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Ich bin eigentlich kein Frühstücker


Russische Winter und Sonnenuntergänge im französischen Avignon: Yvonne Büdenhölzer, eine Reisende in Theaterwelten.

Weißrussische winterliche Weiten. Valery Anisenko, Yvonne Büdenhölzer und Andrej Kurejtschik. Foto: privat

Sieben Minuten vor dem Gesprächstermin. Wo liegt eigentlich Yvonne Büdenhölzers Wiesbadener Apartment? Plötzlich flitzt die 33-jährige Festivalmanagerin auf ihrem Fahrrad vorbei. Die kurzen blonden Haare wehen im Fahrtwind, dann biegt sie rechts ab. Oben dann in der Wohnung, die den spartanischen Charme einer Übergangslösung ausstrahlt: „Ich geh immer zu spät los, auf den letzten Drücker. Und ich habe diese schlechte Angewohnheit, es auch noch gut zu finden, wenn ich mit der Rolltreppe am Gleis ankomme und der Zug gerade einfährt.“ Aber auf ihren Reisen habe sie trotzdem noch nie ein Flugzeug verpasst, fügt sie ein bisschen stolz hinzu. Nicht allein ihr Verdienst. Denn Maya Schöffel, die organisatorische Leiterin von NEUE STÜCKE AUS EUROPA, kümmert sich neben der Stückrecherche auch um die Planung der Auslandsaufenthalte. Zug- und Busfahrpläne, wichtige Telefonnummern, Übersetzer, alles perfekt vorbereitet.

Weniger reibungslos läuft es, wenn Yvonne Büdenhölzer die Sache mal selbst in die Hand nimmt. „Meine zweite Reise ging nach Avignon, wo der Bus nur alle paar Stunden vom Hotel zum Festival fuhr“, erzählt sie. „Und weil ich nicht so viel Geld auf Festivalkosten für Taxen ausgeben wollte, bin ich getrampt. Mehrfach. Einmal hat so ein großer Truck angehalten, und der Typ hat mich mitgenommen. Irgendwann fuhr er in eine andere Richtung und meinte nur ‚Jaja, er würde jetzt dann hinten rum, das sei schneller‘. In dem Moment hab ich so eine Angst bekommen! Aber er wollte wirklich nur nett sein und mich direkt am Festivalzentrum absetzen.“

Grillen im Schnee

Zum Stückesichten war sie schon in so vielen Ländern, dass sie eine Liste braucht: Bosnien-Herzegowina, Island, Schweden, Luxemburg, Ungarn, Finnland, Serbien, Bulgarien, Großbritannien, Portugal und Weißrussland hat sie von Oktober 2009 bis Januar 2010 bereist. Unverschämte Geschäftsleute sind ihr begegnet, die Ellbogenstöße verteilen und im Flugzeug ihre Zeitung mit weit ausgebreiteten Armen lesen.

Aber da sind auch die vielen gastfreundlichen, hilfsbereiten und warmherzigen Menschen. „Für die ist das ganz einfach so, dass da eine Fremde kommt, und die wird erst mal gut, als Gast behandelt.“ So war das auch in diesem strengen Winter in Weißrussland, als sie den Theatermacher Valery Anisenko traf, der sie zusammen mit dem weißrussischen Paten Andrej Kurejtschik zu sich nach Hause zum Grillen im Schnee einlud. Draußen im Garten zeigte er ihr dann noch sein selbst gebautes Freilufttheater, in dem er im Sommer Tschechows „Drei Schwestern“ spielte.

So ist das auf den Touren der Extremsportlerin in Sachen Theater. Yvonne Büdenhölzer trifft zwar ständig spannende Menschen, die meisten ihrer engen Freunde allerdings leben in Berlin. Ist sie für NEUE STÜCKE AUS EUROPA unterwegs, meldet sie sich zu Hause in der Hauptstadt ab und taucht erst mal unter. Dann, auf Reisen, bleibt kaum Zeit für die Daheimgebliebenen. „Meinem Patenkind schicke ich aus fast jedem Land eine Postkarte. Damit es mich nicht vergisst.“ Und zum Telefonieren vereinbart sie Termine, sowohl für Freunde und Familie als auch für die Festivalkollegen aus Wiesbaden.

Ihr „Hotel-Office“ schlägt sie meistens in der Lobby oder im Zimmer auf. Aber Hotels sind nicht immer der ideale Ort zum Aufhalten und Arbeiten. „Schlimm war eins in Rumänien. Das soll jetzt nicht verwöhnt klingen, aber das war ein altes Grand Hotel an einer großen Straße und so laut, dass man trotz Ohropax nicht schlafen konnte, und das Personal war auch so was von unfreundlich.“ Und wie ist das mit Erwartungen und Klischees? Im Fall Rumänien treffe das mit der Armut leider zu, sagt Yvonne Büdenhölzer. „Die Gesellschaft klafft extrem auseinander. Es gibt einerseits diese ganzen Boutiquen von Gucci bis Prada und andererseits bettelnde Kinder. Dazwischen nichts“.

Last Minute Lady

Jeder Aufbruch bedeutet, dass sie sich wieder neu auf ein Land einlassen muss, was unter anderem auch Auswirkungen auf den Lebensrhythmus hat. „Ich bin eigentlich kein Frühstücker, aber im Hotel frühstückt man irgendwie doch.“ In Island ist das allerdings so eine Sache. Wann soll man dort frühstücken, wenn es doch immer dunkel ist? Zum Aufwachen sichert die charmante Last Minute Lady sich doppelt ab: mit Handywecker und Portier-Weckruf.

Die Tage dann sind lang. Nach Konferenzen, Hotel-Office, Sightseeing, Treffen mit Intendanten steht meist ein ausführliches Abendprogramm auf dem Plan. Schließlich sind Theatervorstellungen das eigentliche Reiseziel, auch wenn auf der Bühne plötzlich Ungarisch gesprochen wird. „Da ist man schon mal dankbar, wenn einem jemand während der Vorstellung die Übersetzung ins Ohr flüstert. Man greift halt nach jedem Strohhalm.“ Auch beim Essen sollte man immer zugreifen, wenn es gerade etwas gibt, empfiehlt sie. „In den anderen Ländern gibt es ja nicht diese Laugenbrezeltheaterkultur wie in Deutschland.“

Länderübergreifend dagegen sind die Zeichensysteme. „Es gibt überall eine ähnliche Struktur. Du betrittst ein Theater und weißt, wie du dich da verhalten musst.“ Mitunter verhalten sich nur die Schauspieler und Zuschauer am Ende der Vorstellung anders: In Ungarn wird einheitlich rhythmisch geklatscht und in England nur, solange es dunkel ist. Geht das Licht an, gehen alle schnurstracks nach Hause. In Osteuropa holen sich die Schauspieler ihre Blumen Backstage ab und nehmen sie zum Verbeugen mit auf die Bühne. Und in Edinburgh erlebte Yvonne Büdenhölzer eine krasse Alternative zur heiligen deutschen Theaterkultur: eine Popcornmentalität, bei der die Leute mit Colabechern im Zuschauerraum sitzen.

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