Archive for June, 2012


New Plays From Europe from Ste Murray on Vimeo.


Tankred Dorst und Ursula Ehler im Gespräch über Brecht, das Internet und die Theaterkritik

Ursula Ehler und Tankred Dorst bei der diesjährigen Festivaleröffnung (Foto: Lena Obst).

Sind Sie zufrieden mit dem Festivalverlauf?
Tankret Dorst:
Ja, ich bin bisher sehr zufrieden. Die Produktionen sind unterschiedlich, und das war auch unsere Absicht. Der Ansatz ist nicht, in all diese Länder zu fahren und zu sagen, das Theater soll so und so sein, sondern wir gehen hin und wissen nicht, wie das Theater sein soll. Wir gehen hin und sehen, dass es in verschiedenen Ländern verschieden ist. Und Verschiedenheit ist ja eine Tugend.
Ursula Ehler: In der Kunst schon.

War der neue Europabegriff, mit dem man seit den 1990er Jahren zu tun hat, ein Grund das Festival zu initiieren?
Dorst:
Ein Grund war es nicht.
Ehler: Aber dadurch hat das Festival andere Voraussetzungen und Impulse bekommen.
Dorst: Wir sind erst mal aus Neugier gereist.
Ehler: Als wir angefangen haben, wussten die interessierten Leute, was in Westeuropa passiert, in Avignon, Holland, Italien oder Spanien. Aber wir wussten überhaupt nichts von der anderen, (more…)


Giorgos Neophytou, Autor von „DNA“ und der Zypern-Pate Antonis Georgiou in einem Gespräch über die Folgen des Krieges in ihrer Heimat

Wie beeinflusst die politische Situation in Zypern das Theater?
Giorgos Neophytou:
Jede politische Situation, in jedem Land muss auch die Kultur beeinflussen. Direkt nach dem Krieg 1974 war das ein Tabu, jetzt fangen wir an darüber zu schreiben.

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„Rückstoß“ – einfallslose Männerphantasie oder sauber genähter Theaterabend: Darüber kann man streiten.

In "Rückstoß" ist die Wirklichkeit verschoben. (Foto: Martin Kaufhold).

Tod, Sex und Traum. „Guten Abend, Herr Freud!“, ist man bei solch einer Kombination versucht zu rufen. Um dann gleich hinterherzuschicken: „Wie konnten Sie nur vor hundert Jahren schon ahnen, was das Unbewusste auf zeitgenössischen Theaterbühnen alles anrichten kann?“ Aber das unkritische Nachspielen von Phantasien und Geschlechterklischees ist im Theater nicht gerechtfertigt. Schon gar nicht in Zeiten, in denen Frauen mitreden. Zeiten wie der Sommer 2012, in dem die bulgarische Produktion „Rückstoß“, nach einem Text von Zachary Karabashliev in der Regie von Stayko Murdzhev im Staatstheater Wiesbaden aufgeführt wird und, ohne mit der Wimper zu zucken, (more…)


Das Forum Junger Autoren lädt mit „Drama, Baby“ zum Stück-Spaziergang

Hilda Anna Papst und Darius Lukas Piraitis (Foto: Ste Murray).

Keine leichte Aufgabe für Texte von 20 DramatikerInnen eine gemeinsame Form zu finden, die etwa eine Stunde dauern und eigenhändig aufgeführt werden soll. Sie müssen nicht nur beweisen, dass sie etwas von Worten und Inhalten verstehen, sondern auch noch für die Darbietung Sorge tragen. Dazu müssen sie sich etwas Gewitztes einfallen lassen, um der eventuellen Monotonie, die hinter zwanzig Fünfminütern lauert, von vornherein entgegen zu treten. Was machen sie also? Sie fügen sich einem erweiterten Autorenbegriff und laden zum Spaziergang. Treffpunkt Kolonnaden. (more…)


Der Kritikerpreis des FORUMS JUNGER THEATERKRITIKER geht an „Immer noch Sturm“

Der begehrte Chiller-Preis geht in diesem Jahr an Peter Handkes "Immer noch Sturm". (Foto: Ste Murray)

Junge Kritiker können ganz anders und ziemlich zugewandt sein, sich in die Seelenlage des Autors einfühlen, die Produktionsbedingungen von Inszenierungen nachempfinden, sowohl für ein Stück als auch für seine szenische Umsetzung glühen und dann auch noch einen Preis vergeben.

Hier ist er also, der Chillerpreis der Jungen Theaterkritik bei der Theaterbiennale 2012. Die Voten der dreizehn Stimmberechtigten wurden nach einem komplizierten Rechenverfahren des Max-Planck-Instituts für Astrologie und Kosmologie ausgewertet.

Das Ergebnis: (more…)


In „Mörder“ gelingt es Alexander Moltschanow, wortkarge Szenen wortreich zu erzählen

Wenig größer als ein privates Schlafzimmer: Die Bühne von Femistokl Atmadsas (Foto: Martin Kaufhold).

Heute sitzt man unbequem im Studio Wiesbaden. Weil die Truppe vom Moskauer Theater der Jungen Generation festgestellt hat, dass der kleinste Spielort des Staatstheaters für ihr Gastspiel immer noch zu groß ist, bleiben die Sitzreihen leer. Stattdessen hat man auf der Bühne einen schmalen Kasten errichtet, dessen eine Hälfte mit ansteigenden Biergartenbänken für die Zuschauer gefüllt ist, während die andere Hälfte, wenig größer als ein privates Schlafzimmer, als Spielfläche dient. Geringe Beinfreiheit, fehlende Rückenlehen und erzwungener Körperkontakt mit dem Sitznachbarn trüben den Gesamteindruck. (more…)


In Oliver Frljićs „Verdammt sei der Verräter seiner Heimat“ prallen Publikumsbeschimpfung, politisches Theater und Nachdenken über das Medium aufeinander

Neun Personen stehen in einer Reihe. Ein Mann tritt heraus, zieht eine Waffe und erschießt die restlichen acht, einer Hinrichtung gleich. „Was glotzt ihr so?“, schreit er in den Zuschauerraum, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtet. In Oliver Frljićs „Verdammt sei der Verräter seiner Heimat“ wird so oft gestorben, dass der Tod zu einem absurden Vorgang wird. Dabei fängt der Abend ruhig an: die Schauspieler liegen auf der Bühne, jeder ein Instrument in Griffweite. Eine schwere osteuropäische Volksweise (more…)


Martin Heckmanns „Vater Mutter Geisterbahn“: was Eltern falsch machen, wenn sie alles richtig machen wollen

Otto soll Künstler werden. Oder Entwicklungshelfer (Foto: Lena Obst).

Otto fragt: „Weißt Du, wie schwierig das ist? Rausgehen, ohne zu wissen woher und wohin. Was soll ich da machen?“ Die Antwort des Vaters: „Das liegt an Dir.“ Doch damit scheint Otto erst recht nicht geholfen zu sein. Auch nicht mit dem Erziehungsratgeber, den die Mutter gerne zitiert: „Lächeln Sie ihr Kind immer an“. Und schon gar nicht mit den Gute-Nacht-Geschichten des Vaters, bewusst überfordernden Auszügen aus philosophischen Texten. Otto soll ein Künstler werden. Entwicklungshelfer wäre besser, meint die Mutter.

Die Eltern in Martin Heckmanns „Vater Mutter Geisterbahn“ erwarten viel von ihrem Kind. (more…)


Die Zeit ist schnell vergangen, heute ist der letzte Festivaltag und mit ihm kommt das abschließende Pressegespräch. Bereits die beiden Pressekonferenzen zum Programm des Festivals konnten in diesem Blog live mitverfolgt werden. Heute werden der Übersetzerpreis und der Publikumspreis verliehen, die Foren stellen ihre Arbeit vor und Resümees werden gezogen!  Ab 11.00 Uhr live hier zu verfolgen.

11.02: Das Zelt füllt sich. Kaffee wird gekauft und auch Gespräche geführt, aber noch nicht auf der Bühne… man kennt das ja, wir warten einfach noch einen Moment.

11.03: Elena Krüskemper greift zum Mikrofon. Die Veranstaltung wird gedolmetscht von zwei Studentinnen der Uni Mainz-Germersheim, die Konferenzdolmetschen studieren und bald ihren Abschluss machen.

11.04: Nachdem wir das geklärt haben, betritt Tankred Dorst schon mal die Bühne und setzt sich. Anfangen muss es deswegen aber noch lange nicht.

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Simona Hamer (Foto: Ste Murray)

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Die Redaktion des Forums Junger Theaterkritiker: Nora Anna Lipp, Marianna Jakubeková, Meike Hickmann, Ste Murray, Veronika Steininger, Henriette Westphal, Tabea Venrath, Elisabeth Michelbach, Maxi Zahn, Martin Petschan, Katrin Schmitz, Angela Aumann, Jürgen Berger, Grete Götze. (Foto: Ste Murray)


Am vorletzten Tag des Festivals gehts um Grundsätzliches: Wie frei ist die Kunst in den Ländern der europäischen Union? Mária Mayer-Szilágy und Henk Scholten, Theatermacher aus Ungarn und den Niederlanden, diskutieren mit Thomas Engel (Internationales Theater Institut) und Dr. Ruth Fühner (Hessischer Rundfunk). Bleiben sie auf dem Laufenden mit unserm Live-Blog aus dem Festivalzelt!

16.58: Nach und nach schlendern die Besucher durch den Park und sammeln sich in der freundlichen Atmosphäre des Festivalzeltes.

17.03: Noch ist die Bühne leer. Die Moderatorin Dr. Ruth Fühner wurde aber schon gesichtet.

17.09: Die Diskutanten haben die Plätze eingenommen. Ruth Fühner begrüßt die Anwesenden. (more…)


Die irische Compagnie Brokentalkers verweigert es in „The Blue Boy“, die Missbrauchsfälle der katholischen Kirche theatral aufzulösen.

Insgesamt prägen historische Dokumente und vom Tonband kommende Erinnerungen den Abend (Foto: Martin Kaufhold).

Der 2009 veröffentlichte Ryan-Report über unzählige Missbrauchsfälle in katholischen Schulen hat in Irland hohe Wellen geschlagen. Die irische Compagnie „Brokentalkers“ entzieht sich in „The Blue Boy“ den medialen Mechanismen emotionsheischender Empörung und einebnender Berichterstattung und gibt stattdessen jenen Menschen Raum, die diese Schrecken überlebt haben. Das ist dokumentarisches Theater im wahrsten Sinne des Wortes: Historische Dokumente und persönliche Erinnerungen, die vom Tonband kommen, prägen den Abend. Im Widerspruch dazu stehen kleine Szenen, die den Abend mit einer theatralen Melodie unterlegen. Doch insgesamt entscheiden sich Brokentalkers für eine rohe Form, anstatt zu emotionalisieren. Berührt ist der Zuschauer trotzdem. (more…)


Die Vermissten des Zypernkonflikts: Despina Bebedeli inszeniert Giorgios Neophytous „DNA“

Mutter und Sohn (Foto: Martin Kaufhold).

Die DNA hat die Gestalt einer Doppelhelix, die aus zwei sich umeinander windenden Strängen besteht. Sie hat die Form einer Wendeltreppe aus Eisen, auf der eine Frau ihren Mann kennenlernte, als er ihr einen Haarkamm aufhob. „Und er fiel dir wieder runter. Mach die Augen nicht auf. Auf jeder Stufe meine Liebe. Siehst du sie? Wegen meiner Liebe ist diese Wendeltreppe nicht so wie alle anderen.“, erinnert die Frau sich an die erste Begegnung mit ihrem Mann, den sie liebte, seinen Körper, seine Stimme, seine Umarmung. Doch das alles kommt nicht zurück. Es kommt nur die DNA zurück. (more…)


Festivalpate Jeton Neziraj erzählt Kindern und Jugendlichen von seiner Schulzeit im Kosovo

Priska Janssens, Jeton Neziraj und die Schüler der Wolfram-von-Eschenbach-Schule (Foto: Ste Murray).

Was kann man über den Kosovo sagen, wenn man noch nie dort war? Die ersten Assoziationen der Hauptschüler der Deutsch-Intensivklasse der Wolfram-von-Eschenbach-Schule in Wiesbaden sind: Ein Haus mit gelbem Dach, ein Berg, eine Kirche und ein Fluss. Die Schüler sind sicher, dass die Menschen dort sehr freundlich sind. Priska Janssens vom Jugendreferat des Staatstheaters hat die Kinder und Jugendlichen eingeladen, mit ihr eine phantastische Reise in das Balkan-Land zu machen. Dazu lässt sie mit einem blauen Tuch einen „Fluss“ durch das Festivalzelt fließen, über den man erst hüpfen muss, um in den Kosovo zu kommen. Sevvin aus der Türkei ist zwölf Jahre alt. Sie bewegt die Arme wie ein Vogel: „Ich würde lieber mit dem Flugzeug hin fliegen.“ Das kleine Mädchen im Karo-Hemd hat sich die Sprachen gemerkt, die im Kosovo gesprochen werden. Sie zählt auf: Albanisch, Türkisch, Serbisch. Die anderen beiden fallen ihr nicht mehr ein: Bosnisch und Romanes. An das Wort „Krieg“ denkt zunächst keiner der sechzehn Schüler. Sie basteln stattdessen eine bunte Collage aus Stoff und Pappe zum Thema Kosovo, in der Krieg und Gewalt nicht vorkommen. Was zuerst beliebig aussieht, wird von Festivalpate Jeton Neziraj später gelobt. Die Collage spiegele das bunte Nebeneinander von Kulturen und Sprachen des noch so jungen Landes wieder.

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Das isländische Gruppe Vesturport beschäftigt sich mit der mythischen Geschichte eines Serienmörders

Man sagt, es gäbe auf Island keine Morde, von Mordserien ganz zu schweigen, das Land habe seit jeher die niedrigste Mordrate weltweit. Tatsächlich muss man weit in der Geschichte des Landes zurückgehen, um das Klischee vom nordischen Arkadien zu widerlegen und mit Björn von Öxl auf einen isländischen Serienkiller zu stoßen. Axlar-Björn, so sein isländischer Name, (more…)


Zwischen deutscher und russischer Mentalität vermittelt der aus Russland stammende Victor Ferin (42). Der Künstlerbetreuer der russischen Theatergruppen hilft diesen zum Beispiel beim Aufbau der Bühne, denn auch das Vokabular für alles Technische hat er parat. Schade sei allerdings, dass er kaum andere Vorstellungen außer den russischen Produktionen ansehen kann, sagt Victor, der sich als ein Urgestein der Bonner Biennale bezeichnet. Aber vielleicht klappt es ja heute Abend? (Foto: Ste Murray)


Mikhail Durnenkow, russischer Pate des Festivals und Mitglied der Bewegung „Neues Drama, über „Circo Ambulante“ als politische Ohrfeige für den russischen Zuschauer und junge Regisseure, die nur Klassiker inszenieren wollen.

Der russische Pate des Festivals, Mikhail Durnenkow (Foto: Ste Murray).

Togliatti ist ein denkbar unwahrscheinlicher Geburtsort für eine dramatische Strömung. Die Stadt liegt 1000 Kilometer südöstlich von Moskau und wurde in den 1950ern Jahren erbaut, um die Arbeiter der größten Automobilproduktionsstätte der Sowjetunion zu beheimaten. 1999 übernahm der russische Stückeschreiber Vadim Levanov ein kleines, jährlich stattfindendes Literaturfestival in der Stadt, unter der Bedingung, den Fokus auf neue Dramatik richten zu dürfen. Innerhalb eines Jahrzehnts gelang es ihm, das Festival zum Sammelbecken junger talentierter Dramatiker zu machen. Einige von ihnen erlangten internationale Aufmerksamkeit, so auch der russische Pate Mikahil Durnenkow. Dieses Aufblühen junger Dramatik in der Provinz wird heute Togliatti-Phänomen genannt. Aber nicht nur in Togliatti, sondern auch an anderen Orten Russlands schlossen sich in den späten 90er Jahren Autoren zu einer zwar heterogenen, aber das Interesse für die Gegenwart teilenden Strömung zusammen. Das „Neue Drama“ war geboren. (more…)


Die britische Gruppe Blast Theory schickt in ihrer Performance „A Machine to See with“ Menschen per Handyanweisung durch die Stadt. Drei Eindrücke der jungen Kritiker

Katastrophenteam

Eigentlich weiß ich ja, dass alles nur ein Spiel ist, und möchte an der Outdoor-Performance „A Machine to See with“ mit der Distanz eines Warentesters für neue Formate teilnehmen. Eine Stimme am Telefon gibt mir Instruktionen, eine Bank auszurauben. Das kann doch nur heiße Luft sein. Aber dann passiert es: Der unsichtbare Mentor mit seinem erotischen britischen Akzent (more…)


Zwei Sprachliebhaber erzählen, warum Autorenschaft und Journalismus so verschieden gar nicht sind

Valerie Kattenfeld und Karl W. Flender (Foto: Ste Murray).

Sie könnten auch auf der anderen Seite sitzen Karl W. Flender und Valerie Kattenfeld waren 2010 Mitglieder des Forums Junger Theaterkritiker. In diesem Jahr nun führen sie keine Interviews, sie werden selbst interviewt. Auf der Suche nach einem ruhigen Ort haben wir sie ins schummrige Foyer des Großen Hauses in Wiesbaden geführt, um mit ihnen über das Schreiben zu sprechen. Beide nehmen jetzt am Forum Junger Autoren teil: Dramatiker und Kritiker in einer Person, und das in einem Theatersystem, das zwischen künstlerischem Schaffen und Analyse fein säuberlich unterscheidet. (more…)


Ein Gespräch mit Jens Harzer, dem Ich-Erzähler in Peter Handkes „Immer noch Sturm“

Harzer zurück in Wiesbaden (Foto: Ste Murray).

Sie sind gebürtiger Wiesbadener. Hat ihre Theaterlaufbahn hier begonnen?

Ich habe hier in Wiesbaden sehr viele Aufführungen gesehen. Bei den Maifestspielen habe ich als Vierzehn-, Fünfzehnjähriger Aufführungen von den Kammerspielen München oder dem Deutschen Theater Berlin gesehen. Das sind bleibende Erlebnisse. Und mit sechzehn, siebzehn, war ich Statist am Theater hier. Das ist jetzt schon so lange her, eine schöne Erinnerung, aber nichts Besonderes. (more…)


Dimiter Gotscheff beschwört mit Peter Handkes „Immer noch Sturm“ lebendige Tote

Im Himmel, so erzählt man Kindern, treffen sich alle wieder: Die Großeltern und Eltern, deren Kinder und Kindeskinder sind dort auf ewig als Familie vereint. Fast meint man, der Ich–Erzähler in Peter Handkes „Immer noch Sturm“ ist schon dort angekommen. „Wo sind wir?“, „Was ist das für ein Ort?“, „Gar kein Ort?“, fragt er zu Beginn. Doch noch sind es sehr konkrete irdische Gefilde, an denen der Nachfahre auf seine Ahnen trifft: auf einer Bank im Kärntener Jaunfeld, (more…)


Flughafen, Hotel, Theater und alles wieder zurück: Von morgens bis abends fährt Pedro Romano, 46, die Gäste des Festivals und unsere Zeitung von einem Ort zum anderen. Sonst ist er Orchesterwart. Die Fahrerei sei zwar stressig, aber es ist interessant so viele Menschen aus verschiedenen Ländern kennenzulernen. Zu 90% seien alle sehr sympathisch – hoffen wir, dass er heute nicht einen von den 10% erwischt (Foto: Ste Murray).


Zwei Festivalteilnehmer und zwei junge Kritiker versuchen dem Theater zu entkommen

Wie entkommt man einer normalen Interviewsituation? Schafft man es, auf einem Theaterfestival nicht nur über Theater zu reden? Entwickeln sich die Gespräche anders, wenn man die sichere Umgebung des Festivals gegen eine Wiesbadener Kneipe tauscht? Und kommt man sich am Ende näher? Für unser Experiment suchen wir willkürlich zwei Leute aus: John Hunter, künstlerischer Assistent der britischen Performancegruppe Blast Theory und die rumänische Patin Gianina Cãrbunariu. (more…)


Festivalleiterin Maya Schöffel im Gespräch über Kinder, Theater und Knochenarbeit

Kommt an einem gewissen "Entweder Oder" nicht vorbei - Maya Schöffel (Foto: Ste Murray).

Wir treffen uns um drei. Die Mittagszeit ist ein bisschen schwer planbar, weil man nicht genau weiß, wann das Baby essen will. Es ist noch ganz klein, aber wie eine strapazierte junge Mutter sieht Maya Schöffel, Festivalmanagerin und Künstlerische Leiterin der Theater-Biennale, nun wirklich nicht aus. In der Kantine holt sie Kaffee, bespricht noch ein bisschen nach links, noch ein bisschen nach rechts, und sitzt dann sehr gelassen und freundlich an einem der kleinen Tische. Sie sieht entspannt aus. „Ja“, sagt sie, lacht, und sieht noch entspannter aus. Das liege daran, dass ihre Vertretung Christine Bocksch die „Knochenarbeit“ übernommen habe, ab dem Zeitpunk als sie in den Mutterschutz ging. Jetzt sei das Schlimmste ja schon gelaufen und sie von der strapaziösen Phase ausgenommen. Das sagt sie fast, als wäre ein Kind zu bekommen so was wie Urlaub.

Es ist gut, beim Thema Baby zu bleiben, beziehungsweise bei all den Fragen, die sich anschließen, wenn man als Frau beides möchte: arbeiten und Kinder haben. Jeder weiß, dass das Theater kein besonders familienkompatibler Arbeitsplatz ist, allein (more…)


Yiğit Sertedemirs feiert mit „Sȗrname 2010. Ein Fest für Sühendan“ die türkische Kultur

Eine Tanzvorstellung übertrifft die nächste (Foto: Lena Obst).

Fünf Meter große Puppen mit Turban und Pumphosen schlagen ein Rad, an Stäben geführt von sieben Schauspielern. Davor Tänzer mit hoch aufgetürmten Puppenköpfen, ein Chor mit Handpuppen, grinsenden Masken und Tänzer mit liebevoll verzierten Papppferdchen am Bauch. Eine Szene übertrifft die nächste mit eindrucksvollen Bildern und aufwendigen Kostümen, angekündigt von zwei Handpuppen namens Schwätzer und Schwätzerin.

„Sȗrname 2010. Ein Fest für Sühendan“ heißt das Stück von Autor und Regisseur Yiğit Sertdemir. Es hat nichts Geringeres als eine ganze Stadt zum Thema: Istanbul. (more…)


Zwei Theaterstücke aus der Türkei verraten viel über die Atmosphäre ihrer Herkunftsstadt

Menschen ereifern sich über Zeitungen. Ein Paar findet seine Wohnung abends verwüstet vor. Jemand rennt fluchend dem Bus hinterher. Ein junger Mann wird auf der Straße vom Bruder seiner Freundin erschossen. Alle vier sind Szenen aus Istanbuler Theaterstücken. „Sȗrname 2010. Ein Fest für Sühendan“ und „Schöne Dinge sind auf unserer Seite“ spielen beide in Istanbul, sie wurden dort geschrieben, ihre Autoren Yiğit Sertdemir und Berkun Oya wohnen beide dort. Doch was erzählen die beiden Stücke über die türkische Metropole? (more…)


Berkun Oyas „Schöne Dinge sind auf unserer Seite“: Istanbuler Spielarten der Fremdheit 

Heile Welt mit skandinavischen Möbeln, Schallplatten, Büchern... (Foto: Martin Kaufhold)

„Wie kannst du so eiskalt sein, wie eine Fremde“ sagt der Mann zu der Frau. Die Fremde ist seine langjährige Freundin. Fällt dieser Satz in Berkun Oyas Kammerspiel, ist die Beziehung schon kaputt. In die Welt des aufgeklärten Paares, angesiedelt im großstädtischen Intellektuellenmilieu, dringt etwas Fremdes ein. Das eigene System kollabiert. Ein junges Pärchen vom Land ist vor der Familie des Mädchens geflohen und bricht, etwas hilflos, in die Wohnung des Paares ein. Es kommt zum Konflikt, ein Messer ist im Spiel, ein banaler Fotoapparat wird zum Zankapfel, das Pärchen auf der Flucht flieht auch aus dem Großstadt-Apartment. (more…)


Während wir mit Technikleiter Ludi Schmitz sprechen, erleben wir seinen Alltag hautnah: Es gibt ein Problem, Ludis schnellem Tempo vom Festivalzelt runter in die Katakomben des Theater halten wir kaum Schritt. Es herrscht Hektik, aber er bewahrt immer einen kühlen Kopf. Lösungen finden, das ist sein Alltag. "Und Menschen glücklich machen.", fügt er hinzu (Foto: Ste Murray).