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„Allegretto Albania“ verwandelt das brisante Thema Blutrache in ein komisch-absurdes Kammerstück.

Das Lob des Computers: die Moderatorin preist ihre Geschenke an. Foto: Lena Obst

Eine vierköpfige Familie ist in ihrem Haus gefangen. Bei verbarrikadierten Fenster und Türen halten die Söhne mit dem Fernglas Ausschau und polieren Schusswaffen, der Vater jammert, die Mutter brutzelt Kartoffeln. Der entfernte Verwandte Satedin hat einen jungen Mann umgebracht und dessen Clan sinnt jetzt auf Blutrache am Familienoberhaupt. Den einzigen Kontakt zur Außenwelt bilden eine tussige TV-Sprecherin und ein Lehrer, beide von einer Hilfsorganisation beschäftigt.

Autor Stefan Çapaliku und Regisseur Altin Basha vemeiden in „Allegretto Albania“ geschickt die Moralpredigt und finden stattdessen einen angenehm leichten und unterhaltsamen Zugriff auf dieses hochpolitische Thema. Die Inszenierungsideen dienen immer dem Text und bauen effektvoll eine Drohkulisse auf. Während Paragraph für Paragraph der „Kanun“, ein in Albanien mündlich überlieferter Regelkodex für Blutrache rezitiert wird, stellen die Söhne sich mit verbundenen Augen wie vor einem Erschießungskommando auf die Aussichtsplattform ihrer Holztürme. Ein zweiter eiserner Vorhang öffnet sich und gibt den Blick auf Hauswände frei, die über und über mit dem verhängnisvollen Gesetzestext beschmiert sind. Die immer bedrückender werdende Isolation der Familie dringt im Verlauf des Stücks bis in die kleinsten Dinge des Alltags vor. Der ältere Sohn darf nicht einmal zum Kartenspielen seinen Posten verlassen und wirft die Karten von drei Metern Höhe auf den Tisch.

Hier lebt eine richtige Familie. Mutter und Vater (Olta Daku und Mirush Kabashi) liefern sich heftige Ehegefechte und kämpfen in jeder Dialogzeile um die Oberhand, stehen am Ende aber zusammen da. Die Söhne (Xheni Fama und Gazmend Paja) sind mal glänzend aufgelegt und stopfen sich mit Spaghetti voll, mal eher verstört und ballern in der Gegend herum. Berührend wird das Stück, wenn der Vater gegen Ende die Sünden seines Lebens bekennt und die Söhne ihn ungewollt belauschen.

Die herrlich überdrehte Nachrichtenmoderatorin (Klea Rondo) entlarvt sich, wenn sie wie in einem Werbefilm ihre Hilfsgüter für Krisengebiete anpreist und sich mit der Handkamera vor der tristen Kulisse filmt. Ihre Selbstinszenierung als Gutmensch erinnert sehr an den Charity-Tourismus, der zur Zeit im Westen Konjunktur hat. Auch übt das Stück ironische Kritik an der Weltfremdheit mancher Nichtregierungsorganisationen, die auf so absurde Idee kommen, verfeindete Familien könnten sich “per Intranet” näherkommen. Als der Vater die erste Nachricht von satedin@hotblood.org abschicken will, fragt die Mutter entgeistert: „Du willst die Blutrache per Email regeln?!“

Mäßig schnell, wie die musikalische Tempoangabe Allegretto im Stücktitel vermuten lässt, ist hier jedenfalls gar nichts. Ein absurder Moment jagt den nächsten, auf eine Robert-de-Niro-Taxidriver-Parodie folgt eine Schulstunde über das Laichen der Frösche oder der Auftritt eines Mörders, der zum vermeintlichen Retter wird. Ein Wermutstropfen allerdings ist die deutsche Simultanübersetzung, die permanent fünf Sekunden dem albanischen Text hinterherhängt.

One Comment to “hotblood.org”

  1. [...] ALBANIEN. Allegretto Albania: [...]

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