“Angenehmschrecklich” von Yana Borrisowa kann sich nicht entscheiden zwischen luftiger Komödie und psychologischem Kammerspiel.

Gut aufgelegt: Die Brüder Philipp (Stefan Waldobrew) und Viktor (Weschen Weltschowski). Foto: Lena Obst
Die Ausgangssituation ist denkbar einfach. Zwei Männer und zwei Frauen um die dreißig, zwei Brüder und ihre jeweiligen Liebschaften, das eine Paar erfolgreich und schön, das andere idealistisch und verschroben. Viktor liebt Fanny, deren beste Freundin Sonja mit Viktors Bruder Philipp zusammen ist. Fanny besitzt einen Blumenladen, aber interessiert sich eigentlich nur noch für die Planung einer perfekten Gartenanlage. Dummerweise beschädigt Viktors Bruder Philipp das Modell dieser Anlage. Im Zuge der Wiedergutmachung kommen er und Fanny sich näher. Nach den typischen Irrungen und Wirrungen des wechselseitigen Ver- und Entliebens stehen am Ende alle alleine da.
Galin Stoew inszeniert die Beziehungskiste mit minimalen Mitteln. Auf der Bühne stehen lediglich drei weiße Bänke, Requisiten werden pantomimisch angedeutet, Ortswechsel erst durch den Handlungskontext kenntlich. Einen schönen Einfall hat der Regisseur für die Einbindung von Fannys grüner Utopie in die Handlung. Zeitweise wird der gesamte Bühnenraum zum imaginierten Garten, als existiere er bereits in Fannys Laden. Die Schauspieler bespielen den Raum pantomimisch und stellen so eine gelungene Parallele zur imaginären Planung des Gartens her. Durch diese Reduktionen widmet der Zuschauer seine ungeteilte Aufmerksamkeit den Schauspielern und der Figurenentwicklung. Leider hat das aber auch zur Folge, dass die Schwächen des Stücks deutlich erkennbar werden.
Yana Borrisowa liefert in „Angenehmschrecklich“ zwar mitreißende Wortgefechte, etwa wenn die beiden Brüder sich streiten, weil der Jüngere seine Karriere im Männerchor verheimlicht hat. Sie neigt aber auch dazu, ihre Figuren skizzenhaft zu typisieren und beschränkt dadurch die Möglichkeiten der schauspielerischen Umsetzung. Die simple Figurenkonstellation hat Potential für eine Komödie, leider aber will das Stück mehr und von den psychologischen Abhängigkeiten und tiefgehenden Konflikte seiner Figuren erzählen. Das führt dazu, dass die Figuren dramatische Spannungsmomente für einen Witz aufgeben oder ihren Witz pathetischen Bekenntnissen opfern. Die Zwischenszenen, in denen die Figuren ihr Innerstes nach außen kehren, sollen psychologischen Tiefgang nachliefern. Das Resultat ist aber lediglich eine gekünstelte Spielebene, bei der die Sprechhaltung der Figuren störend ungeklärt bleibt.

Kämpfen mit ihren Gefühlen: Sonja (Schneschina Petrowa) und Fanny (Radena Walkanowa). Foto: Lena Obst
Packende zwischenmenschliche Momente werden kitschig, wenn Philipp und Fanny den Garten liebevoll neu konzipieren, plötzlich aber Geigen einsetzen. Gegen Ende nimmt die Liebesgeschichte von Philipp und Fanny den gesamten Raum ein, und sie ist auch durchaus stimmig erzählt, im Zuge dieser Konzentration auf das Liebespaar vergisst Borrisowa allerdings die anderen Figuren. Und dann wäre da noch der sympathische Chorleiter Garabedjan, der den Eindruck hinterlässt, er sei von der Autorin nur eingeführt worden, um die Geschichte voranzutreiben. Ansonsten steht er völlig außerhalb der Viererkonstellation und ist nur Stichwortgeber für Witze oder gibt Binsenweisheiten von sich: “Das Wichtigste ist, das man jemanden hat, mit dem man die Dinge teilen kann.”
Am Ende leidet die ideenreiche Inszenierung und die durchweg guten Schauspieler unter einem Stück, das eins gemein hat mit seinen Figuren: Es kann sich einfach nicht entscheiden zwischen einer gut gemachten Komödie mit messerscharfen Dialogen und einem psychologischen Kammerspiel, in dem die Höhen und Tiefen von Freundschaft, Liebe und Familie ausgelotet werden. Slapstick und großes Gefühl verbinden sich eben meist nur in Hollywoodkomödien zu einer runden Mischung.

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