Wie das Festival uns Europa näher und manchmal auch zu nahe bringt.
Der Euro wackelt, die Wirtschaft klagt und die Wiege der Demokratie droht im Staatsbankrott zu verenden. Um Europa steht es schlecht, wenn man der Medienberichterstattung vom Spiegel (Euro-Lüge) über die ZEIT (Die neue Hartleibigkeit) bis zur taz (Tragödie) glauben mag. Krisenzeiten sind immer Fragenzeiten: Was ist es, das Europa im Innersten zusammenhält? Ein Festival, das sich auf die Suche nach der, wie der Dramatiker Tankred Dorst emphatisch in unserem Interview betonte, “Wahrheit” der europäischen Länder begibt, kann sich dieser Frage nur schlecht entziehen.
Schauen wir in die Statistik: 265 Produktionen zeigte NEUE STÜCKE AUS EUROPA in 18 Jahren, dieses Jahr sind 21 Länder auf dem Festival vertreten. Das ist Europa, oder zumindest ein repräsentativer Ausschnitt, und Wiesbaden wird zu einem Zentrum, von dem aus wir notgedrungen den Kontinent betrachten. Neben diesem eigentlichen Zweck des Festivals beschäftigen sich zahlreiche Rahmenveranstaltungen, sei es ein Vortrag zum europäischen Umgang mit Flüchtlingen, sei es das Seminar des Theaterwissenschaftlers Günter Heeg zur Möglichkeit einer gesamteuropäischen Perspektive, mit den Kernfragen Europas. Europadiskurs allerorten.
Katzenschmuggel und Blutfehden
So viel zu den Zahlen und zum Gerede. Schaut man sich hingegen die Stücke an, findet sich wenig gemeinsamer Grund. In Rumänien schneiden sie Zwiebeln und schmuggeln Katzen, in Lettland gehen die Wunderheiler um, in Russland beerdigen sie in Traumszenarien Giraffenmänner und in Albanien halten Blutfehden die Menschen bei Laune, was auch nicht gerade eine bei uns akzeptierte kulturelle Praxis ist. Wie, das alles ist nur Theater? Ist es, und doch immer ein wenig mehr. Es ist schön, wenn ein Festival sich derart für das gesamteuropäische Drama interessiert und eine große Bandbreite an Stücken selbst aus den entlegensten Winkeln des Kontinents einlädt. Doch zugleich lauert da immer die Gefahr, sich an bloßen Exotismen zu delektieren; denn einen persönlichen Erfahrungsschatz zu Albanien, Lettland oder Rumänien besitzen nur die wenigsten Besucher.
Und wenn ein Stück wie Bogdan Georgescus “Rumänien! Küss mich” dann bereits im Titel das ganze Land in Bedrängnis bringt, sind falsche Vorstellungen von unseren Nachbarn nicht mehr fern: Kaputte Züge, kalter Zigarettenrauch und Alkoholfahnen bestimmen bei Georgescus den rumänischen Alltag. Die Repräsentationsfalle ist nicht zu umgehen: Zeigt man fernab des Landes ein Stück aus diesem, so vermischen sich Fiktion und Realität nicht selten auf unglückliche Art und Weise. Und plötzlich ist die einzig verbleibende Gemeinsamkeit der Europäer, dass sie alle ab und an ins Theater gehen.
Kulturelle Brillen
Die Künstler sind sich dieser Schwierigkeit wohl bewusst: “Mich ärgert es zu hören, das von mir ausgewählte Stück würde Rumänien repräsentieren. Das hier sind nicht die olympischen Spiele, und Bogdan Georgescu ist kein Sportler,” ärgert sich die rumänische Patin, Gianina Carbunariu. Und natürlich hat sie recht, und kann dennoch wenig daran ändern. Die Stücke zeigen nun einmal, was sie zeigen, und das Publikum schaut durch seine eigene kulturelle Brille. Dem Bürger nicht nur den Hut vom Kopf, sondern vor allem eben jene Brille von der Nase schlagen, wäre ein interessantes Programm für die Avantgarde.
Bis es so weit ist und ein neuer Zuschauer heranwächst, oder aber NEUE STÜCKE AUS EUROPA die Wirtschaftskrise, was wir nicht hoffen wollen, noch stärker zu spüren bekommt, bleibt nur die lakonische Feststellung von Gianina Carbunariu: “Du kannst nicht in einen Dialog darüber führen, wie exotisch du bist.“ Der Rest ist Schweigen? Jedenfalls wäre das ein dem Theater gemäßer Abschluss.

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