Das Publikum benimmt sich im allgemeinen wie Gäste in einem Restaurant, die auf ihr Essen warten. Sie wissen alles, sie kennen alles. Ihre Geschmacksnerven sind außerordentlich sensibel. Sie sind wählerisch und anspruchsvoll.
Ich habe fast mein ganzes Leben im Theater verbracht. Als ich fünf war, sah ich, wie meine Mutter auf der Bühne ermordet wurde – am Ende eines Melodramas, in dem sie die romantische Heldin spielte. Sie täuschte vor, zu sterben, sie imitierte den Tod; sie beschrieb ihn weder, noch sprach sie darüber, sie zeigte ihn.
Nach der Vorstellung machte sie mir klar, dass sie noch lebe, dass sie nur geschauspielert habe. Aber ich habe ihr das nie geglaubt. Seit dieser Zeit bin ich fasziniert von dem Unterschied zwischen Tatsache und Fiktion, zwischen Realität und Illusion, zwischen Bühne und Hinterbühne, zwischen dem, was „ist“ und dem, was „scheint“, zwischen Restaurant und Küche.
Ich bin Dramatiker und ich unterrichte Szenisches Schreiben. An manchen Tagen sehe ich Theateraufführungen oder lese Stücke, an anderen schreibe ich sie selbst. An manchen Tagen esse ich und an anderen koche ich. Das Essen ist angeboren und einfach, aber das Kochen ist schwierig und will gelernt sein.
Das Publikum benimmt sich im allgemeinen wie Gäste in einem Restaurant, die auf ihr Essen warten. Sie wissen alles, sie kennen alles. Im Bruchteil einer Sekunde wissen sie, ob das Essen versalzen ist oder zu süß, roh oder zerkocht, zu heiß oder zu kalt ist. Ihre Geschmacksnerven sind außerordentlich sensibel. Sie sind wählerisch und anspruchsvoll.
Zuschauer sind instinktive Muttersprachler, sie gebrauchen komplexe grammatische Strukturen, ohne zu wissen, wie sie das machen. Es kommt einfach so. Sie singen Lieder und verwenden Harmonik, dabei machen sich die meisten keinerlei Gedanken über den Kontrapunkt. Sie tun es einfach. Sie alle sind in ihrem täglichen Leben hervorragende Schauspieler. Instinktiv erkennen sie gute Dialoge, starke Handlungsstränge und eine gut definierte Figur. Sie wissen alle Dinge, von denen sie überhaupt nichts wissen.
Und die anderen, die winzige Minderheit von Köchen, muss den Geschmack dieser hungrigen Heerscharen erraten und befriedigen. Diese Köche sind dazu verdammt, in der heißen Küche zu schwitzen, an einem chaotischen und unbequemen Ort, wo man sich selbst vor Lärm kaum denken hört. Und es wird ihnen immer wieder nahegelegt, sich doch etwas anderes zu suchen, wenn ihnen die Sache zu heiß ist. Sie müssen ihre Zutaten auswählen und loslegen! Auf die Plätze, fertig, kochen! Auf allen Platten brennen Speisen an, die Nerven liegen blank, es geht ums Ganze. Noch ist nichts entschieden. Zwischen Triumph und Niederlage liegen nur fünfzehn Sekunden. In der Küche wissen die Köche nur das, was sie tun können. Sie können sich nicht auf die kritische Weisheit des aufgeblasenen und arroganten Kopfs verlassen, sondern nur auf die kreative Weisheit der bescheidenen und fleißigen Hand.
Wenn Sie das nächste Mal in einem Restaurant sitzen, denken Sie doch kurz einmal an den Koch!
Übersetzung: Elena Krüskemper.

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