Jogi Löws Gazellenensemble spielt in der Wiesbadener Goldgasse: eine Fußballkritik.
In ihren schwarzen Kostümen und im Kontrast zu den gegnerischen Akteuren in den blendendweißen Leibchen wirken die Akteure wie eine moderne Version von Shakespeares Capulets und Montagues. Die Gang-Performance ist alles andere als statisch. Der Auftritt des staatlichen Tourneetheaters Deutschland auf der größten Freiluftbühne Afrikas erfordert Nerven wie Drahtseile. Es ist eine doppelte Premiere: Regisseur Jogi Löw debütiert mit seinem staksigen Gazellenensemble bei den Weltfestspielen und die wiederum finden zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent statt. Deutschland gegen Ghana im „Theatre-Slam“. Sein oder Nicht-Sein. Es gibt keinen Stücktext, keine Handlung, wer improvisierend überzeugt, gewinnt das Performance-Battle.
Das hat in den kommenden neunzig Minuten immer mal wieder misslungene Soli und mitreißende Duellszenen zur Folge. Gänzlich langweilig wird es nie auf der grandiosen Arenabühne in Johannesburg, die durch einen ovalen Glasfaserrahmen klare Konturen erhält. Das anfängliche Beschnuppern der ausschließlich männlichen Akteure mündet dann allerdings doch in eine langatmige Querpasschoreografie. Die Inszenierung könnte sich in Richtung einer harmlosen Koproduktion entwickeln. Die Ensembleleistung schwankt zwischen solider Qualität, enttäuschender Mittelmäßigkeit und glücklichen Glanzmomenten, etwa wenn der Protagonist Lahm den starken Auftritt eines Ghanaers durch eine beherzte Pirouette unterbricht. Unbeabsichtigt komisch wird es, wenn zwei deutsche Performer (Khedira, Schweinsteiger) sich gegenseitig bei ihren Soli behindern und wie balgende Kinder purzeln. In solchen Erzählpassagen kommt das gegnerische Ensemble technisch einfach besser daher und lässt den Deutschen kaum Raum zur künstlerischen Entfaltung.
Dafür ist in Löws Truppe Leidenschaft und Einsatz zu spüren. Die Klose-Umbesetzung Cacau agiert temperamentvoll, während der als Nachwuchsschauspieler des Jahres nominierte Müller mit rehhafter Eleganz überzeugt. Die erhoffte Klimax bringt dann aber doch ein Solo-Einsatz des bis dahin wenig überzeugenden Özil, dessen energischer Körpermonolog dem Ensemble letztlich den Sieg bringt. Da sieht es so aus, als sei Löw der Verlängerung seiner Intendanz einen Schritt näher gekommen. Die Unterstützung der Schauspieler ist ihm so oder so sicher: Ruft der Löw, kommen die Jungen. Zuletzt waren die von Machtbestrebungen und Eitelkeiten geprägten Verhandlungen zwar ins Stocken geraten. Löw allerdings konzentrierte sich in den Endproben ganz auf die Planung seiner afrikanischen Spielzeit. Der zuständige Kulturdezernent Zwanziger wirkt beeindruckt.

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