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Identifikation auf dem Balkan


Andrić, Kazantzakis, Kadare und Kusturica hatten Erfolg – weil sie wussten, wer sie sind!

100 Jahre lang waren wir Feinde auf dem Balkan, obwohl sich unsere Völker nahe stehen. Wir waren mit Jugoslawien, mit der Türkei, mit Griechenland sowie mit den Revisionisten Ceauşescu und Enver Hoxha verfeindet. Ergebnis dieser Isolation ist, dass wir heutzutage die amerikanische Kultur besser kennen als die des Balkans, die uns doch im Blute liegt. Und die, vielleicht gerade wegen dieser Isoliertheit, immer noch – Gott sei Dank – eine lokale Kultur ist. So ist der Balkan ein geistiges Reservat geblieben.

Ich war in Polen und beschloss, etwas authentisch Polnisches zu probieren, nur ließ sich so etwas nirgends auftreiben. Überall wurde das Gleiche verkauft, wie bei uns: „Milka“, „Nestlé“, „Mars“, „Danone“, „Ballantine’s“, „Absolut“. Ein und dieselben Filme flimmerten über die Leinwand, allen voran „Harry Potter“. In Lokalen und Bars wurden englischsprachige Evergreens gespielt, und Unterschiede in der Kleidung der Europäer gibt es schon lang nicht mehr. Heute nennt man das Globalisierung und den Geschmack dessen – Euro-Pudding.

Heute kann man nur noch in der tiefen Provinz des Balkans etwas Authentisches entdecken – den dicken Rahm in Serbien, Schnaps aus Tikveš in Makedonien, Lokum und Halva in der Türkei und Hirsebier in Bulgarien.

Der Begriff Balkan taucht in österreichischen Dokumenten zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf und bezeichnet den europäischen Teil des Osmanischen Reichs. Das ist das Resultat eines Missverständnisses – man war der Meinung, die Gebirgskette des Balkans durchziehe die ganze Halbinsel vom Schwarzen Meer bis zur Adria. Aber auch heute kennt Europa den Balkan nicht, doch auch der Balkan kennt Europa nicht. Weil wir in verschiedenen Alphabeten schreiben und denken.

Und die Tatsache, dass das Toponym Balkan türkischen Ursprungs ist, ist auch bezeichnend.

Während sich heute Westeuropa vereinigt, betreiben wir im Osten Separatismus. Aus diesem Anlass sagte ein Kollege, der Ukrainer Irwanetz: „Bevor man sich vereinigt hat, hat man sich in Westeuropa erst einmal ordentlich voneinander abgegrenzt. Das steht uns noch bevor.“

D.h., wir werden wie immer Teil Europas werden und erst dann beginnen, uns von ihm abzugrenzen. Jede Vereinigung ist die Basis für einen gemeinsamen Vorteil, und was wir anbieten können, ist vollkommen klar – billige Arbeitskräfte; schon gehen die Konflikte zu diesem Thema los. Aber am traurigsten ist, dass man uns dort nicht versteht, so wie wir die anderen auch nicht verstehen. Der Geist des Balkans ist nur dort zu verstehen, wo man vor dem Essen Schnaps trinkt und Lieder über Blutrache singt: von Albanien bis Zypern und von den Karpaten bis nach Kreta.

Deshalb sollten wir uns erst einmal abgrenzen, bevor wir uns mit Europa vereinen. Und um uns abzugrenzen, müssen wir uns identifizieren. Heutzutage attackieren viele unserer Regisseure Europa mit Beckett und Shakespeare, aber Andrić, Kazantzakis, Kadare und Kusturica hatten nur mit Balkanthemen Erfolg. Weil man überall, bevor man dir die Tür öffnet, fragt, wer du bist.

Heute ist die Identifikation das schwerste Problem des Balkans. Und das blutigste. Und so wird es bleiben, solange man nicht begreift, dass man etwas Unteilbares nicht teilen kann.

Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann.

One Comment to “Identifikation auf dem Balkan”

  1. avatar Dieter Topp says:

    Jedoch hat diese geistige Reservat mit oder ohne Globalsierung dieselben Probleme wie der Westen, und das hat Boytchev recht eindrucksvoll in TITANIC ORCHESTER beschrieben. Das Stück wurde in West-Rumänien, beim Theaterfestival Timisoara in der Inszenierung von Alexander Hausvater ebenso eindrucksvoll realisiert. Die Leere, die Einsamkeit und das Warten, dass irgendwann ein Zug kommt, auf den man aufspringen kann und der einen dahin bringt, wo es etwas besser ist.

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