. Der Autor beschäftigt sich wie andere Menschen auch mit dem „Wie bin ich, wo bin, wozu bin ich da, mache ich das Richtige, wie soll ich handeln.“ Der Stachel ist ein persönlicher Konflikt und aus dem wird vielleicht ein Stück.
Außerdem erwähnten Sie, bereits vor 25 Jahren seien Sie auf ein Symposium zum Verschwinden des Autors eingeladen worden.
Dorst: Da waren Literaturwissenschaftler und Filmleute, und ich dachte, wie komisch, ich soll zu einem Kongress gehen, der von meinem Verschwinden handelt.
Sind Sie trotzdem hingegangen?
Dorst: Ja (lacht). Das wurde ganz ernsthaft verhandelt. Die haben wirklich gesagt, der Autor fängt an zu verschwinden. Er ist aber immer noch vorhanden und vielleicht muss man ihn ja nur neu definieren.
Wie denn?
Dorst: Ich habe in den 1970er Jahren einen Vortrag in den USA gehalten, the end of playwriting. Denn ich hatte auch den hybriden Gedanken, das man den Autor nicht mehr braucht. Das Theater ist eine Hure und nimmt sich, was es braucht. Das können Zeitungsartikel, Dokumente oder Reden sein. Der Autor verwandelt diese Lebensfragmente in ein Theaterereignis.
Ehler: Es gibt ja die Tendenz, das Theater solle authentisch sein, Rimini Protokoll und ähnliches. Das finden wir sehr interessant, es ist eine Bereicherung. Aber andererseits sollte das nicht alles sein. Theater ist immer schon Verstellung.
Wie stehen Sie zum kollektiven Stückeschreiben, wie es beispielsweise beim diesjährigen türkischen Biennale-Beitrag “Hässliches Menschlein” der Fall ist?
Dorst: Das Theater ist ja reich und es ist schön, wenn sich fünf Autoren finden und ihre Geschichte gemeinsam erzählen.
Ehler: Oder gerne auch eine Schauspieltruppe.
Dorst: Wenn ich jünger wäre, hätte ich gerne eine Truppe, um Stücke zu schreiben und auch zu inszenieren. Andererseits kommt durch den Regisseur eine andere Phantasie in ein vorhandenes Stück und das ist günstig.
Wo schreiben Sie am besten?
Ehler: Sehr gut sind Hotelhallen.
Mit einem Laptop?
Dorst: Haben wir nicht, wir sind ja mittelalterlich. Dafür haben wir einen Kugelschreiber. Wir reden miteinander und schreiben es auf.
Und wird das dann abgetippt?
Ehler: Wir haben eine richtige Abschreibefrau. Von der kommt der Text wieder und schaut einen fremd an, was sehr günstig ist.
Dorst: Man hat dann einen nüchternen Blick drauf.
Ehler: Aber man kann sich auch nicht immer in Hotelhallen setzen, das ist zu teuer. Wir schreiben also auch oft zu Hause.
Sitzen Sie sich am Schreibtisch gegenüber?
Dorst: Nein, mein Schreibtisch ist immer so voll, dass ich ihn nicht nutzen kann.
Ehler: Ja, das ist furchtbar. Wir sitzen zumeist an einem Tisch oder auf einem Sofa, wo man lagern kann.
Erinnern Sie sich an ein Biennale-Stück, das Sie ganz und gar begeistert und staunend zurückgelassen hat?
Ehler: Sehr schön war “Jerusalems Tanz” von Katariina Lahti in Finnland.
Dorst: Das war in Oulu, im Norden von Finnland. Es war eine Geschichte über eine Sekte am Polarkreis, die es wirklich gab. Das Stück war auf der ersten Biennale.
Der größte Schock, die größte Überraschung?
Dorst: “Beglatzt Brünett” von Dani Gink.
Ehler: Er ist leider kein Autor mehr …
Dorst: … weil er zum orthodoxen Juden wurde und nicht mehr am Theater arbeitet.
Der seltsamste Ort?
Ehler: Weißt du noch noch? Białystok, Wierszalin. Wir sind nach Białystok an der Grenze zu Weißrussland gereist, und es ist alles andere als bequem, da hinzukommen.
Dorst: Wir sind mit dem Zug und dann mit dem Auto durch Wälder gefahren und kamen nachts an.
Ehler: Das Theater heißt Wierszalin, “Mittelpunkt der Welt”. Dann wurden wir aber in den Wald gefahren und da war so was wie ein Jägerclubhaus. Als wir reinkamen, lagen alle auf den Bänken und schliefen – das gehörte aber schon zum Stück. Alleine die Idee, ein Theater ganz abseits von allem “Mittelpunkt der Welt” zu nennen!
Wollen Sie Pate sein, so lange Sie können?
Dorst: Ich denke, es könnte mal jemand anderes machen.
Ehler: Wir haben das schon vor Jahren gesagt, weil wir Sorge hatten, dass unsere spezielle Optik unter Umständen blockieren könnte. Aber diese ganze Biennale und das Patendasein ist doch eine sehr schöne Sache.
Andererseits dürfen Ihre Stücke auf der Biennale nicht aufgeführt werden. Ist das nicht so, als würden Sie an einem Symposion zum eigenen Verschwinden teil nehmen?
Ehler: Genau. Aber manchmal zeigen sie dann ja doch Stücke von uns, weil sie denken, das stimme uns günstig.

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Oh, was für ein Cliffhanger! Ich bin schon sehr gespannt auf den “Printblog” und freue mich drauf.