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Die Tage haben Farben


Ich weiß nicht, welcher Tag heute ist. Das verschwimmt alles, wenn man jeden Tag zeitloses Theater sieht. Ich stehe also im Zelt und habe nach zwei Vorstellungen hintereinander unglaublichen Hunger, verheißungsvoll leuchtet das Buffet vor mir auf. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Oh nein, heute ist der lindgrüne Tag! Ich wühle nervös in meinen Hosentaschen, hoffentlich habe ich sie dabei, bitte mach, dass ich sie nicht in der Redaktion oder im Hotel vergessen habe!, ah, da ist er: der lindgrüne Essenscoupon für heute!

Ansichten aus einem Kellerloch: Tackern Praktikanten hier um ihr Leben?

Dazu kommen noch zwei Getränkecoupons, alle liebevoll von Praktikantenhänden zusammengetackert. Während ich also noch dastehe und auf das Essen warte, rechne ich mir aus, wieviele Coupons es gibt, wieviele Tackernadeln, wieviele Stunden hier fleißige Praktikanten in irgendeinem Praktikantenraum getackert haben. Die durchschnittliche Verweildauer der Produktionen ist vier Tage, jede Produktion ungefähr 15 Theaterleute, es gibt 20 Produktionen (exklusive der Eigenbeiträge): macht 3.600. Ungefähr 20 Paten, ca. 10 Tage anwesend, 600. Praktikanten, Forumsteilnehmer, Organisatoren, 2.100. Insgesamt 6.300 Coupons, macht 2.100 Dreierpäckchen. Puh, da bluten ja die Finger. Während ich überlege, wieviele Sekunden ich für ein Dreierpäckchen veranschlagen kann, reicht mir der nette junge Mann hinter der Theke einen Teller.

Ich bin völlig levitiert. Hinter mir leuchtet das informierte Wasser.

Nachdem ich tagelang in der Redaktion nur von levitiertem Wasser “informiert” wurde, möchte ich nach dem Essen im Zelt zu meiner Vollmondabfüllung übergehen. Für einen Coupon bekomme ich ein 0,5 Weizen, soweit so gut. Aber für eine große Cola muss ich zwei Coupons hinlegen, wobei die Bezeichnung “groß” für 0,3 l ein Witz ist, wenn “klein” 0,2 l bezeichnet. Ein Rotwein wiederum kostet auch zwei Coupons oder vier Euro. Ich bin verwirrt und nehme sofort einen großen Schluck. Aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie die benutzten Coupons von den Barleuten achtlos in einen großen Sektkühler geworfen werden. Was könnte man mit diesen Coupons nur alles machen!

“Guckt mal, da hinten ist Mark Ravenhill!” rufe ich und greife schnell in den Sektkühler. Eine Hand schließt sich wie ein Schraubstock um mein Handgelenk, die Coupons entgleiten meinen Fingern, nein, bitte nicht, ich war meinem Ziel so nahe… ich blicke hoch, der Küchenchef stiert mich an. Hoffentlich levitiert er mich nicht, der Banause. Um ihn abzulenken, hätte ich besser nach Jamie Oliver oder Tim Mälzer rufen sollen…

Meine kleine Gourmetkritik.

4 Comments to “Die Tage haben Farben”

  1. avatar Bruno says:

    Super! Macht Spaß! Und guten Appetit… =)

  2. avatar Darkwing Duck says:

    Ah, Bruno, ich war ja schon besorgt um Sie, als ich gestern einen kritischen Kommentar lesen musste. Aber wie ich sehe, haben Sie sich gefangen. Jeder hat wohl mal einen schlechten Tag.

  3. avatar Bruno says:

    Die Frage ist da eher, lieber Herr Duck, ob Sie mal einen guten haben?!

  4. avatar Darkwing Duck says:

    Da warten wir mal ab, wie das Spiel heute Abend endet. Das abstruse Märchen, Karl Wolfgang könne etwas Unrechtes tun und Coupons rauben, hat mir Fußballpöbel leider nichts von meiner Nervosität nehmen können.

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