Der Finne Kristian Smeds schreibt, inszeniert und filmt, und das in aller Seelenruhe.
Kristian Smeds macht nichts im Eilverfahren. Allein für sein Stück “Gott ist Schönheit” hat er vier Monate mit seinen Schauspielern geprobt, damals für die Uraufführung vor zehn Jahren in Helsinki. Nachdem die Produktion im Premierenjahr dreißig Mal aufgeführt wurde, ist sie heute nur noch selten zu sehen. Einzigartig soll sie bleiben, denn Smeds liegt jede einzelne Aufführung am Herzen. Bevor der gut dreieinhalbstündige Theaterabend beginnt, der nur einmal bei der diesjährigen Biennale zu sehen war, gibt der Regisseur und Autor selbst eine kurze Einführung.

Nimmt sich Zeit für seine Schauspieler und Musiker: Kristian Smeds. Foto: Eeva Bergroth
“Ein paar einleitende Worte tun dem Verhältnis zwischen Bühne und Zuschauerraum gut”, erklärt Smeds. Lässig sitzt er nach Vorstellungsende im Foyer des Kleinen Hauses in Wiesbaden. Seine kräftige Statur und der Bart passen zu dieser sympathischen Coolness. Als Junge habe er den Roman von Paavo Rintala gelesen, auf dem Stücktext und -titel basieren, und sich sofort in den Stoff verliebt. Seitdem reifte seine Idee einer Dramatisierung. Smeds nimmt sich für das Schreiben ebenso wie für Publikum und Probenprozess ausreichend Zeit. Es sei ihm wichtig, dass alle Beteiligten in Ruhe arbeiten können. Smeds arbeitet antizyklisch und setzt auf Langfristigkeit: “Unser Ziel ist es, das Stück so lange am Leben zu halten, wie wir leben”, erklärt er. Und das meint er keinesfalls ironisch.
Für die Wiederaufnahme von “Gott ist Schönheit” hat er das Ensemble einmal mehr zusammengetrommelt. Die Schauspieler und Musiker der Inszenierung gehören zur 2007 gegründeten Künstlergruppe “Smeds Ensemble”, die in Helsinki beheimatet ist und mit Kooperationspartnern in ganz Europa arbeitet. Es ist ein eingespieltes, zusammengeschweißtes Team, fast eine Familie. “Es gibt jedes Mal Überraschungen, als hätte man alle sechs Monate eine Premiere”, beschreibt die Schauspielerin Tarja Heinula die unregelmäßige Probenarbeit. Anfangs sehe er oft nur die einzelnen Teile, ergänzt Musiker und Bildhauer Juha Menna, langjähriger Freund von Smeds. Erst am Ende füge sich alles zu einem Ganzen. “Ich versuche, einzelne, inhaltlich starke Szenen zu bauen”, beschreibt Smeds selbst seinen Regiestil. „Eine fertige Dramaturgie gibt es bei mir nicht.”
Kristian Smeds‘ Arbeit zeichnet sich gleichzeitig durch Offenheit und klare Vorstellungen aus. Wenn der 40-Jährige etwa Ideen für Bühne oder Kostüme hat, hält er an ihnen fest und setzt sie selbst um. Das habe nichts mit Kontrolle zu tun, sondern sei für ihn ganz logisch: “Warum jemanden anrufen, wenn ich letztlich meine eigenen Einfälle durchsetzen will?” Smeds wirkt dabei nicht arrogant, aber ein bisschen besessen – auch wenn er sich selbst als “ziemlich durchschnittlichen Typen” bezeichnet.
Sein Werdegang zeigt allerdings eine klare Fixiertheit auf die dramatische Kunst. Angefangen hat alles mit dem Theater Takomo, das Smeds mit 26 Jahren gründete und in dem er auch eigene Texte inszenierte. 2001 wurde er Intendant des 600 Kilometer nördlich von Helsinki gelegenen Stadttheaters Kajaani, das er in drei Jahren durch seine Stücke und Regiearbeiten über die Landesgrenzen hinaus bekannt machte. Neben seinen Theater-Projekten arbeitet er heute auch mit Film und Video und schreibt Hörspiele. Als Gastregisseur ist er vor allem im baltischen Raum tätig. “Wo ich arbeite, hat natürlich einen Einfluss auf meine künstlerische Entwicklung”, sagt Smeds. Das Theater in Estland, Lettland und Litauen zählt zu seinen Favoriten. Fühlt er sich als Europäer? “Zunächst einmal fühle ich mich als Mensch, dann als Nordeuropäer”, erklärt Smeds und lacht. Die europäische Perspektive der Biennale gefällt ihm. Dass sein Stück hier zu Gast ist, das sollte so sein, da ist er sich sicher. “Das ist vielleicht ein bisschen fatalistisch, aber so bin ich”, sagt er und grinst. Mit Mystik habe das nichts zu tun. Es liegt wohl eher an seiner eigentümlichen Gelassenheit.

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