
Im Buchstabenwald: Szene aus Bettina Erasmys "Das wollt ihr nicht wirklich". Foto: Martin Kaufhold
Die Frau im Aufzug entschuldigt sich, dass es so übel riecht um sie herum. “Das ist der Leim, wenn der über einen bestimmten Punkt ist, stinkt der enorm”, sagt die mit Leimeimern Bepackte. Es geht zur Bühnenprobe von Erasmys „Das wollt Ihr nicht wirklich“. Aufführung: Freitag, 25. Juni, Eigenbeitrag des Wiesbadener Theaters zur Biennale. Regie: Tilman Gersch. Der tigert schon durch die leeren Zuschauerreihen.
Auf der Bühne: Vier riesige Buchstaben aus Holz. Dahinter: eine silberne Glitzerwand. Die Frau aus dem Aufzug pinselt den stinkenden Leim auf die Buchstaben. Schauspielerin Sybille Weiser kommt auf die Bühne. Sie lehnt im kleinen Roten am L, während an ihm herumgefräst wird. Gersch wandert über die Bühne. Schauspieler Jörg Zirnstei setzt sich in die Wölbung des D.
Chefdramaturgin Dagmar Borrmann nimmt links hinten im Zuschauerraum Platz. Vorne rechts: die Souffleuse Simone Betsch. In der Mitte: Regieassistent Dirk Schirdewahn. Vor ihm steht ein Laptop mit der Videoaufnahme der Uraufführung des Stückes in Recklinghausen. Und das Textbuch. In der Mitte rechts: eine theaterinteressierte Praktikantin.
Plötzliche unruhige Stimmung: Diese Probe wird keine Lichtprobe sein. “Jetzt springen wir heute Abend voll ins kalte Wasser, aber dann isses eben so”, sagt Gersch. Alle auf Anfang: Der Ton geht an, tönt vor sich hin. “Stopp”, unterbricht der Regisseur. “Sobald das eine Musik-Motiv aufgeht, müsst ihr schon auf die Bühne, Michael und Sybille.” Michael Birnbaum und Sybille Weiser spielen ein Paar im Wald. Er den Börsenmakler Viktor, sie die Galeristin Marie. “Du hast meinen Namen vergessen”, sagt Birnbaum zu Weiser. Die zählt jetzt viele Männernamen hintereinander auf: “Vincent, Thomas, Dirk…” Gersch unterbricht: “Da hast Du mal mehr gefrotzelt, zieh’ ihn mehr auf.” Auf ein Neues.
Nächste Szene. Jörg Zirnstei macht den arbeitslosen Edgar im Wald. Gersch springt auf, läuft durch die Reihen. “Das ist nicht lustig genug, hat zu wenig Not.” “Aber in Recklinghausen war es doch ok.” Zurück zum Szenenbeginn. Neues Spiel, neues Glück.
Nächste Szene. Michael Birnbaums Viktor hat Viagra gekauft, will seine Gattin beglücken. Dialog zwischen den beiden. Birnbaum hat seine Hand in der Hosentasche. Der Regisseur unterbricht. “Mach’ die Hände aus der Hosentasche, der will ja ficken. Sonst ist aber gut.” Marie krabbelt aufs A. Viktor hinterher, sich hinter ihr positionierend. Sie simulieren Sex. Gersch kommt zur Bühne. “Sybille, man muss die Erlösung in deinem Körper mehr sehen.” Der Regisseur stützt seine Hände auf den Bühnenrand, streckt seinen Oberkörper empor.
Dann kommt Micha, der Wolf. “Sag’ mal, hat hier irgendjemand so ein Übersetzerding im Ohr?”, fragt Michael Günther. “Ja, daran müsst Ihr Euch gewöhnen, das ist heute abend auch so.”
Und nächste Szene.

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