Zu Mittag ein Stück Food-Drama

Bei Mark Ravenhill im Forum junger Autoren Europas: drei Workshopszenen mit Zwischenspielen.

Im und um den Nassauischen Kunstverein. Alle Nachwuchsautoren haben sich auf Instruktion von Mark Ravenhill in Pärchen zusammengefunden und über das gesamte Geländer verteilt. In den weiten Räumen auf dem Parkettboden sitzend, am Balkon rauchend oder unterwegs auf einem kleinen Spaziergang. 
Heiđar Sumarliđason aus Island, ein sportlicher Typ mit kurzer Hose, blondem Vollbart und Kaffeebecher in der Hand, erzählt dem Wahlwiener Dominic Oley von einer traumatischen Theatererfahrung:

Die Gedanken schweifen lassen: Autoren machen es sich gemütlich.

Heiđar: Mein Stück „Pieces“ hatte also Premiere und zwei Tage vorher hat die Regisseurin entschieden, fünfzehn Minuten raus zu nehmen. Ich konnte nichts machen, Sie sagte: „Vertrau mir einfach.“ Aber die Aufführung war dann furchtbar. Meine Sätze waren da, aber die Aktionen passten nicht. Es war, als würde ich in ihrer Inszenierung etwas komplett anderes sagen, als ich eigentlich geschrieben habe.
Dominic: Und deshalb inszenierst du jetzt selbst…
Heiđar: Ich hab mich in der letzten Zeit auf Regie konzentriert, ja. Eigentlich habe ich seit drei Jahren nichts geschrieben und dafür ein englisches und ein polnisches Stück inszeniert. Jetzt habe ich mir sogar ein College Musical vorgenommen. Ich möchte mich in allen Theaterbereichen ausprobieren.
Dominic: Und wie geht sich das finanziell bei dir aus?
Heiđar: Es ist nicht leicht. Aber nachdem ich vier Jahre Zeit und Geld in eine künstlerische Ausbildung investiert habe, möchte ich keinen Brotjob machen.

Szene 2
Am Mittwochnachmittag wird das Theaterstück “For Lunch” von Lukáš Brutovský diskutiert. Der slowakische Autor ist ein unscheinbarer und eher introvertierter Typ, spielte in seiner Freizeit aber Gitarre in einer Black Metal Band. Bei Ravenhill werden die Texte immer schon am Vorabend gelesen und am nächsten Tag besprochen. Ravenhill hat die Angewohnheit, die Teilnehmer der Reihe nach aufzufordern, ihre Meinungen zu äußern.

Ravenhill: Fjolla?
Fjolla Hoxha: Ich mag die dynamische Struktur deines Stückes, Lukáš. Es geht Schlag auf Schlag, zack, zack, zack.
Ravenhill: Marijana?
Marijana Ćosić: Ich hab beim Lesen die ganze Zeit „”The End“ von den Doors im Ohr gehabt. Und finde es cool, dass so viel Essen im Stück vorkommt.
Ravenhill: Saara?
Saara Turunen: Ich mag die emotionale Lebendigkeit der Charaktere, dass sie nicht kalt und distanziert herüberkommen. Beim Lesen spürt man sein Vorbild Thomas Bernhard heraus, aber trotzdem hat er einen eigenen Stil.

Negative Kritik kommt nicht. Gehen die jungen Autoren nur sorgsam miteinander um oder sind sie einfach alle Genies? Schon möglich, schließlich lobt auch Ravenhill den Text und dessen Übersetzung ins Englische.

Ravenhill: Ich finde, dass du sehr präzise und sparsam mit den Worten umgehst, Lukáš. Das hat mir gut gefallen.

Ravenhills helle und sommersprossige Hände verdeutlichen in plastischen Gesten das Gesagte, verkörpern die Genauigkeit, von der die Rede ist. In diesem Moment ist es still im Raum.

Kreative Bierzeltgemeinschaft in Kunstraumatmo v.l.n.r.: Mark Ravenhill, Segor Hadžagić, Katerina Momeva, Lukáš Brutovský, Helena Tornero, Marijana Ćosić, Heiđar Sumarliđason Fotos: Valerie Kattenfeld

Lukáš: Es ist das erstes Theaterstück, in dem ich bewusst kurze Sätze benutze. Zuvor habe ich mehr prosaisch geschrieben und nie so darauf geachtet, die richtigen Wörter zu finden. Aber hier muss ich bei der Wortwahl sehr genau sein.

Mit seinen 21 Jahren gehört Lukáš Brutovský neben seinen Kollegen in den Enddreißigern praktisch zum Nachwuchs des Nachwuchses. Ravenhill war von seinem jungen Alter ziemlich überrascht.

Rückblende

Ravenhill: Wow! You are a baby!

Gegenwart

Ravenhill sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl, die Arme verschränkt. Ein Tigertattoo schaut unter seinem schwarzen T-Shirt mit Großstadt-Skyline hervor. Während er aufmerksam zuhört, spielt er mit seinem I-Phone, das aus der Hülle rutscht. Einmalig und daher erwähnenswert sind Ravenhills schwarze Lacksportschuhe, die er jeden Tag anhat.

Szene 3
Zurück zu Lukáš Brutovský. Mitten in der Diskussion zu “For Lunch” kommt Segor Hadžagić herein. Er ist zu spät, weil er noch den Katalog für ein Filmfestival im Sarajevo fertig machen musste.

Ravenhill: Wie war die Arbeit, Segor?
Segor: Gut!
Ravenhill: Du solltest dir im September unbedingt Lukáš Stück anschauen! Lukáš, eine Party wird es dann doch auch geben, oder?
Lukáš: Normalerweise schon! Das hoffe ich doch!

Segor setzt sich auf den freien Platz neben Ravenhill und beginnt, in unserem “print | blog” zu blättern. Lukáš Stück konnte er nicht mehr lesen, insofern kann er der Diskussion wenig abgewinnen. Bei einer Stelle jedoch horcht Segor dann doch auf.

Ravenhill: Der Schluss des Stückes ist sehr stark. Als Autor hat man großes Glück, wenn man von Anfang an weiß, was das letzte Bild oder die letzte Replik sein wird. Dann kann man sein gesamtes Stück daraufhin aufbauen und zuspitzen.

Interessieren Sie sich für andere Blog-Einträge zu den verschiedenen Nachwuchsforen während der Biennale? Zur Gesamtliste geht es hier.

2 Comments to “Zu Mittag ein Stück Food-Drama”

  1. Lukáš Brutovský Lukáš Brutovský says:

    ich ist nicht mein erster Stueck, es ist mein erstes Stueck, in welchem keine Diakritik benutzt wird, und hauptschaechlich mit kurzen saetzen gearbeitet wird.
    Als ich von Prose sprach, meinte ich, dass die anderen 2 Stecke in “prosaischer sprache” geschrieben wurden.
    Und die blackmetal band habe ich vor 4 jahren verlassen :-)

    Danke,
    Lukáš

  2. Lieber Lukás!
    Vielen Dank für deine Hinweise, ich werde das gleich ausbessern im Text!
    Und tut mir leid, dass ich das falsch verstanden habe!

    Liebe Grüße, Valerie

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