Berliner Dekonstruktivisten, Hamlet und der postdramatische Nullraum in Kopenhagen
Zeitgenössische Dramatik hat die grundlegende Aufgabe, das moderne Regietheater zu verstehen und herauszufordern. Doch entfremden sich die beiden voneinander, was ebenso einen tiefen Graben zwischen traditionellem und progressivem Theater gräbt. Das Festgefahrensein des Regietheaters in der Interpretation von Klassikern oder im postdramatischen Nullraum verhindert die weitere Entwicklung des Theaters ebenso wie das abgedroschene Verharren der modernen Dramatiker im Narrativen, mit ihrer Inspiration im Absurdismus oder im Realismus der Zeitungsschlagzeilen. Es ist und bleibt das oberste Gebot für den Dramatiker, in einer Reihe mit Schiller, Brecht oder Marlowe zu schreiben. Und es ist und bleibt das oberste Gebot für den modernen Regisseur, seine Arbeit in der Gegenwart zu positionieren, den Neuklassiker mit dem ganzen Arsenal des Regietheaters an Phantasie, Multitradition und szenischem Leben zu formen.
Seit Mitte der 1980er Jahre bis heute suche ich nach einer Unterbrechung der Dekonstruktivismus-Richtung, suche stattdessen nach einer Rekonstruktion von Genre, Tragödie, von großen Charakterrollen, von modernem Schauspiel. Wenn ich aber die Aufführungen in Kopenhagen betrachte, sehe ich dieselbe alte Trennung zwischen Klassiker und Neuem Drama, zwischen dem Seitenstraßenregisseur, der dem neuen Text dient, ohne ihn zu knacken, und den wenigen zutiefst originellen Regisseuren, die ausschließlich angeheuert werden, um Tote wie Hamlet, Kasimir und Karoline wieder zum Leben zu erwecken. Oder ganz selten mal ein Gastspiel irgendeines verendeten Berliner Dekonstruktivisten, dessen hässliche postdramatische Vorstellung mir schablonenhafter und rigider als die schlimmste amerikanische Soap erscheint.
Aus dem Dänischen von Bitten Stuhlmann-Laeisz.

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