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Knacken im Herzen


Nein zu Kapitalistenarschlöchern, Nein zur Anpassung an die Gesellschaft und auf der Bühne: Nein zur Zuschauernähe. Nis-Momme Stockmanns “Der Mann der die Welt aß” in einer Inszenierung vom Heidelberger Theater.

Papa, ich sag dir jetzt mal was! Bastian Semm, Daniel Stock und Ronald Funke. Foto: Martin Kaufhold

Das einzige, was noch verbindet, ist das Telefonkabel. Beziehungen können, wenn überhaupt, nur aus der Distanz aufrecht erhalten werden. Störgeräusche unterbrechen die Verbindung, Knacken im Telefon und Knacken im Herzen. Der namenlose Sohn, die Hauptfigur des Stücks, fühlt sich von Welt und Menschen grundsätzlich schlecht behandelt, er nimmt und nimmt, Geld, Zuneigung, Zeit, und gibt nichts zurück. Er verlässt sogar seine Frau und seine Kinder, zu viel Verantwortung. Aber dann schlägt das Leben zurück. Nun hat er statt der Familie seinen demenzkranken Vater an der Backe, der nie für ihn da gewesen ist, als er noch ein Kind war. Von seinem kleinen Bruder Phillip braucht er keine Hilfe zu erwarten, der ist zu sehr mit sich selber beschäftigt. Und dann verliert der Namenlose auch noch seinen Job, wegen einem Vorfall im Büro, für den er sich nicht entschuldigen will.

Sein Kopf ist zum Bersten voll mit Schuldgefühlen, mit dem Eindruck, nicht zu genügen, gliechzeitig drängt es ihn, sich von all dem mit einem verheerenden Schlag zu befreien. Gewaltausbrüche und stiller Rückzug ins Selbst sind die Folge. Das Besondere an Stockmanns Stück ist, so klar umrissen und psychologisch seine Figuren auch sein mögen, dass seine Halbsatzsprache so viel Wahres hat, als hätte er sie gar nicht erfunden. Sehr geschickt lässt er in seinem preisgekrönten Stück (2009: Stückemarkt des Theatertreffens, Heidelberger Stückemarkt) die Sympathien immer wieder von einer Figur zur anderen überspringen. Auf welcher Seite steht man eigentlich? Aber gleichzeitig bleibt da diese seltsame Distanz. In Dominique Schnizers Inszenierung, auf dieser weiß-rot-kargen Bühne, konzentriert sich alles so stark auf den Hauptdarsteller (Daniel Stock), dass die anderen Figuren unscheinbar bleiben, als wären sie nur um den namenlosen Sohn herum gruppiert. Dies mag aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass die eigentliche Hauptdarstellerin (Monika Wiedemer als Lisa) kurzfristig erkrankte und durch Susanne Buchinger vom Schauspiel Frankfurt ersetzt werden musste. Ihr Ablesen vom Blatt nahm der Aufführung immer wieder die Fahrt.

Am Ende bleibt eine Frage: War der Namenlose eigentlich schon immer so oder ist sein Egozentrismus ein Produkt seiner Umwelt? Wieviel von ihm steckt in uns allen drin? Für den “Mann der die Welt aß” zählt das Jetzt. Seine Vergangenheit besteht nur aus traurigen Bruchstücken, und die Zukunft verspricht keine Aussicht auf Besserung.

3 Comments to “Knacken im Herzen”

  1. avatar Lena Rittmeyer says:

    Ich konnte mich ja irgendwie nicht so recht mit dem Daniel Stock anfreunden, worauf mir ein älterer Herr nach der Aufführung erklärt hat, dass das mit seinem ‘tautologischen Schauspielstil’ zusammenhängt. Er spielt eitel, ist aber gleichzeitig auch eitel. Oder so. Ich hab’s nicht ganz verstanden.

  2. avatar Karl Wolfgang Flender says:

    ja, genauso hat er das erklärt. ich fand ihn ganz gut – auf eine unsympathische art & weise

  3. [...] eine deutsche Produktion: “Der Mann, der die Welt aß”. Da wurde für meinen Geschmack zu viel geredet. More about: Allegretto Albania, Blutrache, Stefan [...]

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