Lässt sich über Theater streiten? Zwei Kritiker probieren es. Das Versuchsobjekt: Cezaris Graužinis Stück “Alles oder nichts”.

Finstere Hampelei: Vilma Raubaitė, Brigita Arsobaitė und Paulius Čižinauskas in "Alles oder nichts". Foto: Martin Kaufhold
Wladimir: Beeindruckend, dieser Cezaris Graužinis: Vier schlichte Hocker, vier Menschen, ein bisschen Licht und Musik – mehr braucht er für sein Sinnspiel nicht.
Estragon: Sinnspiel oder Singspiel?
Wladimir: Naja, irgendwie beides: Die vier Schauspieler erfreuen sich ja ganz offensichtlich am Klang ihrer Stimme, sei es nun rufend oder tatsächlich singend, dazu wird gehüpft, gerannt und getanzt. Aber ich meinte tatsächlich Sinnspiel.
Estragon: Hm. Anfangs dachte ich ja, einer Therapiesitzung beizuwohnen, zu der der Gruppenleiter nicht aufgetaucht ist. Aber dann ist die Handlung zerspargelt: Pinguineier werden gebrütet, Leichen gejagt, ein bisschen eine beliebige Schauspielübung.
Wladimir: Oder höchst bedeutsam, metaphysisch fast schon. Graužinis inszeniert da eine Meditation über die sprichwörtlichen letzten Dinge.
Estragon: Oho, Herr Kollege, also ein Streitgespräch! Inspirierte Morgengymnastik oder Beckett? Alles oder nichts?
Wladimir: Auf jeden Fall Alles: Litauische Mythen treffen auf existentielle Fragestellungen, debattiert wird die Einsamkeit des Sterbenden und das Glück der Liebenden.
Estragon: Aber doch auf so allgemeiner Ebene, dass ich weniger von einer Debatte als einem Denk-, ach was, einem Fühl-, einem Hinwegschwebanstoß sprechen würde. Da braucht es schon guten Willen, sich darauf einzulassen.
Wladimir: Der Wille kommt von alleine! Du kannst dich der Sogwirkung des Stückes gar nicht entziehen; die Schauspieler turnen ja nicht nur, sie therapieren einander, einer leidet an Apathie, einer sucht verzweifelt einen Fürsprecher, eine fürchtet sich im Dunkeln und sehnt sich nach ihrer Mutter. Alle sind einsam.
Estragon: Sie wirken auf der Bühne in der Tat ein wenig verloren. Mir hätte sich möglicherweise mehr Tiefe vermittelt, wenn entweder in der Schauspielarbeit oder in dem zerfahrenen Text eine deutlichere Beziehung oder zumindest Bewegung der Figuren zueinander herausgebildet worden wäre.
Wladimir: Dass im 21. Jahrhundert noch jemand ernsthaft ins Theater geht, um eine Geschichte zu sehen – wer hätte das gedacht. Natürlich sind die Figuren keine Charaktere, natürlich bleibt alles Stückwerk. Nur halt existenziell bedeutsam.
Estragon: Ich dachte, die existenzielle Bedeutsamkeit einer Aneinanderreihung von Gefühlsregungen wie Glück, Liebe und Zufriedenheit hätte sich mit den Sechzigern des 20. Jahrhunderts erledigt. Im Stück heißt es: “Ich wiederhole so gerne Wendungen, die ich mitbekomme. Ich denke nicht so gern.” Ich habe halt den Eindruck, da hat jemand zu viel Beckett gelesen…
Wladimir: Also nur litauisches Epigonentum?
Estragon: Herr Graužinis ist ja anderer Meinung. Er betont bei jeder Gelegenheit die Novität seiner Arbeitsweise. Vielleicht käme ein wenig Bescheidenheit in der Machart ja der kritischen Einschätzung zu Gute. Ganz charmant waren die vier auf der Bühne ja schon. Nur eben nicht besonders existenziell, obwohl sie die ganze Zeit vorgaben, nichts Anderes zu sein.
Wladimir: Vielleicht hast du recht und wir sollten den Interpretationsfetisch abstellen. Ich mochte das Lied am Ende des Stückes: “Das Leben ist ein Schatten, erzählt von einem Idioten / Und es bedeutet nichts.”
Wladimir: Jakob C. Heller
Estragon: Martin Thomas Pesl
Autor und Regisseur Cezaris Graužinis aus Litauen war mit seiner Produktion “Alles oder nichts” am Sonntag im Mainzer TiC Gast der Biennale. Seine cezario grupė entstand 2003 aus einer von ihm unterrichteten Schauspielklasse. Nach dem überraschenden Erfolg der Abschlussproduktion “Arabische Nacht” von Roland Schimmelpfennig wurden die jungen Leute unzertrennlich und fanden eine Spiel- und Probenstätte in Vilnius. Minimalismus ist ihr Markenzeichen.

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Schön zu lesen. Aber was genau darf der p.t. Leser sich vorstellen, wenn eine Handlung “zerspargelt”? Schauen dann nur ihre Spitzen raus? Wird sie von migrantischen Arbeitskräften gestochen?
Nette Idee und überraschend (für mich) spannend zu lesen – aber in Zukunft bitte wieder Kritiken in denen man die eine Meinung wenigstens komplett erfährt!
Verehrter Bop! Bitte verzeih mir das kleine Experiment. Ich war mir nicht mehr sicher, ob dieser von mir seit geraumer Zeit mit Vorliebe für das fahrige Auseinanderdriften von Etwas verwendete Ausdruck Soziolekt, Dialekt oder – wie sich nun zunehmend herauskristallisiert – höchst eigener Idiolekt ist. Danke!
Lieber Martin Thomas, mach Dir nichts draus. Genies sprechen ihre eigene Sprache. Genialisch.
Also bei einem Umdrehen von a und r (“zersprageln”) hätte ich es absolut in dem Sinn verstanden, ob Sozio-, Dia- oder irgendein anderer -lekt kann ich allerdings auch nicht sagen…
Bester Martin, kein Grund um Verzeihung zu bitten. Wenn man es allen Recht zu machen versucht, läuft man schließlich ernsthaft Gefahr, sich zu zersprageln. Und ernsthaft: höchst unterhaltsam, was du hier so schreibst, selbst für einen Theater-noch-nicht-mal-Laien wie mich. Danke!
Freut mich zu hören. Immer weiter so. Fast ist es vorbei, nur noch dieses Wochenende…
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