Wie kommen politische Themen in Theatertexte? Der isländische Regisseur Jón Páll Eyjólfsson, die türkische Schauspielerin und Autorin Ceren Ercan und der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri sprachen über die Entstehung ihrer Stücke. Während es in „Liebe Isländer“ um die Verarbeitung der Finanzkrise geht und sich die drei Frauen von „Hässliches Menschlein“ in einer Gesellschaft behaupten müssen, die sie ausstößt, versuchen die Figuren in „Wir sind hundert“, die Welt zu verändern. Ausgewählte Statements der Podiumsdiskussion „Wirkungsmöglichkeiten politischer Themen auf dem Theater“.
Jonas Hassen Khemiri: Bei der Entstehung von „Wir sind hundert“ hatte ich Zweifel, ob meine Arbeit einen politischen Wert hat. In dem Stück geht es auch um die Schwierigkeit, die Welt mit Worten zu verändern. … Ich habe viel über Politik nachgedacht, habe politische Ansichten. Mein Problem ist nur, dass die sich alle 20 Sekunden ändern. … Wenn ich über politische Themen schreibe, will ich keine einfachen Lösungen anbieten, sondern eine Ambiguität aufrecht erhalten.
Jón Páll Eyjólfsson: Das gesamte Repertoire eines Theaters muss irgendwie politisch sein. Man sollte immer in der Lage sein, die Gesellschaft, in der wir leben, zu kommentieren, politisch Stellung zu beziehen. … Als sich durch den Kollaps in Island alles geändert hat, mussten wir mit unserer Gruppe Mindgroup darauf schnell reagieren. So ist die Trilogie entstanden, zu der auch „Liebe Isländer“ gehört. Das ist unsere Antwort auf das Geschehene. … Wir bereiten jetzt den dritten Teil der Trilogie vor. Wir hoffen, dass es dann kleine Hoffnungsschimmer geben wird. Mal gucken, was in der Politik passiert, ob die Politiker sich zusammenreißen. Das wird dann das Thema sein.
Ceren Ercan: Der Titel des Podiums erscheint mir sehr provokativ. Theater als Wirkungsmacht des öffentlichen Raums – das ist sehr selbstreferenziell, ein Klischee unter Theaterleuten. Man muss sich fragen: Warum machen wir Theater? … Ein Ausgangspunkt der Arbeit „Hässliches Menschlein“ war, sich mit Geschehnissen auf der Straße zu beschäftigen. Das ist in der Türkei ungewöhnlich. … Unser Verständnis als Autorenkollektiv oyun deposu: das Theater als Medium für die öffnen, die sonst nicht ins Theater gehen. … In unserer Arbeit haben wir versucht, öffentliche und private Themen und Identitäten zu verbinden. Wir arbeiten und diskutieren kollektiv, ohne Hierarchie. … Es gibt in der Türkei eine ungesunde Beschäftigung mit dem Thema „moderne Frau“. Das geht über in die Politik und dann in die Kunst. Wir glauben an die Notwendigkeit, diese Themen (Homosexualität, Kurdischsein, Glauben) auf der Bühne zu diskutieren. Ob wir bei den Zuschauern etwas an Vorurteilen ändern konnten, wissen wir nicht. … Eine lesbische Theaterkritikerin hat uns den Vorwurf gemacht, dass wir uns für das Kopftuch aussprächen; ein kurdischer Kritiker meinte, Homosexualität sei kein politisches Thema, mit dem man sich auseinandersetzen sollte. Die Kritiker haben die Vorurteile also weitergetragen.

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