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Die Krise ist überall


Europas Theater unter dem Druck der Finanzturbulenzen

Das Theater eines ganzen Kontinents zu skizzieren, überforderte bisher einen einzelnen Berichterstatter. Selbst dann, wenn er berufsmäßig in vielen Ländern unterwegs ist. Doch seit eineinhalb Jahren ist das positive Chaos der theatralischen Gleichzeitigkeiten im europäischen Theater etwas übersichtlicher geworden.

Während bisher die Recherchereisen für das Festival „Neue Stücke aus Europa“ (früher in Bonn, seit 2004 in Wiesbaden/Mainz) in die Länder Europas ganz unterschiedliche Fundstücke an Aufführungen zeitgenössischer Dramatik erbrachte – (bei 270 Ur- und Erstaufführungen aus 35 Ländern in zehn Ausgaben kein Wunder!) lässt sich seit anderthalb Jahren – neben blauen, gelben und grünen – ein eindeutiger dicker roter Faden ausmachen. Immer mehr zeitgenössische Dramatiker in Europa  definieren ihre Aufgabe als Schauspielautoren in ähnlicher Weise und drücken das in ihren Stücken aus. Der Grund dafür ist die Finanzkrise.

Sie hat nicht nur das Leben der Europäer, sondern auch die Fundamente des globalisierten Finanzsystems erschüttert. Milliardenbeträge aus den Geldern der Steuerzahler wurden von den Regierungen in die Kassen der Banken umgeleitet, um der Krise Herr zu werden. Dem griechischen Dramatiker Petros Markaris (gleichzeitig der Erfinder des Athener Kriminalkommissars Kostas Charitos und Übersetzer von Goethes „Faust“ und von Brecht-Stücken), ein politisch wacher Autor und früher Warner, kommt das vor „als ob man den Leuten sage: ihr müsst Euren Arbeitgebern unter die Arme greifen, sonst sitzt ihr auf der Straße.“

Unser norwegischer Pate Øyvind Berg (Paten sind die 41 europäischen Dramatiker, die uns bei der Stückauswahl in ihren Ländern beraten) schrieb in einem Artikel zur Theaterbiennale unter der Überschrift „Das Wissen der Ökonomen“:

„Wieso finden wir, die wir beispielsweise einer künstlerisch und intellektuell anregenden Arbeit nachgehen, uns eigentlich damit ab, dass in entscheidenden Gesellschaftsbereichen die Definitions-Macht Menschen überlassen wird, die immer wieder zeigen, dass sie von dem, was sie tun, keine Ahnung haben? Trauen wir uns nicht? Kann man seinen Job überhaupt noch schlechter machen, als es die Ökonomen fertig gebracht haben? … Es kann doch nicht wahr sein, dass keiner irgendetwas kommen sah? War es nicht eher so, dass von allen, die diese Rechnerei ein wenig mitverfolgten, nur die Ökonomen nicht sahen, wohin das führte?“ (Ausschnitt eines am 11. Februar 2009 in Oslo gehaltenen Vortrags. Veröffentlicht in Poesi og lærepenger, Essays, Lectures and Articles. Kolon Forlag, Oslo 2009. Aus dem Norwegischen übersetzt von Ebba D. Drolshagen.)

Es bedarf keines Beweises, dass Europa ökonomisch und politisch schon bessere Zeiten gesehen hat. Und die Nachrichten häufen sich, dass in vielen europäischen (und außereuropäischen) Ländern dramatisch in die Struktur der Kultur- und Theaterförderung eingegriffen wird, so dass uns, im Vergleich zu diesen Gewitterwolken, unsere eigenen Finanznöte noch wie harmlose Schönwetterwölkchen vorkommen müssen.

Das niederländische Theaterinstitut, u.a. das Bindeglied zwischen der fruchtbaren niederländischen und der ausländischen Theaterkultur, soll von der neugewählten rechten Regierung zu Tode gespart werden. In Ungarn besetzt die neue nationalistische Regierung die Posten der Theaterleitungen ohne Rücksicht auf Eignung mit ihren Parteigängern.

Zu den politischen Eingriffen kommen ökonomische hinzu – in Irland, wo wie in England die öffentliche Finanzierung von Theatern schon immer eine prekäre Angelegenheit war, wird Theaterproduzieren immer schwieriger. In der Ukraine, in Weißrussland und Bulgarien stößt die zunächst hoffnungsvolle Aufbruch-Stimmung der Theatermacher mit starren Kunstansichten der Regierenden zusammen. Selbst in Skandinavien ist die öffentliche Finanzierung von Theatern nicht mehr eine Selbstverständlichkeit – wie das Beispiel Dänemark beweist. Nur in Russland boomt das Theater allerorten.

Sollte jetzt beim Lesen indes der Eindruck entstehen, dass durch diese Eingriffe und Bedrohungen das Theater sich aus dem öffentlichen Bewusstsein der europäischen Gesellschaften verabschiedet hätte, wäre dieser Eindruck falsch: die Theatervorstellungen in Europa sind voll, meist überfüllt, auch bei zeitgenössischen  Stücken. Im „Mess“-Festival in Sarajevo vor einigen Wochen stieg das Publikum sogar durch die Fenster ein, um noch etwas von der bosnisch-serbischen Koproduktion mitzubekommen. Wird dem Theater vom verunsicherten Publikum wieder eine neue Deutungskraft zugewiesen?

Eines hat die Krise auf jeden Fall bewirkt: ein neues Bewusstsein der Theatermacher, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Als Beleg dafür, wie sich die Stimmung in Europa gewandelt hat, sind bereits vor dem Festival NEUE STÜCKE AUS EUROPA zahlreiche Originalbeiträge unserer Paten, die sehr ursprünglich das Klima in den jeweiligen Ländern wiedergeben, auf diesem Blog zu lesen.

(Quelle: Die Deutsche Bühne, 82. Jahrgang, Dezember 2011, S. 32-34.)

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