Ergreife das Wort « newplays-Blog

Ergreife das Wort


Bevor eine Person mit ihrem Wortgepäck auf die Bühne tritt, muss der Autor das Wort ergreifen. Der Autor ergreift das Wort, wann er will und  erteilt es wem er will. Aber ist das denn so sicher?

Dass der Autor das Wort „erteilt“. Ich persönlich würde eher sagen, ich zwinge das Wort auf und entziehe es wieder. Die Figur existiert nur als sprachliche Identität und kann nicht alleine sprechen. Sie hat keine eigene Stimme. Sie hat nichts zu sagen. Nur weil die Worte kommen und gesagt werden, erschafft die Figur sich schließlich selbst. Der Schauspieler entzieht keinem das Wort und keiner gibt ihm das Wort. Es ist zwangsläufig das Wort des anderen, es ist ganz einfach das Wort des Autors. Meines.

Das Wort ist im Fluss, in Wiederholungen, in Zufälligkeiten, in Dialogen, fest verschraubt, in Atemnot, in Stille, in Brüchen, ob es nun dieser oder danach jener Person anvertraut wird, immer wird es nur mein Wort bleiben. Das Wort, nur Gott weiß, woher der Autor es sich nimmt und wem er es gibt. Die Stimme, die vorausgeht, von der Michel Foucault sehr vertraut schreibt, über die wir nachdenken und die wir gerne hören würden, die uns leitet, uns vor dem Fallen schützt, die über Wissen verfügt, die legitimiert, die nährt – sie existiert, ja. Es ist nicht unbedingt eine Stimme, die uns diktiert. Sondern ein großes Stimmengewirr, noch vor jeder Geste, vor jeder Handlung, das sich nicht zu Gehör bringt, das der Autor aber hört, dessen der Autor sich bedient, (oder vielleicht seine Gedächtnismasse). Ob man das Wort ergreift, hängt von einer einzigen Entscheidung und deren Umsetzung in die Tat ab. Es bedeutet, dieser mystischen, fantastischen Stimme etwas zu entreißen, das in Wirklichkeit jede beruhigende Vorstellung des „von selbst Sprechens“, demnach auch des „von selbst Schreibens“ wieder aufhebt.

Auszug aus einem Originalbeitrag. Aus dem Französischen von Sabine Hartmann.

Leave a Comment