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Wer bin ich und wenn ja, warum?


Das Stadttheater Göteborg bringt mit “Wir sind Hundert” gleich drei Versionen einer Frau auf die Bühne des Staatstheaters Mainz.

Ich-Stapelung: Frida Röhl, Anna Bjelkerud, Nina Jeppsson in "Wir sind Hundert", v.l.n.r. Foto: Martin Kaufhold

Sie stehen am Abgrund, sind sehr unterschiedlich in ihren Stärken und Schwächen, und doch sind sie eine Person, die Facetten eines Menschen. Sie streiten und kämpfen gegeneinander, lachen und erinnern gemeinsam, wollen sich zusammen umbringen. So einig wie zu Beginn des Stücks, wenn sie am Abgrund ihres Lebens stehen, werden die drei Frauen allerdings nie wieder sein: “Wir machen es nicht.” Die Frauen lassen Messer, Pistole, Kalaschnikow und Sprenggürtel enttäuscht fallen und sehen sich aufgrund des erneut gescheiterten Selbstmords ratlos an. Sind wir zu feige oder brauchen wir mehr Zeit? Bereuen wir alles, was wir unserem Leben gemacht haben oder sehnen wir uns zurück? Die Antwort ist ein Neuanfang. Eine letzte Chance. Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Im einen oder anderen Zuschauerkopf ist im Laufe dieses Theaterabends sicher der Titel des populärwissenschaftlichen Bestsellerbuches von Philosoph Richard David Precht aufgetaucht. Und wenn nicht in Form dieser Assoziation, dann drängten sich die Fragen ganz unmittelbar auf: Welche Identität besitze ich? Sind es gar mehrere und welche wäre dann die stärkste? Welches Leben führe oder eher glaube ich zu führen?

Im Spannungsfeld dieser Gedanken bewegt sich das Stück “Wir sind Hundert“ des Schweden Jonas Hassen Khemiri, das im Auftrag des Stadttheaters Göteborg entstanden ist und in dessen kraftvoller Inszenierung auf der Biennale zu sehen ist.

Leben im Schnelldurchlauf

Im Stakkato-Schnelldurchlauf erzählt das Trio sein neues Leben von Geburt und Schulabschluss über Heirat und Kinder bis zu den großen unerfüllten Zukunftsträumen. In beige-hautfarbenen Trenchcoats, leuchtend roten Kleidern und locker übergestülpten Gummiglatzen wirken die Frauen auf eine androgyne Weise identisch. So übereinstimmend ihr Äußeres wirkt, so gegensätzlich sind ihre Vorstellungen eines perfekten Lebens. Während die eine sich an keine Todesnachricht erinnern will, lässt die andere nicht davon ab, den trotteligen Arthur zur großen Liebe zu stilisieren. Die großartige Leistung der Hauptdarstellerinnen (Anna Bjelkerud, Nina Jeppsson, Frida Röhl) lässt diese unterschiedlichen Profile klar hervortreten.

Es ist ein Kampf des Willens gegen die gefürchtete Bedeutungslosigkeit. Wenn eine Facette der Frauen, die junge Revolutionärin, die Oberhand gewinnt, scheint alles möglich: Kriege können beendet, Armut besiegt werden. An anderer Stelle steht die wissenschaftliche Karriere als Zahntechnikerin im Vordergrund, die mit einem demütigenden Fachvortrag endet. Wenn alle Stricke reißen, sind dann aber doch alle froh über die Anwesenheit der anderen: “Zum Glück haben wir uns!”

Regisseurin Mellika Melouani Melani findet für diese “multiple Persönlichkeit” eine beeindruckende Bildsprache. Mit Hilfe von auf Stativen befestigten Handkameras dokumentieren die Frauen sich gegenseitig auf drei Bildschirmen. Es entstehen unendliche Identitäten. Wenn die absurd-komischen Gespräche mit Arthur nur über die Kameras laufen, ist die Phantasie der Regie zu bewundern.

Starke Mittel versus plakatives Hau-Drauf

Diese Mittel zusammen mit den gut dosierten Lichteinsätzen (Bühne und Licht: Bengt Gomér) sind so stark, dass es die vielen immer mal auch als Porzellankitsch daher kommende Requisiten gar nicht gebraucht hätte. Leider wirkt die Inszenierung dadurch überladen. Inhaltlich ist es ähnlich: Wo Trauer schlicht durch gestammelte G-Laute, durch den Verlust der Sprache übersetzt wird, verkommen andere Emotionen zum plakativen Hau-Drauf. Etwa wenn der erste Sex der Frau mit Arthur als kollektives Tennis-Gestöhne inszeniert wird.

Am Ende lautet die Frage einmal mehr: “Haben wir noch Energie?” Tatkräftig unterstützt werden die drei von einem 21-köpfigen Laienchor, der laut das “Wir” postuliert, dann aber doch entscheidet, dass das jüngste Ich sterben muss. Dann stirbt auch das ältere Ich und mit ihm der Chor. Nun steht die letzte der Frauen einsam wie auf einem Schlachtfeld zwischen den Leichen. Sie ist allein mit ihrer Erinnerung.

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