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Ritterliche Kreise


Joël Pommerats “Kreise/Fiktionen”, ein Spiel mit Dunkelheit.

Nebulöse Lichtexzesse. Foto: Martin Kaufhold

“Un spectacle” übersetzt man ganz neutral “Theatervorstellung” ins Französische. Doch was Joël Pommerats “Cercles/Fictions” angeht, kann man seine Vorstellung auch im Deutschen ganz beruhigt ein Spektakel nennen. Aber worum geht es überhaupt, wenn Pommerat eine Unmenge von Szenen aneinander reiht und sie in einem fast vollständig dunklen Amphitheater spielen lässt. Da wäre die Aristokratin, die nicht versteht, dass die Krankheit ihres Babys ernst ist. Das Baby stirbt. Weiter ein Aristokrat, der auf der Gleichheit zu seinen Dienern besteht, um einem von ihnen seine Liebe gestehen zu können. Und schließlich der Mann, der im Parkhaus eine Pennerin trifft, die ihm prophezeit, er werde am nächsten Tag einen Sprung auf der Karriereleiter machen.

Sie nennt ihn “Ritter”. Dann fordert das selbsternannte Dornröschen den Beischlaf, damit ihre Vorhersage eintritt. Märchenmotive dringen in die Wirklichkeit ein, Wunschdenken wird zur Kausalität. Et voilà, die Prophezeiung erfüllt sich, während ein ansonsten erfolgreicher Topmanager bei der nächtlichen Organsuche für seinen todkranken Sohn ins Reich der Penner absteigt, um dort tragischerweise zu versagen, und ein Haustürverkäufer die Bibel des Erfolgs feil bietet. Glück ist eine Ware, man kann sie kaufen, trägt man sich nur selbst zu Markte. Doch sich verkaufen macht nicht immer glücklich.

Pommerat reiht Erzählfragmente, verbindet sie durch Leitmotive und lässt alles sich im Kreise drehen. “Kreise/Fiktionen” erzählt von diesem Gefühl, nicht vorwärts zu kommen. Da sind aber auch gesellschaftskritische Momente, in denen Pommerat hohle Erfolgsstories der Fallhöhe des Theaters aussetzt. Begriffe wie Oben und Unten werden fraglich. Im Kreis ist eh alles eins, auch wenn der Franzose alles gibt, mit der handelsüblichen Bühne des Staatstheaters Wiesbaden auf keinen Fall zufrieden ist und ganz einfach seine eigene mitbringt. Und die ist, wie könnte es anders sein, ein Kreis, allerdings ein schwarzer, um den herum die ebenfalls schwarzen Zuschauerränge wie im Amphitheater ansteigen.

Pommerat spielt mit Dunkelheit. Was geschieht ist immer zuerst in der Dunkeln hörbar, bis das Geschehen dann mit geschickten Lichteffekten aus der Dunkelheit erlöst wird. Das erzeugt Spannung. Besonders wirkungsvoll setzt die Regie das Ritter-Motiv in Szene. Der ist eine mystische Erlösungsfigur, die die Frage nach den guten Werten der Gesellschaft stellt. Hoch zu Ross hüllt Pommerat ihn als Schlussbild in dichten Nebel und versorgt einmal mehr alle Sinne, in dem er die atmosphärischen Bilder von einem französischen Parfumier olfaktorisch aufwerten lässt.

Steht das Quadrat seit jeher für das Weltliche, ist der Kreis ein Symbol für das Übernatürliche, Entrückte. Doch gelingt die Entrückung der gesellschaftlichen Wirklichkeit, gelingt die Quadratur des Kreises? Pommerats Gesellschaftskritik wird in seiner surrealen Überhöhung durchaus deutlich, fraglich ist allerdings, ob es dabei unbedingt nach Wald riechen muss.

Und dann wäre da noch “Macbeth”. Pommerat verweist gerne auf Shakespeares machtgeilen Königsanwärter, muss sich aber der Frage stellen, ob seine Erzählfragmente der Vorlage stand halten können. Am Ende sieht es so aus, als könnten sie das tatsächlich. Mehr noch. Pommerat betrachtet die Geilheit auf Erfolg differenzierter und parodiert die vorgebliche Gleichheit der Menschen in einer ja doch hierarchisch organisierten Gesellschaft. Dagegen steht der Regisseur des Abends, der zu hotblood.org oft mit rauchschwadigen Bilder im Halbdunkel verzaubern will und immer wieder in gefährliche Nähe eines lieblich pompösen Theaters gerät. Da wird es dann seicht, beinahe kitschig, wenn er mit Chansons aufwartet und sich das ganze Publikum bei den kreisenden Disko-Lichteffekten fröhlich mitzudrehen scheint. Als müsste seine Gesellschaftskritik, einem schüchternen Mädchen gleich, den Lichtexzessen der Disko ausweichen.

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