„Immer noch Sturm“ überzeugt durch seine leidenschaftliche Sprache. Handke aber ist seltsam zahm geworden
Ein Jaunfeld in Kärnten, ein Apfelbaum mit neunundneunzig Äpfeln, eine Bank. Dieses minimalistische Setting ist Schauplatz für Peter Handkes neueste Familienforschung. Neben dem Ich-Erzähler – Handke ist sich selbst noch immer sein liebster Stoff – treten drei Generationen seiner Vorfahren auf, um eine mit fiktiven Elementen bereicherte Familiengeschichte zu erzählen. Sie steht beispielhaft für die Geschichte der slowenischen Minderheit im österreichischen Kärnten. Die Tragödie der Familie, beziehungsweise die der Kärntner Slowenen, erstreckt sich über mehrere Jahre. Viel Zeit, die auch nach ihrer Repräsentation auf der Bühne suchen wird.
Dimiter Gotscheff etwa, der im August 2011 für die Uraufführung bei den Salzburger Festspielen in Kooperation mit dem Thalia Theater Hamburg verantwortlich zeichnete, nimmt sich gute vier Stunden für das Traumspiel, in dem Handke sieben seiner Vorfahren literarisch wiederauferstehen lässt: seine Mutter, die Großeltern, die Tante und drei Onkel. Die Handlung setzt in den dreißiger Jahren ein, der Zweite Weltkrieg steht unmittelbar bevor. Und spätestens zu Kriegsbeginn ist die Andersartigkeit, das Ausgegrenztsein der Familie dann deutlich: Das Sprechen der slowenischen Sprache wird verboten, die Minderheit verfolgt. Alle drei Onkel müssen für das Großdeutsche Reich in den Krieg ziehen, zwei fallen an der Front.
Der Krieg endet, Tante Ursula ist zu betrauern
Der dritte, der friedliche Apfelzüchter Gregor, auf Heimaturlaub in Kärnten, beschließt nicht mehr an die Front zurückzukehren. Stattdessen schließt er sich den Partisanen an und zieht in die Wälder; er folgt seiner Schwester Ursula, für deren Tod er verantwortlich sein wird. Doch während in der Welt der Krieg tobt, entwickelt sich das Jaunfeld zu einer Enklave des Friedens, in der die Zeit oft genug stehenzubleiben scheint. Die Bank und der Baum, der Ich-Erzähler und die Großeltern werden zu Konstanten. Botenberichte der in die Szene stolpernden, schleichenden, schlurfenden Verwandten treiben die Handlung, nein, viel mehr die Zeit voran. Der Krieg endet, Tante Ursula ist zu betrauern. Und obwohl die Partisanen der slowenischen Minderheit sich nach dem Einmarsch der Alliierten auf der Seite der Sieger wissen und mit ihrem Kampf einen entscheidenden Beitrag zur Unabhängigkeit Österreichs beigetragen haben, müssen sie immer noch gegen ihre Unterdrückung kämpfen. An diesem Zustand hat sich bis heute wenig geändert. Der Streit um zweisprachige Ortstafeln zum Beispiel wurde erst letztes Jahr gelöst. Und so nebulös wie die Szenerie aus dem Nichts entstanden zu sein scheint, so versöhnlich klingt sie trotz all des Leids aus, im gemeinsamen Singen der Weltverdruß-Polka.
Getragen wird das Stück durch seine starke, schwere Sprache. In jedem der Sätze schwingt eine ungeheure Sehnsucht mit. Es wird leidenschaftlich gestritten, angeklagt und verflucht, doch zwischen den Zeilen liest sich gleichzeitig auch die Versöhnung. Zu keinem Zeitpunkt scheint die Idylle des Jaunfelds zu kippen, selbst als Handkes Alter Ego, der Erzähler, seinem pubertären Ich gegenüber steht und auf es einschlägt. Gerade diese Sprache ist es, wofür „Immer noch Sturm” zu loben ist. Aber ist sie noch zeitgemäß? Während Handke in Stücken wie der „Publikumsbeschimpfung“ noch versuchte, die gängigen Formen der Dramatik aufzubrechen und neue literarische Wege aufzuzeigen, begnügt er sich jetzt mit einer epischen Erzählweise, die die Frage nach der literarischen Gattung, ist es nun Prosa, Bühnengedicht oder Erzählung, nur vordergründig stellt.
Wo sind nur die Ecken und Kanten geblieben?
Der Inszenierbarkeit des Textes beschert das letztendlich keine Probleme. Die Kritiken jedenfalls nahmen die Uraufführung sehr wohlwollend auf. Und die zahlreichen Inszenierungen, die derzeit in Deutschland zu sehen sind, tragen Handkes Wunsch Rechnung, es möge nachhaltig auf den Bühnen präsent sein. Doch ist er mit seiner Vermischung aller literarischer Gattungen, aller Verwebungen des Historischen mit dem Biographischen sowie dem Fiktionalen nicht vielleicht einer Philosophie der Gemenge und Gemische verfallen, die das Stück ungreifbar macht? Hat sich das frühere „enfant terrible“ mit seiner Versöhnlichkeit womöglich endgültig in den Bereich der Konsenskunst gerückt? Ist aus dem jungen Wilden ein zahmer Alter geworden? Wo sind die Ecken und Kanten, an denen sich die Kritiker früher stießen?
Als sich Peter Handke das letzte Mal politisch beziehungsweise im ethnischen Diskurs zu Wort meldete, erzeugte das eine der größten Kontroversen im literarischen Betrieb der Neunziger- und Nullerjahre. Das Engagement für den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Slobodan Milošević wird ihm noch heute übel genommen. Damals beförderte er sich mit seinem Standpunkt ins Abseits. Zu einem vergleichbaren Eklat konnte es diesmal nicht kommen. Zustimmung von allen Seiten. Ob Handke, der sich doch so gern als Außenseiter stilisiert, diese Idylle erträgt, wird sich zeigen.
Hamburg/Salzburg: Peter Handke “Immer noch Sturm“, Staatstheater Wiesbaden, Großes Haus, 20.6. 19:30 Uhr

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