Ein unheilvoller Kinderreim: Die Protagonistinnen in “Hässliches Menschlein” sind familiär und gesellschaftlich ausgegrenzt. (Hier unsere Kritik auf Hessisch).
Auf die Rückwand der Bühne sind Körperumrisse gemalt, als habe die Polizei nach einem Unfall mit Kreide markiert. In der Gemeinschaftsproduktion der türkischen Off-Theatergruppe oyun deposu stehen die Umrisse an der Wand aber symbolisch für das Wunschformat dreier ziemlich lebendiger Frauen in der Türkei, die nicht so sind, wie die anderen sie gern hätten. Und das, obwohl sie doch alle gleichermaßen jung sind und schön und auf der Straße eigentlich nur deshalb auffallen sollten. Anfangs versuchen sie keuchend angestrengt, in das aufgemalte Wunschformat zu passen, verbiegen und strecken sich, und kapitulieren am Ende.
Jede hat ihre eigene, fragmentarische Geschichte. Die Erzählstränge kreuzen sich zwar nie, weisen aber Parallelen auf. Es entstehen Situationen auf der Bühne, die bei den drei Frauen ähnlich verlaufen. Eines haben sie gemeinsam: Sie sind ein Störfaktor in der türkischen Gesellschaft, hängen irgendwo im Nirgendwo zwischen Tradition und Moderne und werden ausgegrenzt. A (Elif Ürse) verbirgt ihr Haar unter einem Kopftuch, denn sie möchte das Erbe ihrer Mutter sichtbar tragen. Gebete auswendig zu lernen, das war als Kind wie ein Spiel für sie. Dann wurde in der Schule plötzlich das Kopftuch verboten: Muslima oder Atheistin, inzwischen weiß sie nicht mehr, was sie glauben soll.
Auch B (Yelda Baskın) ist gespalten. “Wer bin ich, was bin ich?” fragt sie. Ihr Vater ist Türke, ihre Mutter kurdischer Abstammung. Ihren Geschwistern sieht man das nicht an, aber sie selbst ist wie ein Schmutzfleck auf der weißen Weste der Familie. Denn ihre Haut ist dunkel und ihre Augen sind pechschwarz. Sie wurde früher von den türkischen Kindern gemieden, weil die von ihren Eltern gelernt hatten, dass Kurden wild und gefährlich sind, unzivilisierte Höhlenbewohner. Wäre da noch C (Gülce Uğurlu), die Frauen liebt, nicht Männer, und das schon als kleines Mädchen wusste. Damals vertraute sie sich ihrer Mutter an, die aber ganz panisch reagierte und die Tochter zum Arzt zerrte.
Identitätsflicken
Regisseurin Maral Ceranoğlu schafft es mit wenigen, klug gesetzten Mitteln, die Zerrissenheit der drei Frauen, ihre Suche nach Identität und die damit verbundene Ausgrenzung in der Gesellschaft sichtbar zu machen. Immer wenn eine der drei ihre Geschichte erzählt, verbünden die beiden anderen sich gegen sie. Die Konstellationen wechseln, klare Zuordnungen sind unmöglich, ein diffuses Freund- und Feindbild entsteht. Die Erzählende wird umzingelt und geschubst, angegriffen oder ignoriert. So ernst und bedrohlich diese Situationen auch sein mögen: Indem die jeweils Lästernden die keifenden Frauen überzeichnen und mit viel Ironie spielen, erzeugen sie eine zwiespältig komische Atmosphäre.
Besonders Elif Ürse hat komödiantisches Talent, wenn sie die konservative, gestikulierende, schnalzende und überaus abfällig dreinschauende türkische Frau gibt. Das bedrückende Thema vom “Hässlichen Menschlein” wird so nicht erdrückend und das Schwanken der drei Frauen zwischen den Extremen “Anpassung” und “Ausbrechen” ist immer visuell präsent, auch wenn nicht gesprochen wird. Es spiegelt sich in den Kostümen, einer Komposition zusammengenähter Einzelteile. A’s Blümchenkleid und der schlichte Mantel, B’s einfarbiges Kleid und die bunten Flicken, C’s Hose, die irgendwie gleichzeitig auch ein Rock ist.
Ungeliebtes Geburtsmal
Ausgestoßen für etwas, das sie sich nicht ausgesucht haben, für eine Eigenschaft, ein Gefühl, ein äußeres Merkmal, das ihnen in die Wiege gelegt wurde. Die drei Frauen fühlen sich wie eine Figur aus einem Märchen von Hans Christian Andersen, die hässlichen Menschlein sind wie das hässliche Entlein, das viel zu groß ist und tollpatschig und nicht so schön gelb wie seine Geschwister, sondern grau und traurig. Die Entenmutter bemerkt den Unterschied beim Schlüpfen und ist sehr unglücklich. Zwar liebt sie alle ihre Kinder, behandelt sie aber trotzdem nicht gleich. Das hässliche Entlein leidet unter der fehlenden Zuwendung und unter den Geschwistern, die es beißen, verspotten. In Hans Christian Andersens Märchen stellt sich am Ende heraus, dass das hässliche Entlein eigentlich ein schöner Schwan ist. Beim “Hässlichen Menschlein” dagegen werden die Probleme nicht gelöst, die Frauen nicht in die Gesellschaft integriert. Immer nur Widersprüche und Vorurteile. Das Stück endet mit einer aberwitzigen Beschreibung der modernen türkischen Frau.
“Sie nutzt all ihre Möglichkeiten, ist gesellig, lebt in der Großstadt und ist schön.Die moderne türkische Frau hat einen Ehemann mit hohem Einkommen und ist eine gute Hausfrau. Sie ist ausgesprochen frei, eine, die gehen kann, wann und wohin sie will. Sie tut keinen Schritt ohne das Einverständnis ihres Mannes. Sie weiß immer ganz genau, wer sie ist. (…) Wenn es nötig ist, ist sie laizistisch, wenn es erforderlich ist, ist sie gläubig. Die moderne Frau ist unpolitisch.” oyun deposu, diese fünf jungen Künstlerinnen aus Istanbul, sind alles andere als unpolitisch. Sie halten der Gesellschaft, nicht nur der türkischen, einen Spiegel vor. Wie aufgeklärt ist der Westen eigentlich, welche Vorurteile herrschen auch bei uns noch immer vor? oyun deposu stehen für Selbstbewusstsein, Toleranz, Vielfalt und Miteinander. Für eine echte Moderne.


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