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Nahkampf am Text


Martin Heckmanns und Marc Ravenhill leiten das “Forum junger Autoren Europas”. Nachwuchsdramatiker schreiben Texte, diskutieren und präsentieren sie. Von Anfang an allerdings läuft ihnen die Zeit davon.

Manuskriptanalyse: Maren Wiederhold (Praktikantin) und die Autoren Paul Riemann, Dennis Kubek, Milena Oda, Martin Heckmanns, Dominic Oley, Pavlo Arie.

Der erste Tag. 21 Autoren und zwei Leiter stehen unschlüssig vor dem Eingang des Nassauischen Kunstvereins und trauen sich nicht hinein. “Weil wir Angst haben, dass die Alarmanlage losgeht” erklärt Martin Heckmanns, derzeit Hausautor/Dramaturg am Staatsschauspiel Dresden und Leiter der deutschsprachigen Autorengruppe.

Bei der Vorstellungsrunde geht es gleich ans Eingemachte: Heckmanns möchte erfahren, wie das so war mit den Initiationserlebnissen und welche Erwartungen an das eigene Schreiben vorherrschen. Damit niemand in die Verlegenheit kommt, als Erster sprechen zu müssen, beginnt er selbst mit einer Offenbarung: “Ich bin auf dem Weg der Anpassung, deshalb würde ich mir gerne von eurer Freiheit etwas abzapfen.” Unter Freiheit versteht Heckmanns, schreiben zu können, worauf man Lust hat, ohne auf jene pragmatischen Hintergedanken Rücksicht nehmen zu müssen, mit denen er nun als Hausautor zu kämpfen hat: Wie viele Schauspieler verträgt das Budget, welche sind verfügbar, was geht in der Ausstattung?

Vielleicht könnte er sich ja ein Quäntchen Freiheit von Dominic Oley borgen. Der 30-jährige Autor im schicken Nadelstreifanzug zeigt sich von Vorgaben offenbar völlig unbeeindruckt: Fünf Minuten lautet eine Schreibaufgabe, was in der Regel einem Text von drei Seiten entspricht. Mit fragendem Blick hält Heckmanns zehn Seiten hoch, Dominics Kommentar dazu: “Man muss halt ganz schnell sprechen.” Der Schauspieler und frühere Pippi Langstrumpf-Fan schreibt, weil er die Nase voll von langweiligen Stücken hat.

Kollegin Milena Oda kommt mit seinem Text nicht ganz klar. “Ich kann mich dieser Sprache nicht anpassen,” lautet ihre Begründung dafür, dass sie die nächste Szene nicht schreiben will. Am Ende soll das Ganze ein Reigen werden und der abschließenden szenischen Lesung dienen. Dass für die inszenierte Nachtwanderung zwei Tage mit Regisseur Thorsten Duit draufgehen, war dem sportlich-lockeren Martin Heckmanns irgendwie nicht ganz klar. Ob er Abstriche bei seinem ambitionierten Programm machen wird? Bis jetzt stehen unter anderem auf dem Plan: Diskussionen über das Schreiben, das Dasein als Autor im Allgemeinen und die eingereichten Stücke im Besonderen, Besuche von Inszenierungen, Treffen mit eingeladenen Autoren sowie gemeinschaftliches Improvisationsschreiben.

Jeder kommt einmal dran

Große Runde von links Uhrzeigersinn: Nelly Winterhalder, Henriette Dushe, Paul Riemann, Dennis Kubek, Milena Oda, Martin Heckmanns, Dominic Oley, Pavlo Arie, Davide Carnevali. Fotos: Valerie Kattenfeld

Auch Mitgebrachtes wird auf den Tisch gepackt. Pavlo Aries Stück “Experiment” ist eines der ersten, die zur Diskussion stehen. Eine Warnung vor Jugendslang und Schimpfwörtern steht auf der ersten Seite. In seinem Heimatland Ukraine wären solche Hinweise nötig, erklärt der 1975 geborene Autor mit Igelfrisur und Ring im Ohr. Schüchtern fragt er, wer welche Rolle lesen möchte. “Du musst bestimmen, nicht fragen!” ermuntert ihn die etwas forschere Wienerin Sandra Gugic. Dominic bekommt also die Regieanweisungen zugeteilt und liest dynamisch hingebungsvoll: “zutiefst schockiert”, “springt auf”. Heckmanns grinst und klopft ihm auf die Schulter. Es wird gelacht und geblödelt, die Stimmung ist gut.

Von den angekündigten Schimpfwörtern ist Sandra richtiggehend enttäuscht. “Lump” sagt heutzutage ja auch keiner mehr. Pavlo hat sein Stück aus dem Ukrainischen selbst ins Deutsche übersetzt, die dadurch entstandene brüchige Sprachlichkeit mit mittelalterlichem Touch passt nach Meinung der Gruppe gut zum Stück. Umso deutlicher sticht dann das Wort “ficken” ins Auge. Ein “starkes Signalwort, das häufig in Stücken vorkommt”, analysiert Heckmanns. Er selbst verwendet es “eigentlich nie” und betrachtet es auch nicht als besonders alltagsgebräuchlich. Sandra ist da anderer Meinung.

Vielfalt der Formen

Nicht nur die Sprachlichkeiten, sondern auch die Sprachen der Teilnehmer sind unterschiedlich. Der in Mailand geborene Davide Carnevali spricht fließend deutsch, möchte aber in keiner anderen Sprache als Italienisch schreiben. Die Deutsche Nelly Winterhalder hingegen ist nach Oslo gezogen und schreibt inzwischen auf Norwegisch. “Die durch den Wortschatz vorgegebene Begrenzung tut mir gut. Wenn ich auf Deutsch schreibe, gibt es mehr Abfall.” Auch die Schreibformen sind Thema in der Runde. Der Monolog outet sich als nicht wirklich theatertauglich, schließlich “würde man sich doch nicht über fünf Seiten seine eigene Geschichte erzählen” erläutert Heckmanns. Damit spielt er auf Pavlos Stück an, der sich ganz wacker der Kritik stellt. Seine Kollegen sind direkt, Unstimmigkeiten und Probleme werden beim Namen genannt. Aber auch Komplimente gibt es, Kommentare wie “Ich habe mich beim Lesen nicht gelangweilt” gehören dazu. Pavlo schreibt alles mit und bedankt sich am Ende für die konstruktiven Beiträge. Er wirkt tatsächlich dankbar, keine Spur beleidigt oder angegriffen. Er hätte auch jederzeit Stop sagen können, eine Spielregel, die seit dem Anfang für alle gilt. Aber die Teilnehmer vertrauen sich, nehmen sich ernst. Aus den bunt zusammen gewürfelten Autoren ist binnen kurzer Zeit eine Gruppe geworden. Eine gute Voraussetzung für den gemeinsamen Abschlussreigen.

Die szenische Lesung findet in Form einer Nachtwanderung am Freitag, 25. Juni 2010 statt. Um 21:30 Treffpunkt Kolonnaden vor dem Kleinen Haus Wiesbaden.

Interessieren Sie sich für andere Blog-Einträge zu den verschiedenen Nachwuchsforen während der Biennale? Zur Gesamtliste geht es hier.

3 Comments to “Nahkampf am Text”

  1. [...] ein Füßchen in der Tür, er ist seit zehn Jahren im Geschäft. Er leitete bei der Biennale einen Autorenworkshop, sie zeigte ihre zweite Uraufführung. Martin Heckmanns (38) und Lisa Danulat (27) über [...]

  2. avatar sandra says:

    tippfehler bei meinem vornamen (ganz unten im textanhang)

  3. danke für den hinweis, ist schon ausgebessert!
    lg, valerie

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