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“Die Langeweile gehört zum Theater”


Lukas Bärfuss, Schweizer Dramatiker, hat 2008 seinen ersten Roman veröffentlicht: “Hundert Tage”, die Geschichte eines Schweizer Entwicklungshelfers in Ruanda. Nach seiner Lesung im Rahmen der Biennale haben wir uns mit ihm getroffen.

Schweizer Romane, auch etwa von Markus Werner oder Urs Widmer, eint eine sprachliche Geschliffenheit im Erzählen. Gibt es so etwas wie eine Schweizer Schreibsprache?

Möglicherweise liegt das daran, dass wir in einer Disglossie leben. Ich spreche Schweizerdeutsch, schreibe aber Hochdeutsch. Ich muss also von vornherein ganz anders reflektieren, was ich niederschreiben will. Die Distanz ist von vornherein da.

Er will nicht immer wissen, wie es endet: Lukas Bärfuss, Dramatiker und Romancier. Foto: Beatrice Künzi

Das Wort “Ruanda” fällt in “Hundert Tage” nur ein einziges Mal gegen Ende. Wieso?

Ich wollte gewisse Schlüsselworte nicht benutzen, um die gedanklichen Reflexe, die diese Begriffe auslösen, beim Leser nicht zu bedienen. Aus diesem Grund habe ich auch die Begriffe “Hutu” und “Tutsi” kaum verwendet, weil ich ein eigenes Bild transportieren wollte, fern der Vorstellung, die man sich von diesem Völkermord macht.

Darf diese Sparsamkeit mit Ortsnamen auch als Ausdruck der Allgemeingültigkeit interpretiert werden?

Ja, das ist natürlich so. Man muss auch wissen, dass seit 2002 im Osten Kongos über 2 Millionen Menschen umgebracht wurden. In Darfur herrscht ein ähnliches Morden, die Mechanismen sind überall dieselben. Es ging mir also auch darum, das Modellhafte herauszuarbeiten. Das gelingt aber nur, indem man seinen Gegenstand möglichst genau betrachtet und das Spezifische herausarbeitet, um zum Allgemeingültigen zu kommen. Eine Parabel wollte ich nicht schreiben.

“Hundert Tage” ist auch ein Abenteuerroman. Wer waren Ihre literarischen Vorbilder?

Gute Frage. Ich mag Bücher, die mich zum Weiterlesen zwingen und die eine gewisse Übergriffsdramaturgie haben: dass man wissen will, wie es ausgeht. Gleichzeitig bin ich gegen kriminalistische Spannungsdramaturgie völlig immun. Da geht es schon um eine Entwicklung der Verwicklungen in einer Figur. Man muss ja einen Satz schreiben, so dass man auch den nächsten und den übernächsten lesen will. Lesen ist etwas zutiefst Freiwilliges. Es gehört daher zur Aufgabe des Schriftstellers, nur dieses Buch ins Zentrum der Welt zu stellen. Dieses Zwingende ist für mich sehr wichtig.

Inwieweit gilt das auch für Theatertexte?

Die Spannung im Theater ist eine andere. Man ist im Theater gefangen. Zwar kann man den Vertrag auflösen und den Saal verlassen, aber das ist das Ende des Theaters. Der Zuschauer muss im Theater viel erdulden,  auch und gerade seine eigene Langeweile, und deshalb kann der Dramatiker mit anderen Dingen arbeiten, mit größeren Zumutungen. Im Theater will ich nicht unbedingt wissen, wie es endet, sondern ich habe viel mehr den Moment im Auge, will möglichst tief in ihn eindringen. Die erste Aufgabe des Dramatikers ist, die Voraussetzung für diesen Augenblick zu schaffen und möglichst keine Behauptung in die Welt zu setzen, sondern mit den Fakten zu arbeiten.

Heißt das, Langeweile im Theater ist erlaubt?

Sie ist nicht nur erlaubt, sie ist einfach zwingend. Ich habe noch keinen Theaterabend erlebt, der nicht auch seine langweiligen Minuten hatte. Die Langeweile im Theater kann auch ein sehr produktiver Vorgang sein: das Aushalten gewisser Dinge, eine Verlangsamung, auf sich und die eigenen Gedanken, die eigene Existenz  zurückgeworfen zu werden. Ich glaube, die Langeweile gehört zum Theater. Sie tritt meistens – ich habe das gemessen – zwischen Minute 58 und 79 auf.

Vielleicht sind deshalb viele Produktionen hier beim Festival nicht länger als eine Stunde…

Das ist doch die feige Variante!

Hatten Sie neben der Arbeit an “Hundert Tage” auch Zeit zum Stückeschreiben?

Die Recherche hat mich fünf Jahre beschäftigt. Dazu gehörte auch, eine Stimme zu finden. Die Art und Weise, wie man eine Geschichte erzählt, finde ich immer die größte Herausforderung, gerade bei der Prosa. Einen Ton zu finden. Das Schreiben selbst  war dann ziemlich sturzbachartig. In dieser Zeit habe ich auch kein Drama geschrieben, das ging nicht. Ich hatte ziemliche Mühe, danach zurück ins Drama zu wechseln, empfand es als unglaublich beschränkte Kunstform. Ich musste erst wieder Gefallen daran finden, die objektiven Beschränkungen des Theaters zu akzeptieren und mir einen Freiraum darin zu suchen. Theater ist da gnadenlos: Es gibt Dinge, die funktionieren, und es gibt Dinge, die funktionieren nicht. Das kriegt man auch nicht irgendwie hingebogen. Man muss mit dieser Form etwas anstellen, meinetwegen versuchen, die Grenzen zu erweitern. Im Roman ist alles möglich, jede Form: Dialog, essayistische Passagen, Kochrezepte.

Sie haben das Theater als unmoralische Kunstform bezeichnet. Sind andere Kunstformen, etwa Romane, zu moralischer Integrität verpflichtet?

Verpflichtet ist die Kunst zu gar nichts. Man ist ja auch nicht zur Kunst verpflichtet.

Dramatisierungen von Romanen liegen gerade im Trend. „Hundert Tage“ auf dem Spielplan wäre sicher sexy für ein Theater. Wie stehen Sie dazu?

Ich selber könnte das nicht machen. In „Hundert Tage“ ist der verhandelte Konflikt auch mehr ein innerer, während das Theater ja eher globale Konflikte verhandelt, global im Sinne, eine Protagonist gegen seine Welt. Aber grundsätzlich habe ich nichts gegen solche Dramatisierungen, habe selbst eine Bearbeitungen des „Parzival“-Stoffes für das Schauspiel Hannover gemacht. Die Gier nach Stoffen ist an den Theatern riesig.

Fragen: Martin Thomas Pesl

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