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Puzzlestücke eines Lebens


Auf der weiten und fast leeren Bühne in “Freefall” zeichnen sich vor allem die Nebenfiguren um den blassen Protagonisten ab.

Im Lichttunnel: Andrew Bennett als A in "Freefall". Foto: Martin Kaufhold

Man kennt ihn aus Filmen. Den berühmten Moment, kurz bevor man stirbt, wenn das ganze Leben vor dem inneren Auge vorbeizieht. In einem Flashgewitter, die großen Szenen und die kleinen. Auch der namenlose Protagonist in “Freefall”, erlebt so einen Moment. Nur mit dem Unterschied, dass sein Moment nicht Sekundenbruchteile sondern knappe zwei Stunden dauert. Diesen A lässt der irische Autor Michael West nach einem Schlaganfall die wesentlichen Stationen seines Lebens durchlaufen, Stationen, die eine Indiziensuche nach der verlorenen Schwester markieren: die frostigen Wohnwagenurlaube mit Tante Milly, von der A nach dem Tod der Mutter groß gezogen wurde. Später die senile Milly im Altersheim, die bereut, A’s kleine Schwester damals nicht auch zu sich genommen zu haben. Dazwischen immer wieder surreale Trips in die schimmelige Unterwelt von A’s Haus oder Szenen aus seinem letztem Abendessen.

Der Tisch, auf dem A mit seiner Gattin und Cousin Denis mit seiner heimlichen Geliebten dinieren, befindet sich ganz hinten auf der Bühne. Die passenden Geschirrklappersounds liefern andere, seitlich positionierte Darsteller, die sich in ihren Pausen als Geräuschemacher betätigen. Die exakten Gesten der Agierenden fügen sich punktgenau zur Akustik, manchmal schmunzelnd überzeichnet, aber meistens mit maßgeschneiderter Ernsthaftigkeit.

Die Bühne (Kris Stone) strahlt eine sanfte, helle Weite aus. Das Ganze wirkt aufgeräumt, strukturiert und auf das Wesentliche reduziert: Vorhang, Tisch, Sofa und eine Leinwand für die Projektionen einer Live-Kamera, mehr braucht es nicht. Trotzdem entsteht kein Gefühl von klinischer Kälte. Die Übergänge zwischen den Bruchstücken der Erinnerung sind einfach und effektvoll gelöst, funktionieren oft nur über Lichtwechsel und Geräusche. Regisseurin Annie Ryan inszeniert klar und geschliffen das Lebenspanorama eines Fallenden, der die ganze Zeit über im Pyjama herumläuft und damit zum Reiseleiter für das Publikum wird. A, gespielt von Andrew Bennett, stolpert wie ein Traumwandler durch seine Vergangenheit, ist dabei mehr passiver Zuschauer seines Lebensfilms als aktiver Schicksalsmacher. Lebendig wird der Abend vor allem durch das Schauspiel der beiden Frauen: die drahtige und quicklebendige Ruth McGill als Milly und Janet Moran als A’s Frau, die eine komplette Szene nur über ihr live gefilmtes Augenpaar beeindruckend spielt.

Erst am Schluss, wenn es eigentlich schon zu spät ist, erwacht A aus seinem halbherzigen Zustand, entdeckt, dass es noch so viel zu sagen gegeben hätte. Aber das fällt ihm zu spät ein. Die anderen Schauspieler sind bereits aus ihren Rollen herausgetreten und räumen nüchtern die Requisiten weg. A hat sein Rätsel nicht gelöst, seine Schwester nicht gefunden. Die Zeit ist um, er verzweifelt. Zum ersten Mal entsteht ein Moment, den man mit ihm empfindet. Schade, dass es der letzte ist.

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