Immer wieder sitzen Menschen auf Podien und diskutieren über die Festung Europa.
Wenn wir das zehnte Jubiläum der Biennale begehen, feiern wir dann auch automatisch Europa? Feiern wir die Reisefreiheit, den Euro, das Zusammenwachsen und den Frieden, wo sich noch vor 20 Jahren scheinbar unüberwindbare Fronten gegenüber standen? Soweit so gut? Dann aber auch das Europa, in dem Konzerne Arbeiterschaften gegeneinander ausspielen können, indem sie drohen, Fabriken zu verlegen? Das Europa, in dem wir uns aus dem Osten unterbezahlte Pflegekräfte für unsere Eltern kommen lassen können? Das Europa der Bürokratie und der Sexarbeit?
Aber immer nur Fragen zu stellen, ist keine produktive Herangehensweise. Die Festung Europa können wir nur von innen beschreiben; wir schotten uns in der Festung ab und kommen nicht heraus:
Feiern wir also EU-Agrarsubventionen, die dem Kleinbauern nichts nützt, wohl aber den Agrarkonzernen! Feiern wir wirtschaftlichen Imperialismus, ja, auch Kampfeinsätze zur Durchsetzung unserer Interessen! Feiern wir Horst Köhler, der sich gerne mit schwarzen Kindern fotografieren lässt und sich als Chef des Internationalen Währungsfonds schon als großer Afrika-Freund profiliert hat! Feiern wir kulturellen Imperialismus, bauen wir ein Opernhaus und ja, vielleicht auch eine Schule und ein Krankenhaus, wenn das denn gefordert wird!
Machen wir aus Lampedusa unser Ellis Island und stellen auf dem Festland eine Statue auf! Nennen wir sie die Scheinheiligkeitsstatue, in der hochgereckten Faust einen Bündel Euroscheine! Die altbekannte Inschrift der Lady Liberty wird uns dann in einem ganz neuen Lichte erscheinen:
Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!

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