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Billige Tricks


Nicht nur das Theater ist für junge Kritiker ein Anziehungspunkt, auch das Casino hält einiges bereit. Wer die Spielbank drückt, bemerkt die billigen Tricks beider Spielstätten.

Tritt ein in den Spielraum. Foto: Judith Kärn

Faites vos jeux!, murmelt der Croupier mit Samtstimme. Gelassen verteilt er Jetons für das nächste Roulettespiel. Er hat Charme, Stil und seine naiv dreinschauenden Augen locken, all die guten Ratschläge der Eltern über Bord zu werfen, selbst zum infamen Spieler zu werden und in die dunkel-faszinierende Welt der Sucht tief einzutauchen. Faites vos jeux! ist auch die Devise des Theaters und wie sich das Casino eines gutaussehenden Sunnyboys bedient, biedern sich im Theater attraktive Schauspieler an, die den Traum von der anderen Welt des Glücks wahr machen wollen.

Ein billiger Trick? Vielleicht. Doch sich zu entziehen ist nicht so einfach. Ich zupfe ein wenig an meinem Kleinen Schwarzen, werde beinahe verlegen und einen Moment lang weiß ich schon gar nicht mehr, ob ich noch im Theater oder schon im Casino bin, denn ein gewisses Suchtpotenzial besteht bei beiden. Kleidchen ist ohnehin Pflicht. Nicht nur fürs Casino sondern oft genug auch im Theater und in der Oper sowieso. Der Dresscode hat mich schon halb in diese wirklich-unwirkliche Atmosphäre des öffentlichen Spielraums gesogen. Abendgarderobe ist gefährlich wie ein Schwarzer Panther. Der ist schließlich auch nur ein Leopard im Frack. Sie gibt einem das Gefühl, alles, was man sieht, sei Kultur, edel, wahr und gut. Auch nichts weiter als ein Kunstgriff…

Die protzige Inneneinrichtung mit drei tonnenschweren Kronleuchtern hat etwas Versöhnliches wie ein Goldflitterregen im Theater, der all die dramatischen Faux-Pas vergessen macht, weil es doch so wunder-wunderschön glitzert. Ich gehe weiter, weg vom Roulette zu den Tischen, an denen Black Jack und Poker gespielt werden. Ausschließlich Männer sind beteiligt, hier wird nicht zimperlich gezockt. Keine Gelegenheitsglücklichen wie beim Roulette.

Unauffällig stelle ich mich zu ihnen. Äußerlich wirken sie gefasst, doch ihre Augen verraten von Adrenalin gepeitsche Gemütsregungen. Wie das Theater setzt auch das Casino auf Affekte. Furcht und Schrecken schütteln mich. Ich muss weiterziehen zum Computer-Roulette, das niemals zum Stillstand kommt. Die Spiel-Maschinen bilden vier Reihen hintereinander, zwischen den Glücksspielern gibt es keinen persönlichen Kontakt und. ich setze mich eine Reihe hinter einen etwas dickeren Mann um die Vierzig.

Viele der einsamen Gambling-Gestalten vertrauen noch immer, so scheint es, nach Jahrezehnten der sicherlich vorübergehenden Pechsträhne, auf das „Gesetz der Großen Zahlen“. Sie wissen nicht, dass sie gelinkt werden. Nach dem mathematischen Gesetz tritt nur für den, der unendlich oft das Rouletterad dreht, alle Zahlen mit gleicher Wahrscheinlichkeit auf. Was dem Casino das Gesetz der großen Zahlen, ist dem Theater das” Gesetz der Großen Worte”. Dort obwaltet ungebrochen der trügerische Glaube an den unendlichen Wert bedeutungsschwangerer Sätze.

Der Mann vor mir zockt und zockt, es nimmt kein Ende. Und ich bemerke, wie das Pathologische des Casinos ähnlich wie das von der Norm Abweichende, das immer wieder auf dem Theater verhandelt wird, mich anmacht. Es ist sexy. Und Sex zieht immer. Sex ist Dauerthema auf den Theaterbühnen, nie könnte paarweise vollzogene Bodengymnastik langweilig sein. Voyeurismus hat schließlich seinen Charme. Autsch, ertappt und trotzdem reingefallen auf die Theater-Masche. Man will sie nackt sehen, die Schauspieler. Nacktheit auf dem Theater ist schließlich nicht einfach nur ein schlechter Witz wie der des Casino-Spielers, der auch sein letztes Hemd verspielt hat. Mag die tragische Figur des Casino-Spielers auch dramatischer sein. Denn die Bank gewinnt immer: Mathematisch betrachtet findet beim Roulette insgesamt nur eine Gewinnausschüttung von etwa 98% statt. Den Rest schluckt die Bank.

Auf solch billigeTricks setzt auch das Theater: Blutfontänen, Platzpatronen, Sissi-Kostüme, Abstech-Szenen, Tabu-Schocker, Raucherdraufgänger, Gangsterfiguren und gefühlsduselige Musicalmusik. Billig, billig sind diese Tricks ja! Okay. Aber sie sind eben auch so verdammt gut. Ich kann, nein muss sie immer und immer wieder sehen. Auch hier geht die Rechnung mit dem billigen Trick auf. Rational ist das nicht, ich weiß! Ebenso wenig rational wie mein Abend in der Spielbank.

Rien ne va plus, ich stehe auf von meinem Platz am Computer-Roulette und gehe zum Ausgang. Mir kommt die Frage in den Sinn, ob ich an diesem Abend eine von den Zockergestalten geworden bin. Ein bisschen vielleicht? Nein, für mich gibt es nur eine Sucht: Das Theater mit seinen Gefühlsduseleien, scharfen Dialogen und diesem semantischen Sex fürs Hirn.

One Comment to “Billige Tricks”

  1. avatar Bruno says:

    Ein super Artikel bis er im letzten Satz kitschig wird. Schade! Trauen Sie sich doch mal gerade in einem Theater-Blog nicht dem Theater das letzte Wort zu überlassen – wir kapieren es auch so! (denke ich mir übrigens nicht zum ersten mal seit der Geburt dieses Blogs…)

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