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Extrablatt!


Bei einem Kurzeinsatz als Zeitungsmädchen stelle ich fest: Nur weil etwas gratis ist, geht es noch lange nicht weg wie warme Semmeln.

Die Autorin als motiviertes Zeitungsmädchen. Foto: Karl Wolfgang Flender

Heute bin ich für eine Viertelstunde ein Zeitungsmädchen. Es ist sechs Uhr abends, kurz nach Feierabend, in der lebhaften Kirchgasse in Wiesbaden. 50 Exemplare des “print|blog” sollen unter die Leute gebracht werden. Meine Arbeitskollegen sind schon da, zwei Statisten des Hessischen Staatstheaters. Sie überreichen mir eine Stofftasche mit Zeitungen, gefühlte fünf Kilo. Ich bin dran. Zum Glück bleiben sie nicht in meiner Nähe, gegenseitige Konkurrenz können wir jetzt gar nicht gebrauchen.

Die Leute auf der Straße sehen alle sehr beschäftigt aus. Mir fallen verschiedene Geschäftigkeitsgrade aus: schlendernd, bepackt und gestresst. Um aufzufallen, verlangsame ich mein Schritttempo und bleibe schließlich stehen. Exakt in der Straßenmitte. Für die maximale Aufmerksamkeit in der hektischen Einkaufsmeile. Mit ein paar Exemplaren lässig über den Arm gehängt, scheinen mir die Passanten schon von Weitem meine Absicht anzusehen. Sie winken argwöhnisch ab, bevor ich überhaupt dazu komme, meinen Verkäuferinnencharme unter Beweis zu stellen.

Gerade will ich aufgeben, da geht mein Plan auf. Einige gehen langsam auf mich zu, werfen aus der Nähe einen Blick auf das Titelblatt und nehmen mir mehr beiläufig als wirklich enthusiastisch eine Zeitung ab. Juchuh, Erfolgserlebnis! Aber warum so desinteressiert? Ich will euch doch nichts, möchte ich hinterherrufen, ich will euch beschenken. Alles gratis! Aber ich wurde eines Besseren belehrt. Das nächste Mal, wenn ich mich als Zeitungsmädchen mit Schweizerischem Charme versuche, wende ich marktschreierische Methoden an und rufe: “Extrablatt! Extrablatt!” Mit Höflichkeit kommt man heutzutage nämlich nicht mehr weit.

Verpassen Sie morgen nicht unsere nächste print|blog-Verteilung in Wiesbaden und Mainz! Darin: eine kleine Theatergänger-Tierkunde, ein Interview mit Martin Heckmanns und Lisa Danulat, die WM und natürlich viele Kritiken.

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