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Black Box Jugend


Fabrice Murgia versucht in “Der Kummer der Menschenfresser” einer eingesperrten Generation auf die Spur zu kommen.

Mediale Orientierung: vor dem Liedtext von John Lennons "Oh my love". Foto: Lena Obst

Er macht es den Zuschauern nicht leicht, der Belgier. Und er hat sich viel vorgenommen: Anhand der realen Erlebnisse der jahrelang entführten Österreicherin Natascha Kampusch und des Amokläufers Bastian Bosse aus Emsdetten versucht der Autor und Regisseur Fabrice Murgia in “Der Kummer der Menschenfresser“ einer Generation auf die Spur zu kommen, die sich gleichzeitig eingesperrt fühlt und sich selbst vor dem Computer einsperrt. Das Bild dafür sind zwei Kammern hinter Plexiglas, in denen der Emsdettener und die Österreicherin eingeschlossen sind. Die Zuschauer sehen sich im Plexiglas verzerrt, werden zu einer großen Masse. Gleichzeitig halten die Eingesperrten ihr Gesicht in Kameras, deren Bilder auf eine Leinwand über den Kammern projiziert werden.

Es sind Albtraumbilder. Das erste zeigt auf einer riesigen Fläche ein Kind mit weißem Gesicht und geschlossenen Augen. Immer wieder blitzt das Gesicht in der donnernden Soundkulisse auf, während um die Bühne ein Wesen hetzt, dessen weißes Gewand Brautkleid und Kommunionskleid sein könnte. Ist es ein Kind oder eine Erwachsene, ein erwachsenes Kind oder eine kindliche Erwachsene? Wirklichkeit und Traum verschwimmen, die Figur verschwimmt zum Zwitterwesen zwischen Schaukelkind und Horrorfilm-Darstellerin.

Immer wieder hetzt sie um die Bühne und erzählt die Geschichte vom Menschenfresser, der seinen Vater und seine Brüder und seine Söhne fraß, damit keine neue Generation heranwächst. Einem seiner Söhne aber gelingt es zu entkommen. Er rächt sich, schlitzt seinem Vater den Bauch auf und wird zum neuen König gekrönt. „Die zweite Ge neration ersetzt die erste, die es schon viel zu lange gibt,“ hallt es durch den Raum. Gefühlte hundert Mal presst das Fabelwesen die Geschichte vom Menschenfresser durch das Mikrofon ins Ohr des schaudernden Zuschauers. Erst jetzt beginnt die eigentliche Handlung, es ist aber schon viel Pulver verschossen.

Die besteht aus zwei Erzählsträngen: aus Natascha Kampuschs Reflexionen aus der Montagegrube ihres Entführers und aus den Interneteinträgen von Bastian, der unter dem Pseudonym “Resistant X” seine Gewaltfantasien in den virtuellen Raum schreit. Und dann ist da noch Laetitia, eine von Murgia ersonnene Figur, die von Natascha träumt, während sie selbst im Krankenhaus liegt. Viel gemein haben Bastian und Natascha nicht, sieht man davon ab, dass beide der realen Welt entrissen sind. Zwar hat der Entführer Natascha das Schlimmste angetan, “aber die Leute werden nicht verstehen, dass er mich auf seine Weise geliebt hat”. Bastian, der Asthmatiker, der Sitzenbleiber in der Klasse, dessen Gott Eric Harris, der Amokläufer aus Columbine ist, hofft nur, “dass Menschen wie ich nach diesem Massaker besser behandelt und besser verstanden werden”.

Irgendwann treten die Figuren aus ihrer Realität heraus und in die des Bühnenbilds ein. Bastian als Darth Vader aus “Star Wars” mit dem geschminkten Gesicht eines Jokers, Natascha als Mädchen mit Tatzenhausschuhen und rotem Luftballon. Während der von der dunklen Seite der Macht befallene ehemalige Jedi-Ritter letzte Worte brüllt, findet bei Natascha eine Häutung statt. Ein Hemd nach dem anderen, eine Schlafanzugshose nach der anderen zieht sie aus, in einer nicht enden wollenden Ekstase. Am Ende steht da Laetitia, mit rotem Luftballon im neuen Frauenkostüm und wirft ihrer Mutter vor, dass sie die Veränderung des Kindes hin zur Erwachsenen nicht bemerken wollte.

John Lennon hat das letzte Wort

Im “Kummer der Menschenfresser” hat John Lennons Lied “Oh my love” das letzte Wort. Das letzte Wort hat also einer, der nach der Trennung der Eltern bei seiner Tante aufwachsen musste, zum Opfer eines Attentats wurde. Der zuletzt aber weit geöffnete Augen hat und einer neuen Realität entgegenblickt, in der die Gesetze von Raum und Zeit ausgehebelt sind.

Fabrice Murgia findet keine neuen Worte für die Frage, was in den Jugendlichen vorgeht, er borgt sich die von Kampusch, Bosse und Lennon, löst sie aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und stellt sie in einen neuen Kontext. So richtig auf die Spur kommt er dem Innenleben der Jugendli chen damit allerdings nicht. Es bleibt ein Blick von außen, ein mutiger und auch unbedarfter Blick eines Autors, der sich zweier deutschsprachiger Geschehnisse annimmt und keine Angst davor hat, sie zu montieren, ohne die daraus entstandenen medialen Diskurse zu berücksichtigen. Murgia ist ein medialer Montierer von Text, Tonspur, Videoschnipsel und Polaroid. Er erwartet Verausgabung, von sich, von seinen Schauspielern, von den Zuschauern, deren Nerven er von Anfang an mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln strapaziert. Den Zuschauern schmeicheln sollen andere.

Hörkritik zum Stück: hier.

One Comment to “Black Box Jugend”

  1. [...] eine klassische Textkritik lesen? Hier lang. More about: Bastian Bosse, Emsdetten, Fabrice Murgia, Kummer, Menschenfresser, Natascha [...]

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