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Der Mensch im Ohr


Simultansprecher sind seit jeher fester Bestandteil der Theaterbiennale. Ein Hintergrundbericht.

Hinter Glas: Synchron-Dolmetscherin in der Kabine. Foto: Lena Rittmeyer

Gewöhnungsbedürftig sind sie schon, diese kleinen Empfängergeräte, dessen Kopfhörer sich jeder Zuschauer vor Stückbeginn ans Ohr klemmt. Aber sie gehören ebenso zum Charme des Festivals wie Festzelt, Länderpaten und babylonische Sprachverwirrung. Wer noch nie fremdsprachige Gastspiele erlebt hat, ist zunächst irritiert, wie ihm da gerade parallel zum Live-Geschehen deutsche Sprache eingeflüstert wird, bald allerdings setzt dann doch ein Gefühl der Dankbarkeit ein. Man will ja authentisches Schauspiel sehen, hören und fühlen, gleichzeitig aber verstehen, was passiert.

Ereignis Originaltext

“Und es soll sich auch die literarische Qualität vermitteln”, ergänzt Maya Schöffel, die für die Übersetzer-Organisation verantwortliche Dramaturgin von NEUE STÜCKE AUS EUROPA. “Wir sind ja ein Festival der Autoren, deshalb soll dem Stücktext das Maximum an Qualität geboten werden.” Seit ihren Anfängen 1992 arbeitet die Theaterbiennale weder mit Übertitelung noch mit Dolmetschern, sondern mit literarischen Übersetzern, die ihre eigene Arbeit am Text als Simultansprecher zum Besten geben. “Wobei simultan nicht synchron bedeutet”, betont Schöffel. Es soll nicht, wie aus Film und Fernsehen bekannt, die Illusion entstehen, der Akteur spreche Deutsch: Der Sprecher ist angewiesen, möglichst mit einer leichten Verzögerung einzusteigen, damit das Ereignis “Originaltext” stets im Bewusstsein der Zuhörerschaft bleibt. Gar nicht erwünscht ist eine allzu lebhafte Performancelust. Wenn jemand beginnt, Stimmen zu imitieren, beschwert sich die Festivalleitung prompt.

Organisatorisch ist es ein Kraftakt, so viele Sprachen zu vereinen. Noch in der Recherchephase nach möglichen Gastspielen übertragen Übersetzer einzelne Szenen von Stücken ins Deutsche und schreiben eine Zusammenfassung. Fällt die Entscheidung, die Produktion einzuladen, ruft Maya Schöffel den jeweiligen Übersetzer erst einmal an. So überprüft sie nicht nur rechtzeitig, wie gut der Übersetzer im Übersetzen ist, sondern testet unauffällig auch seine Qualität als Sprecher: Wer keine angenehme Stimme hat, wird nicht engagiert.

Anspannung wie die Schauspieler

Zwar bekommen die frischgebackenen Voice-over-Artists eine DVD der Aufführung zum Üben, in der Premierenhektik der Aufführung kann es dennoch zu spektakulären Drahtseilakten kommen. Bei “Das Puppenschiff” im Malersaal fiel der Ton in der Kabine des Übersetzer-Sprechers Klaus Detlef Olof aus, und er hörte nicht mehr, was auf der Bühne gesagt wurde. Daraufhin setzte sich Ana Tomović, die als Regisseurin des Abends mit dem Bühnengeschehen vertraut ist, zu ihm ins Kämmerchen und gab ihm für jede neue Replik ein Handzeichen.

Vereinzelt haben sich auch dieses Jahr wieder andere Formen der sprachübergreifenden Vermittlung ins Programm geschummelt. Die türkische Produktion “Hässliches Menschlein” läuft schon so lange mit deutschen Übertiteln, also der schriftlichen Projektion des Textes, auf Tour, dass die Gruppe ihre gewohnte Form auch hier durchgesetzt hat. “Ist ja auch das Naheliegenste, das Unaufwändigste und das Unaufdringlichste”, so Maya Schöffel zu Übertiteln. Bei “Bab und Sane” traute sich die Übersetzerin den Auftritt im Zuschauerohr nicht zu, so dass ihren deutschen Text nun die Konferenzdolmetscherin Sabine Hartmann liest. Aber Achtung, andere Arbeitsweise: “Ein Dolmetscher verwendet Füllsel, atmet an und ab, versucht, dran zu bleiben”, gibt Schöffel zu bedenken.

Eine weitere Ausnahme ist die bulgarische Produktion “Angenehmschrecklich”. Hier wurde nach einem Sprecher mit entsprechender Stimmausbildung gesucht. Das Gute liegt so nah, so wurde Gergana Muskalla, Ensemblemitglied im Jungen Staatstheater Wiesbaden mit bulgarischen Wurzeln gefragt. “Ich war geehrt und sehr aufgeregt, mit meinem Lieblingstheater aus Bulgarien zusammenzuarbeiten. Man kann sich gar nicht vorstellen, was das für eine Multitasking-Aufgabe ist! Mir war eiskalt, ich habe das aber gar nicht gemerkt, weil ich so angespannt war”, gesteht die 31-jährige Muskalla nach der Premiere von “Angenehmschrecklich”. Wie ist sie als Schauspielerin mit dem dramaturgisch auferlegten “Performanceverbot” umgegangen? “Bei den Abschnitten, wo ich nach der Probe schon Bescheid wusste, nahm ich mir die Freiheit einer leichten Färbung, damit der Zuschauer aus der vermittelten Atmosphäre nicht völlig rausgerissen wird.” Mit Erfolg: Das sehr textlastige Stück vermittelte sich exzellent.

Profi oder nicht, das Versteherlebnis wird dieses Jahr durch einen neuen Feinschliff noch verbessert: Die Kopfhörer sind nur noch einteilig, beliefern nicht, wie bisher, beide Ohren. Jetzt bekommen wir also endgültig alles mit.

4 Comments to “Der Mensch im Ohr”

  1. avatar Unbeschreiblich Anspruchsvoll says:

    Und wieder ein Dank für diesen sehr, sehr interessanten Einblick in die Arbeit von Menschen, die oft nur wie ein Teil des Inventars wahrgenommen werden… wenn überhaupt… :)

  2. avatar Bruno says:

    Und was spricht jetzt gegen Übertitel, die von Autoren geschrieben wurden? Ich bin kein großer Fan vom Dolmetschen, finde dass man dabei zwar theoretisch alles mitbekommen könnte, es aber wegen Überforderung oft nicht tut. Manchmal nehme ich das Ding vom Ohr, lasse alles auf mich wirken…und ärgere mich dann, dass ich den Inhalt verpasse. Wobei wenn es (wie im Junge Autorengespräch angedeutet) nicht mehr um Geschichten geht ist das ja vielleicht egal…oder? Auf jeden Fall danke für den Einblick!

  3. avatar Martin Thomas Pesl says:

    Lieber Bruno!

    Ich stimme Ihnen da durchaus zu. Selbst nach einer gewissen Gewöhnungszeit hier auf dem Festival ziehe ich Übertitel, sofern möglich, vor. Wenn ich als Zuseher im Theater sitze, will ich vordergründig eher Theater als Literatur sehen und währenddessen einfach nur bestmöglich verstehen, was gesagt wird. Die sprachlich-literarische Qualität eines Textes lässt sich immer noch später nachlesen – gerade hier, wo ohnedies auch Stücktexte in Übersetzung kostengünstig angeboten werden.

  4. avatar Lena Rittmeyer says:

    Ich finde ja auch ein bisschen, dass der ‘Mensch im Ohr’ dem Theater etwas von seiner Unmittelbarkeit nimmt. Obwohl man das ‘Erlebnis Originaltext’ mit einem Ohr ja noch mitbekommt und die Simultansprecher auch oft beeindruckende Arbeit leisten. Sprache wird dann irgendwie so semantisch und weniger ein physischer Akt, find ich.

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